Sie hatte Evas leichten, trockenen Husten wohl bemerkt; die täglich brennenden Wangen; auch der Glanz der Augen und die fiebrige Ausgelassenheit täuschten sie nicht.
Sie versuchte, St. Clare ihre Befürchtungen mitzuteilen; aber er fegte ihre Vermutungen gereizt und unwirsch und nicht wie sonst in gutgelauntem Leichtsinn beiseite.
»Du mußt nicht schwarzsehen — das hasse ich!« sagte er; »siehst du denn nicht, daß das Kind wächst? Wenn Kinder rasch wachsen, büßen sie immer an Kraft ein.«
»Aber sie hat den Husten.«
»Pah, der Husten! — Das bedeutet nichts. Sie hat sich vielleicht erkältet.«
»Na, so hat es bei den andern auch angefangen.«
»Oh, hör auf! Ihr seid so kampferprobt, ein Kind braucht nur zu niesen oder ein bißchen zu husten, und schon seht ihr überall Verderben und Untergang. Nimm das Kind in acht, bewahre sie vor der Nachtluft, und laß sie nicht zu viel draußen spielen, dann wird es ihr schon besser gehen.«
So sprach St. Clare. Aber er wurde nervös und unruhig. Er ließ Eva nicht mehr aus den Augen, was sich schon an der Häufigkeit verriet, mit der er betonte: »Das Kind ist ganz wohlauf.« - »Sein Husten besagt gar nichts« - »Es ist nur eine leichte Magenverstimmung, wie Kinder sie häufig haben.« Aber er hielt sie mehr als früher an seiner Seite, nahm sie auf seinen Ritt mit und brachte ihr alle paar Tage ein anderes Stärkungsmittel mit. »Nicht, daß das Kind es braucht, aber es wird ihm keinen Schaden tun.«
Tiefer als alles andere kam ihm aber die zunehmende geistige Reife des kleinen Mädchens schmerzlich zum Bewußtsein. Bei aller kindlichen Unbefangenheit ließ sie zuweilen ganz unbewußt Worte von so weittragender Bedeutung und seltsamer unirdischer Weisheit fallen, daß sie wie eine Inspiration wirkten. St. Clare verspürte jedesmal einen eisigen Schrecken und schloß sie in die Arme, wie um sie damit zu retten; in seinem Herzen erhob sich eine wilde Entschlossenheit, sie festzuhalten und niemals fahren zu lassen.
Das Kind schien Herz und Seele an Werke der Liebe und Güte zu verschwenden. Von Natur aus von impulsiver Großzügigkeit, schien sie jetzt eine fast weibliche Rücksicht an den Tag zu legen, die jedem auffiel. Immer noch spielte sie gern mit Topsy und den anderen farbigen Kindern; aber jetzt war sie lieber Zuschauer als Anstifter, und sie konnte eine halbe Stunde Topsys drollige Späße belachen — bis ein Schatten über ihr Gesichtchen glitt, ihre Augen träumerisch blickten und ihre Gedanken abschweiften.
»Mama«, sagte sie eines Tages plötzlich zu ihrer Mutter, »warum bringen wir unseren Leuten nicht das Lesen bei?«
»Was für eine Frage, Kind! Das tut niemand.«
»Und warum nicht?«
»Weil es gar keinen Zweck hat. Das hilft ihnen nicht bei der Arbeit, und zu etwas anderem sind sie nicht da.«
»Aber sie müßten die Bibel lesen, um Gottes Willen zu erfahren.«
»Oh, das kann man ihnen notfalls vorlesen.«
»Mir schient, Mama, die Bibel sollte jeder selbst lesen. Sie brauchen es so oft, wenn niemand da ist, der ihnen vorliest.«
»Eva, du bist ein merkwürdiges Kind«, sagte ihre Mutter.
»Tante Ophelia hat Topsy auch das Lesen gelernt«, fuhr Eva fort.
»Ja, und du siehst, was dabei herauskommt. Topsy ist der schlimmste Teufelsbraten, den ich kenne.«
»Zum Beispiel die arme Mammy! Sie liebt die Bibel so sehr und wünscht sich heiß, sie könnte lesen. Was soll sie anfangen, wenn ich ihr nicht mehr vorlesen kann?«
»Na, langsam wirst du auch andere Dinge im Kopf haben, Eva, als unseren Leuten die Bibel vorzulesen. Ich will nicht sagen, daß es sich nicht gehört. Als ich noch bei Kräften war, habe ich es selbst getan. Aber wenn du später schöne Kleider trägst und Gesellschaften besuchst, wirst du keine Zeit mehr dazu haben. Sieh einmal«, setzte sie hinzu, »diese Juwelen werde ich dir zu deinem ersten Ball schenken. Ich trug sie damals auch. Und ich kann dir sagen, Eva, ich habe riesiges Aufsehen erregt.«
Eva nahm das Kästchen und hob einen Brillantenhalsschmuck in die Höhe. Ihre großen nachdenklichen Augen blieben daran haften. Aber ihre Gedanken weilten offensichtlich ganz woanders.
»Wie merkwürdig du aussiehst, Kind!« sagte Marie.
»Sind sie viel Geld wert, Mama?«
»Aber gewiß. Sie kosteten ein kleines Vermögen.«
»Ich wollte, ich hätte sie schon«, sagte Eva, »dann machte ich damit, was ich wollte.«
»Was würdest du denn mit ihnen anfangen?«
»Ich würde sie verkaufen und in den freien Staaten ein Gut erwerben, alle unsere Leute dorthin bringen und Lehrer anstellen, damit sie schreiben und lesen lernen.«
Eva wurde durch das Gelächter ihrer Mutter unterbrochen.
»Eine Volksschule einrichten! Willst du ihnen nicht auch Klavierspielen und Samtmalerei beibringen?«
»Nein«, sagte Eva ungerührt. »Ich will, daß sie lernen, die Bibel zu lesen und ihre Briefe zu schreiben und auch die Briefe, die sie bekommen, zu lesen. Ich weiß, Mama, wie arg es ihnen ist, daß sie dies alles nicht können. Tom leidet darunter — Mammy auch — und noch viele andere. Das ist nicht richtig.«
»Komm, Eva, du bist nur ein Kind. Du verstehst diese Dinge nicht«, sagte Marie, »außerdem bekomme ich Kopfweh, wenn du soviel sprichst.«
Marie hatte immer ein Kopfweh zur Hand, sobald eine Unterhaltung nicht ganz nach ihrem Geschmack verlief. Eva stahl sich davon; aber von jetzt an gab sie Mammy unverdrossen Lesestunden.
22. Kapitel
Henrique
Zu dieser Zeit kam St. Clares Bruder mit seinem ältesten Sohn auf ein, zwei Tage zu Besuch an den See. Beide Zwillingsbrüder boten einen ungewöhnlich schönen Anblick. Die Natur hatte anstatt einer Ähnlichkeit den Gegensatz zwischen beiden herausgearbeitet, jedoch waren beide durch ein geheimnisvolles Band in ungewöhnlich enger Freundschaft miteinander verbunden. Arm in Arm schlenderten sie zusammen durch den Garten — Augustin mit seinen blauen Augen, dem blonden Haar, den lebhaften Zügen und der biegsamen Gestalt und der dunkeläugige Alfred mit seinem stolzen römischen Profil, seinen stattlichen Gliedern und der entschlossenen Haltung. Sie hörten nicht auf, einander zu schmähen, und doch genossen sie ihr Zusammensein, ja ihre Gegensätzlichkeit schien sie wie die beiden Pole eines Magneten gegenseitig anzuziehen.
Henrique, Alfreds ältester Sohn, war ein vornehmer, dunkelhäutiger Knabe, aufgeweckt und lebhaft, schon nach der ersten Bekanntschaft war er von der vergeistigten Anmut seiner Kusine Evangeline hingerissen.
Eva hatte ein kleines, schneeweißes Lieblingspony, so sanft wie seine Herrin, und dieses Pony brachte jetzt Tom an die hintere Veranda, während ein Mulattenjunge von ungefähr dreizehn Jahren einen kleinen, schwarzen Araber heranführte, der erst vor kurzem für Henrique gekauft worden war.
Henrique war knabenhaft stolz auf diesen neuen Schatz; als er jetzt herantrat und dem kleinen Reitknecht die Zügel abnahm, musterte er das Pferd genau, und sein Gesicht verfinsterte sich.
»Was soll das heißen, Dodo, du Faulpelz, du hast mein Pferd heute morgen nicht abgerieben?«
»Doch, Herr«, sagte Dodo unterwürfig. »Er ist selber wieder staubig geworden.«
»Halt den Mund, du Spitzbube!« rief Henrique und hob heftig die Reitpeitsche. »Untersteh dich, noch ein Wort!«
Der Junge war ein hübscher, helläugiger Mulatte, genau von Hen–riques Größe, sein Haar ringelte sich um eine hohe, kühne Stirn. Er hatte >weißes< Blut in den Adern, was man an der jähen Röte seiner Wangen und dem Blitzen seiner Augen erkannte, als er eifrig anhub: »Junger Herr.«
Schon schlug ihn Henrique mit der Reitpeitsche über das Gesicht, ergriff ihn am Arm, zwang ihn auf die Knie und schlug ihn, bis er außer Atem war.