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»Weißt du, Eva, ich bin so traurig, daß Papa nur zwei Tage hier bleibt. Ich werde dich dann so lange nicht wiedersehen. Wenn ich bei dir bliebe, wollte ich schon gut sein und mich nicht über Dodo ärgern. Ich will Dodo nicht schlecht behandeln; ich gerate nur so schnell in Wut. Dabei bin ich gar nicht böse zu ihm. Ich gebe ihm immer mal ein Trinkgeld, und du siehst doch, er ist auch gut angezogen. Ich finde, im ganzen geht es Dodo gar nicht schlecht.«

»Würdest du auch denken, es ginge dir nicht schlecht, wenn du in der ganzen Welt niemand hast, der dich liebhat?«

»Ich? Nein, natürlich nicht!«

»Und doch hast du Dodo von allen Freunden weggenommen, und nun hat er niemand mehr: da kann keiner gut sein.«

»Aber das kann ich nicht ändern. Ich kann ihm seine Mutter nicht verschaffen, und ich selbst kann ihn nicht liebhaben.«

»Und warum nicht?«

»Dodo liebhaben? Aber Eva, das wirst du nicht verlangen. Ich kann ihn gern haben, aber seine Diener kann man nicht liebhaben.«

»Ich tue es.«

»Wie komisch.«

»Sagt nicht die Bibel, wir sollen alle liebhaben?«

»Ach, die Bibel! Sicher sagt sie viel dergleichen, aber niemand denkt daran, das zu befolgen — du weißt doch, Eva, niemand!«

Eva sagte nichts; ihre Augen blickten ihn nachdenklich an.

»Auf jeden Fall«, sagte sie, »lieber Vetter, hab du den armen Do–do lieb, und sei gut zu ihm, meinetwegen.«

»Deinetwegen, Kusinchen, tu ich alles; denn ich finde, du bist das lieblichste Geschöpf, das ich kenne.« Henrique hatte mit solchem Ernst gesprochen, daß sein hübsches Gesicht erglühte. Eva nahm es in aller Unschuld hin, ohne daß sich ihre Züge veränderten. Sie sagte nur: »Da bin ich sehr froh, Henrique. Hoffentlich vergißt du es nicht.«

Der Gongschlag beendete ihre Unterhaltung.

23. Kapitel

Erste Schatten

Zwei Tage später nahmen Alfred St. Clare und Augustin Abschied voneinander. Eva, die sich durch die Gesellschaft ihres jungen Vetters zu Anstrengungen hatte hinreißen lassen, die weit über ihre Kräfte gingen, siechte jetzt zusehends dahin. St. Clare erklärte sich nun bereit, ärztlichen Rat einzuholen; er hatte sich immer davor gescheut, weil er damit eine unwillkommene Wahrheit eingestand. Aber einige Tage ging es Eva so schlecht, daß sie im Haus bleiben und der Doktor gerufen werden mußte.

Marie St. Clare hatte von den langsam schwindenden Kräften ihres Kindes, als dessen Opfer sie sich fühlte, keinerlei Notiz genommen.

Miß Ophelia hatte verschiedentlich versucht, ihre mütterliche Besorgnis zu erregen, aber ohne Erfolg.

»Ich wüßte nicht, was ihr fehlen sollte«, hatte sie erwidert, »sie läuft umher und spielt.«

»Aber sie hustet, und ihre Kräfte lassen nach, sie ist immer außer Atem.«

»Pah! Das bin ich jahrelang gewesen, das ist eine nervöse Angelegenheit!«

»Aber sie ist jede Nacht schweißgebadet!«

»Nun, das bin ich seit zehn Jahren; häufig sind meine Sachen zum Auswringen naß; dann ist an meinem Nachthemd kein trockener Faden mehr, und die Laken sind in einem Zustand, daß Mammy sie zum Trocknen aufhängen muß. Eva kann gar nicht so schwitzen!«

Daraufhin hatte Miß Ophelia den Mund gehalten. Aber als nun Eva sichtbar darniederlag, änderte Marie ihre Taktik.

Sie wüßte es ja, sagte sie, sie hätte es immer gefühlt, daß sie die unglücklichste aller Mütter sei. Hier läge sie mit ihrer zerrütteten Gesundheit und müßte mit eigenen Augen mitansehen, wie ihr geliebtes Kind ins Grab sinke.

»Es ist ja wahr«, sagte St. Clare, »Eva ist sehr zart — das wußte ich immer; sie ist so rasch gewachsen und hat damit ihre Kräfte erschöpft, ihr Zustand ist kritisch. Aber jetzt liegt sie darnieder wegen der großen Hitze, weil der Besuch ihres Vetters sie aufregte und sie sich überanstrengte. Der Arzt sagte, es sei durchaus Grund zur Hoffnung.«

»Nun freilich, wenn du es von der günstigsten Seite aus betrachtest — bitte, tue es; es ist nur gut, daß manche Leute nicht diese empfindlichen Nerven haben. Ich wollte, ich könnte es so leicht nehmen wie ihr anderen!«

Diese >anderen< hatten allen Grund, in dieses Gebet miteinzustim–men, denn Marie nahm ihr neues Unglück nur zum Anlaß, ihre Umwelt aufs neue zu quälen. Jedes gesprochene Wort, alles, was getan oder unterlassen wurde, war nur ein neuer Beweis für die Hartherzigkeit und Gefühllosigkeit ihrer Umgebung gegenüber ihren eigenen Schmerzen. Als die kleine Eva diese Reden vernahm, weinte sie sich vor Mitleid mit ihrer armen Mama fast die Augen aus, daß sie ihr so viel Kummer bereitete.

Nach einigen Wochen besserten sich die drohenden Anzeichen, und es trat eine der verräterischen Pausen ein, mit welchen die heimtückische Krankheit das ängstliche Herz, zuweilen schon am Rande des Grabes, zu betrügen pflegt. Man hörte Evas Schritte wieder im Garten und auf den Balkonen; sie spielte und lachte wieder, und ihr Vater, der wie verwandelt war, erklärte: »Bald wird sie wieder hergestellt sein.« Nur Miß Ophelia und der Arzt ließen sich nicht täuschen. Und noch ein Herz wußte um die Wahrheit, das war Evas eigenes Herz. In ihr ruhte die prophetische Gewißheit, daß der Himmel sich öffnen würde. So friedlich wie das Licht der sinkenden Sonne, so süß wie die Stille des Herbstes lebte sie in dieser Gewißheit.

Denn trotz aller zärtlichen Pflege, trotz allen Glanzes an Liebe und Reichtum, mit dem das Leben ihr winkte, empfand das Kind kein Bedauern, daß es sterben mußte.

In jenem Buch, das sie mit ihrem bescheidenen alten Freunde gelesen, hatte sie das Bild dessen gesehen, der sich ihr ins Herz geprägt, der die Kinder liebt. Wohl trauerte ihr Herz um alle, die sie zurückließ — am meisten um ihren Vater; denn Eva hatte, wenn sie es auch nie deutlich aussprach, instinktiv das Gefühl, daß sie seinem Herzen am nächsten stand. Sie liebte ihre Mutter, weil sie ein liebebedürftiges Herz hatte; was sie von deren Selbstsucht erkannte, vermochte sie nur zu betrüben; denn sie besaß das unbedingte Vertrauen eines Kindes, das glaubt, eine Mutter begehe kein Unrecht. Sie hatte wohl manches an sich, was Eva sich nicht erklären konnte, aber darüber ging sie rasch hinweg, denn sie hatte ihre Mutter herzlich lieb.

Sie trauerte auch um die treuen, freundlichen Dienstboten. Für gewöhnlich verallgemeinern Kinder nicht, aber Eva war ein ungewöhnlich reifes Kind; alles, was sie von dem bösen System mitangesehen hatte, unter dem sie lebte, war tief in ihr nachdenkliches, grübelndes Herz gesunken. Sie war von einer unbestimmten Sehnsucht erfüllt, etwas für sie zu tun, sie alle aus ihrer verzweifelten Lage zu retten — eine Sehnsucht, die zu der Schwäche ihrer kleinen Person in traurigem Gegensatz stand.

»Onkel Tom«, sagte sie eines Tages, »ich kann verstehen, warum Herr Jesus für uns sterben wollte.«

»Warum denn, Fräulein Eva?«

»Weil ich es auch wollte.«

»Wieso, Fräulein Eva? Ich verstehe nicht — « »Ich kann es nicht erklären; aber damals, als ich die armen Leute auf dem Schiff sah, weißt du, da hatten einige ihre Mütter und Männer verloren, und ein paar Mütter weinten um ihre kleinen Kinder; - und seitdem noch viele Male hab ich mir gewünscht, sterben zu dürfen, wenn mein Sterben allem ein Ende machen würde. Wenn ich könnte, Tom, würde ich für sie sterben«, sagte das Kind ernsthaft und legte ihre kleine Hand auf seine dunkle.

Tom betrachtete das Kind voll ehrfürchtiger Scheu, und als sie, der Stimme ihres Vaters folgend, davonhuschte, wischte er wiederholt die Augen, während er ihr nachsah.

»Es hat keinen Zweck, Fräulein Eva aufzuhalten«, sagte er später zu Mammy. »Sie trägt des Herrn Siegel auf der Stirn.«

»O ja!« erwiderte Mammy, beide Arme hochhebend. »Ich habe es immer gesagt, sie ist kein Kind fürs Leben — kleines geliebtes Lamm!«

Eva sprang die Verandastufen zu ihrem Vater hinauf. Es war am späten Nachmittag, und während sie in ihrem weißen Kleidchen, mit ihrem goldenen Haar, den glühenden Wangen und den unnatürlich strahlenden Augen näherkam, schienen die Sonnenstrahlen sie mit einem Glorienschein zu umgeben.