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»Eva kann es augenscheinlich.«

»Ach, sie ist die Liebe selbst. Dabei handelt sie eigentlich nur christlich«, sagte Miß Ophelia; »wäre ich ihr doch ähnlich! Sie könnte mir ein Beispiel sein.«

»Dann wäre es nicht das erstemal, daß ein Kind als Mittel gebraucht würde, einen alten Sünder zu bekehren, wenn dem wirklich so wäre«, sagte St. Clare.

25. Kapitel

Der Tod

Die verräterischen Kräfte, die Eva für kurze Zeit belebten, schwanden jetzt rasch dahin; immer seltener hörte man ihren leichten Schritt auf der Veranda, immer häufiger lag sie auf ihrer kleinen Liegestatt am offenen Fenster, die großen, tiefen Augen auf die steigenden und fallenden Wasser des Sees gerichtet.

Als sie eines Nachmittags dort ruhte, die durchsichtigen Finger kraftlos zwischen den Seiten ihrer halbgeöffneten Bibel — hörte sie mit einmal die Stimme ihrer Mutter in scharfem Ton auf der Veranda.

»Was soll das, du garstiges Ding? Was hast du wieder ausgeheckt? Blumen abgepflückt, wie?« und Eva hörte eine klatschende Ohrfeige.

»Großer Gott, gnädige Frau, sie sind doch für Fräulein Eva«, hörte sie eine andere Stimme, die sie unschwer als diejenige Topsys erkannte.

»Fräulein Eva, schönste Ausrede! Bildest du dir ein, sie will deine Blumen, du nichtsnutziger Nigger! Pack dich weg!«

Im selben Moment war Eva aufgesprungen und erschien in der Veranda.

»Nicht doch, Mutter! Ich hätte die Blumen sehr gern; komm, gib sie her; ich freu mich!«

»Aber Eva! Dein ganzes Zimmer ist doch voll davon!«

»Blumen hab ich nie genug«, sagte Eva. »Komm, Topsy, bring sie mir.«

Topsy, die mit gesenktem Kopf trotzig dagestanden, kam jetzt heran und reichte ihr die Blumen hin. Sie tat es zögernd und verlegen, gar nicht mehr mit der koboldartigen Keckheit, die man sonst an ihr gewöhnt war.

»Welch schöner Strauß!« sagte Eva und betrachtete ihn.

Es war ein ungewöhnliches Arrangement — eine leuchtende, scharlachrote Geranie und eine einzige Kamelie mit ihren glänzenden Blättern, offensichtlich im Hinblick auf den Farbkontrast und die Wirkung jedes einzelnen Blattes zusammengestellt.

Topsys Gesicht verklärte sich, als Eva sagte: »Topsy, du bindest aber hübsche Sträuße. Hier in dieser Vase habe ich noch keine Blumen. Könntest du mir da nicht jeden Tag ein paar bringen?«

»Wie merkwürdig!« sagte Marie. »Wozu in aller Welt willst du das?«

»Ach, laß nur, Mama; du hast doch nichts dagegen, wenn Topsy das übernimmt?«

»Aber gerne, liebes Kind. Topsy, du hast gehört, was deine junge Herrin wünscht; nun besorge es auch!«

Topsy machte einen kurzen Knicks und schlug die Augen nieder; als sie sich umdrehte, sah Eva eine Träne über die dunkle Wange rinnen.

»Siehst du, Mama, ich wußte doch, daß Topsy mir einen Gefallen tun wollte«, sagte Eva zu ihrer Mutter.

»Ach, Unsinn! Sie wollte nur wieder Unheil stiften. Sie weiß, sie darf keine Blumen pflücken — darum tut sie es gerade. Aber wenn du es möchtest, meinetwegen.«

»Mama, ich glaube, Topsy hat sich geändert; sie will jetzt ein braves Mädchen sein.«

»Da muß sie sich noch eine Weile üben, bis ihr das gelingt«, sagte Marie und lachte mitleidlos.

»Nun, du weißt doch, Mama, alles war immer gegen die arme Topsy.«

»Nicht mehr, seitdem sie hier ist, sollt' ich meinen. Man hat ihr zugeredet, gepredigt, ihr alles Erdenkliche angetan, und sie ist immer noch garstig wie am Anfang. Mit diesem Geschöpf kann man nichts anfangen!«

»Aber, Mama, es ist doch ein Unterschied, ob man so wie ich aufwächst mit vielen Freunden und so vielem, was gut und glücklich macht, oder so wie sie aufwuchs, bevor sie zu uns kam.«

»Das mag schon sein«, sagte Marie und gähnte. — »Du liebe Zeit, wie heiß ist es heute!«

»Mama, du glaubst doch auch, daß Topsy ein Engel werden könnte, wenn sie getauft wäre?«

»Topsy? Was für eine lächerliche Vorstellung! Darauf kannst auch nur du verfallen. Doch ist es wohl möglich.«

»Aber Mama, ist nicht der liebe Gott auch ihr Vater, genauso wie unserer? Ist nicht Jesus auch ihr Heiland?« »Nun, das mag sein. Gott hat wahrscheinlich alle geschaffen«, sagte Marie, »wo ist denn mein Riechfläschchen?«

»Es ist ein Jammer — oh, so ein Jammer!« sagte Eva, über den fernen See hinausblickend und halb zu sich selbst sprechend.

»Was ist ein Jammer?« fragte Marie.

»Ach, daß einer, der ein heller Engel werden und mit andern Engeln leben könnte, so tief, tief sinken muß und daß keiner ihm hilft!«

»Nun, das kann man nicht ändern; da mußt du dich nicht grämen, Eva. Ich wüßte nicht, was man da tun sollte; wir müssen dankbar sein, daß wir es besser haben.«

»Das kann ich beinah nicht«, sagte Eva, »wenn ich an die armen Leute denke, denen es so schlecht geht.«

»Wie merkwürdig«, sagte Marie. »Meine Religion heißt mich dankbar sein für alle Vorteile.«

»Mama«, sagte Eva, »ich möchte mir einen Teil meines Haares abschneiden lassen.«

»Wozu?« fragte Marie.

»Ach, ich möchte meinen Freunden eine Locke schenken — solange ich das noch selber kann. Willst du nicht Tantchen bitten, es mir abzuschneiden?«

Marie rief mit erhobener Stimme nach Miß Ophelia im Nebenzimmer. Als sie hereinkam, richtete das Kind sich ein wenig in seinen Kissen auf, schüttelte seine goldbraunen Locken und sagte scherzend: »Komm, Tantchen, schere das Lamm.«

»Was soll das?« fragte St. Clare, der gerade mit etwas Obst dazukam, das er für seine Tochter geholt hatte.

»Papa, ich möchte nur, daß Tantchen mir ein paar Locken abschneidet; sie sind so schwer und heiß. Außerdem möchte ich ein paar verschenken.«

Miß Ophelia kam mit der Schere.

»Aber vorsichtig, man darf es nicht sehen!« sagte der Vater;

»schneide von unten, wo man es nicht merkt. Evas Locken sind mein ganzer Stolz.«

»Oh, Papa!« sagte Eva traurig.

»Ja, und ich möchte, daß sie schön gepflegt werden bis zu der Zeit, wenn ich dich mitnehme auf des Onkels Plantage zu Vetter Henrique«, sagte St. Clare heiteren Tones.

»Da werde ich nie hinkommen, Papa; ich gehe in ein besseres Land. Oh, glaube mir doch! Siehst du denn nicht, daß ich jeden Tag schwächer werde?«

»Warum willst du durchaus, daß ich so etwas Furchtbares glaube?«

»Nur, weil es wahr ist, Papa; wenn du es jetzt glaubst, siehst du es vielleicht so an wie ich.«

St. Clare preßte seine Lippen zusammen und starrte düster auf die langen, schönen Locken, die ihr abgeschnitten einzeln in den Schoß gelegt wurden. Sie hob sie hoch, betrachtete sie ernsthaft, schlängelte sie sich um ihre dünnen Finger und sah von Zeit zu Zeit ängstlich auf den Vater.

»Ich habe es ja vorausgeahnt«, sagte Marie; »das nagt ja Tag für Tag an meiner Gesundheit, obgleich niemand es beachtet. Ich habe es lange kommen sehen. St. Clare, du wirst es nach einer Weile auch einsehen.«

»Das scheint dir großen Trost zu bringen«, sagte St. Clare in trockenem, bitterem Ton. Marie lehnte sich auf ihr Sofa zurück und bedeckte ihr Gesicht mit ihrem feinen Taschentuch.

Eva blickte mit klaren, blauen Augen ernsthaft von einem zum andern. Es war offensichtlich, daß sie den Unterschied zwischen beiden Eltern wohl verstand. Sie winkte ihrem Vater mit der Hand. Er kam und setzte sich zu ihr.

»Papa, meine Kräfte werden weniger, ich weiß, ich muß sterben. Ich möchte noch manches sagen und tun, was ich tun muß, aber du wirst immer ungehalten, wenn ich davon rede. Jetzt muß es sein; es läßt sich nicht länger aufschieben. Laß es mich doch jetzt tun.«

»Mein Kind, ich lasse dich ja«, erwiderte St. Clare, bedeckte seine Augen mit der Hand und hielt Evas Hand mit der anderen.