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»Dann möchte ich, daß alle unsere Leute hierherkommen. Ich muß ihnen einiges sagen.«

»Also gut«, sagte St. Clare tief bewegt.

Miß Ophelia schickte einen Boten, und bald war das ganze Personal im Zimmer versammelt.

Eva legte sich in ihre Kissen zurück, ihr Haar hing aufgelöst um ihr Gesicht, ihre geröteten Wangen hoben sich in traurigem Gegensatz von der weißen Blässe ihrer Haut und den zarten Umrissen ihrer Glieder ab; mit großen seelenvollen Augen blickte sie jeden einzelnen an.

Die Leute wurden von einer plötzlichen Bewegung ergriffen. Das vergeistigte Gesichtchen, die langen, abgeschnittenen Locken, die neben ihr lagen, das abgekehrte Gesicht des Vaters, das Schluchzen der Mutter rührte sofort die Herzen dieser gefühlvollen und empfänglichen Rasse.

Eva richtete sich auf und sah, daß alle sie traurig und verständnisvoll anblickten. Viele Frauen verbargen ihr Gesicht.

»Ich habe euch rufen lassen, meine lieben Freunde«, sagte Eva, »weil ich euch liebhabe, alle; und ich möchte euch etwas sagen, was ihr nicht vergessen dürft — ich werde euch verlassen.«

Jetzt wurde das Kind unterbrochen von dem Klagen, Seufzen und Schluchzen aller Anwesenden, in welchem ihre kleine Stimme völlig unterging. Sie wartete einen Augenblick und sprach dann in einem Ton, der alles Schluchzen erstickte:

»Wenn ihr mich liebhabt, müßt ihr mich nicht so unterbrechen. Hört zu, was ich euch sage. Ich will von eurer Seele sprechen. Ich fürchte, viele von euch machen sich da keine Gedanken. Ihr denkt nur an diese Welt. Ich möchte aber, daß ihr auch an die schöne Welt denkt, in der Jesus Christus lebt. Dorthin werde ich gehen, und ihr könnt auch dorthin kommen, es ist ein Reich für euch wie für mich. Aber wenn ihr das wollt, dürft ihr kein faules, leichtsinniges Leben führen. Ihr müßt immer daran denken, daß jeder von euch ein Engel werden kann, ein Engel für immer.

Versucht nur euer Bestes, betet alle Tage, und laßt euch immer aus der Bibel vorlesen, dann werde ich euch alle im Himmel wiedersehen.«

»Amen«, klang es als leise Antwort von den Lippen Toms und Mammys und der Älteren, die der Methodistengemeinde angehörten. Die jüngeren und leichtsinnigeren schluchzten fassungslos, die Köpfe auf die Knie gebeugt.

»Ich weiß ja«, sagte Eva, »ihr habt mich alle lieb.«

»Ja, o ja! Ganz gewiß!« ertönte es von allen Seiten.

»Ja, ich weiß. Es ist keiner unter euch, der nicht zu mir freundlich war, und ich will euch jetzt etwas schenken, wenn ihr das anseht, sollt ihr an mich denken. Ich will jedem von euch eine Haarlocke geben, da habt ihr eine Erinnerung an mich und wißt, daß ich euch später im Himmel wiedersehen möchte.«

Unmöglich, die Szene zu beschreiben, als sich alle weinend um die kleine Gestalt drängten und aus ihrer Hand das letzte Liebeszeichen empfingen. Sie fielen auf die Knie, schluchzten und beteten und küßten den Saum ihres Gewandes; unter Gebet und Segenswünschen stammelten die Älteren nach Art ihrer Rasse zärtliche Koseworte.

Sobald einer seine Gabe entgegengenommen, machte Miß Ophelia ihm ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen; ihr war die Wirkung der allgemeinen Erregung auf ihre kleine Patientin nicht entgangen.

Schließlich waren alle bis auf Tom und Mammy verschwunden.

»Hier, Onkel Tom«, sagte Eva, »ist eine besonders schöne für dich. Ach, ich bin so glücklich, Onkel Tom, wenn ich denke, daß ich dich im Himmel wiedersehe; und Mammy, Liebe, Gute!« sagte sie zärtlich, ihre alte Kinderfrau umarmend, »ich weiß, du wirst auch dort sein!«

»Oh, Fräulein Eva, ich weiß nicht, wie ich hier ohne dich weiterleben soll!« sagte die treue Person. »Dann verschwindet hier alles Licht.« Leidenschaftlich gab sich Mammy ihrem Schmerz hin.

Miß Ophelia schob sie und Tom sanft zur Tür hinaus und dachte, daß nun alle gegangen wären; aber als sie sich umwandte, stand noch Topsy da.

»Wo bist du hergekommen?« fragte sie verblüfft.

»Ich war hier«, sagte Topsy und wischte sich die Tränen ab.

»Oh, Fräulein Eva, ich bin ein schlechtes Mädchen; aber darf ich nicht auch eine haben?«

»Ja, arme Topsy! Gewiß! Hier; und jedesmal, wenn du sie ansiehst, denke daran, daß ich dich lieb hatte und gern wollte, daß du dich besserst.«

»Oh, Fräulein Eva, ich versuche es ja!« beteuerte Topsy. »Aber o Gott, es ist so schwer. Ich bin eben gar nicht daran gewöhnt.«

»Das weiß der Herr Jesus auch, Topsy; er hat Mitleid mit dir; er wird dir helfen.«

Das Gesicht hinter der Schürze verborgen, wurde Topsy still von Miß Ophelia hinausgeleitet, noch im Gehen steckte sie die Locke in ihren Kleiderausschnitt.

Als alle draußen waren, schloß Miß Ophelia die Tür. Die würdige Dame hatte während dieser Szene manche heimliche Träne vergossen, aber die Sorge um die kleine Kranke verdrängte alle Rührung.

St. Clare hatte sich die ganze Zeit nicht gerührt. Er saß noch immer auf seinem Stuhl und hielt die Hand vor die Augen.

»Papa!« sagte Eva und legte sanft ihre Hand auf die seine.

Er fuhr jäh zusammen, ein Schauder packte ihn, aber er antwortete nicht. »Lieber Papa!« sagte Eva.

»Ich kann es nicht!« sagte St. Clare und erhob sich. »Ich kann es nicht hinnehmen! Der Allmächtige geht hart mit mir ins Gericht!« In großer Bitterkeit stieß St. Clare diese Worte hervor.

»Augustin! Hat Gott kein Recht, nach seinem Willen mit dem zu verfahren, was ihm gehört?« sagte Miß Ophelia.

»Vielleicht; aber dadurch läßt es sich nicht leichter tragen«, sagte er in einem trockenen, harten, tränenlosen Ton, als er sich abwandte.

»Papa, du brichst mir das Herz!« sagte Eva, richtete sich auf und warf sich in seine Arme; »du mußt nicht so empfinden!« Das Kind schluchzte so heftig, daß alle sich beunruhigten und die Gedanken ihres Vaters sofort abgelenkt wurden.

»Komm, Eva, mein Herzblatt, sei ruhig! Es war verkehrt von mir, ich war im Unrecht. Ich will ja alles tragen — gräm dich doch nicht; hör auf mit Weinen! Ich will mich ja fügen; ich will nie wieder so reden.«

Wie eine verirrte Taube lag sie in den Armen ihres Vaters, und er, über sie geneigt, suchte sie mit jedem Wort, das ihm einfiel, zu trösten und zu beruhigen.

Marie erhob sich und rauschte in ihr eigenes Zimmer, wo sie einen heftigen hysterischen Anfall bekam.

»Mir hast du keine Locke gegeben, Eva«, sagte ihr Vater und lächelte traurig.

»Sie gehören dir alle, Papa«, sagte sie lächelnd - »dir und Mama, und Tantchen mußt du auch welche geben. Nur unseren Leuten hab ich sie selbst gegeben, weißt du, man könnte sie vergessen, wenn ich nicht mehr da bin, und sie sollten doch etwas zur Erinnerung erhalten, du bist doch ein Christ, nicht wahr, Papa?« fragte Eva zögernd.

»Warum fragst du, mein Liebling?«

»Ich weiß nicht. Du bist so gut, du mußt es doch sein!«

»Was heißt das, ein Christ sein, Eva?«

»Christus über alles zu lieben«, antwortete Eva.

»Tust du das?«

»Ja, gewiß.«

»Du hast ihn doch nie gesehen«, sagte St. Clare.

»Das macht nichts«, erwiderte Eva. »Ich glaube an ihn, und in wenigen Tagen werde ich ihn sehen«; und das junge Gesicht erglühte in strahlender Freude.

St. Clare sagte nichts mehr. Er kannte dieses Gefühl noch von seiner Mutter her; aber keine Saite seines Innern erklang dabei.

Eva siechte jetzt schnell dahin. Kein Zweifel konnte mehr an dem Ausgang bestehen. Auch die zärtlichste Hoffnung konnte nicht länger blind bleiben. Ihr schönes Zimmer wurde zur Krankenstube; und Miß Ophelia versah Tag und Nacht ihren Pflegedienst — nie wußten ihre Freunde sie mehr zu schätzen als in dieser Eigenschaft. Mit ihrer erfahrenen Hand, ihrer vollkommenen Übung und Geschicklichkeit, Behagen und Sauberkeit herzustellen, jeden unangenehmen Anblick der Krankheit zu entfernen — mit der absoluten Pünktlichkeit und ihrem klaren, überlegten Denken, womit sie die ärztlichen Vorschriften befolgte -, bedeutete sie ihnen alles. Alle, die über ihre kleinen Sonderheiten und Schrullen, die von der Leichtigkeit südlicher Manieren so merkwürdig abstachen, die Achseln gezuckt hatten, gaben jetzt zu, daß sie die einzige Person war, die hier am richtigen Platze stand.