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Onkel Tom hielt sich häufig in Evas Zimmer auf. Das Kind litt an nervöser Unruhe, und es gab ihr eine Erleichterung, wenn man sie umhertrug. Für Tom war es das größte Entzücken, die zarte, kleine Gestalt auf einem Kissen im Zimmer auf und ab oder auf die Veranda hinaus auf den Armen zu tragen.

Wenn das Kind sich am Morgen noch wohl fühlte und der frische Wind vom See herüberwehte, trug er sie zuweilen unter die Orangenbäume im Garten oder saß mit ihr auf den alten Bänken und sang ihr ihre Lieblingschoräle.

Ihr Vater trug sie auch oft, aber er war nicht so kräftig gebaut, und wenn er dann müde wurde, sagte Eva:

»O Papa, laß doch Tom mich tragen. Es macht ihm Spaß, und du weißt doch, es ist alles, was er mir tun kann, und er will mir doch etwas Liebes erweisen.«

»Das will ich auch, Eva«, sagte ihr Vater.

»Ach, Papa, du kannst alles und bist mir alles. Du liest mir vor–du wachst bei mir in der Nacht — und Tom hat nur dies eine und das Singen; und ich weiß, ihm fällt es leicht, wenn er mich trägt.«

Aber nicht nur Tom wollte ihr Liebesdienste erweisen. Jeder Dienstbote war dazu bereit, und jeder tat, was er konnte.

Das Herz der armen Mammy verzehrte sich nach ihrem Liebling. Aber Tag und Nacht fand sie keine Gelegenheit, länger bei ihm zu sein, denn Marie erklärte, ihr Gemütszustand ließe sie nicht zur Ruhe kommen, und natürlich verstieß es gegen ihre Prinzipien, dann den andern Ruhe zu gönnen. Zwanzigmal in der Nacht mußte Mammy kommen und ihr die Füße reiben, ihre Stirn kühlen, ein Taschentuch suchen, nachsehen, was das Geräusch in Evas Zimmer bedeutete, einen Vorhang herablassen, weil es zu hell, oder ihn aufziehen, weil es zu dunkel war; und am Tage, wenn es Mammy trieb, wenigstens ein klein wenig an der Pflege ihres Herzenskindes teilzuhaben, schien Marie ungewöhnlich erfinderisch, sie im ganzen Haus treppauf, treppab zu schicken oder mit ihrer eigenen Person zu beschäftigen, so daß sie nur gelegentlich einen Blick oder eine kleine Begegnung erhaschen konnte.

»Ich halte es für meine Pflicht, jetzt besonders auf mich zu achten«, sagte Marie, »wo ich so schwach bin und dazu die ganze Sorge und Pflege um das geliebte Kind trage.«

»In der Tat, meine Liebe«, entgegnete St. Clare; »ich dächte, das nimmt dir unsere Kusine ab.«

»Du redest wie ein Mann, St. Clare — als ob eine Mutter sich jemals die Sorge um ein Kind in diesem Zustand abnehmen ließe; aber es ist ja gleich — niemand vermag zu ahnen, was ich fühle! Ich kann die Sache nicht so abschütteln wie du.«

St. Clare lächelte. Wir müssen ihm verzeihen, er konnte nicht anders — denn St. Clare vermochte ja noch zu lächeln. Denn so hell und leicht war die Abschiedsreise der jungen Seele, daß man vergaß: es war der Tod, der sich näherte. Das Kind litt keine Schmerzen — empfand nur eine ruhige, sanfte Schwäche, die täglich und fast unmerklich zunahm; und Eva war so schön, liebevoll, vertrauend und glücklich, daß man sich dem tröstlichen Einfluß der Unschuld und des Friedens nicht entziehen konnte, der von ihr auszugehen schien. St. Clare fühlte, wie ihn eine seltsame Ruhe überkam. Es war nicht Hoffnung — das war unmöglich; es war wie die Stille der Natur, die wir in den strahlenden Herbstwäldern verspüren, wenn die helle Röte in den Wipfeln flammt und letzte Blumen noch zögernd an der Quelle verweilen, dann genießen wir alles um so mehr, als wir wissen, daß bald alles vergeht.

Der Freund, der am besten Evas Vorstellungen und Vorahnungen kannte, war Tom, ihr treuer Träger. Ihm teilte sie mit, was sie ihrem Vater ersparen wollte, ihm erzählte sie die geheimnisvollen Offenbarungen, die der Seele widerfahren, bevor sie ihre irdische Hülle verläßt. Schließlich wollte Tom nicht mehr in seinem Stübchen schlafen, sondern lag die ganze Nacht draußen auf der Veranda, bereit, bei jedem Ruf sich zu erheben.

»Onkel Tom, was in aller Welt ist in dich gefahren, daß du dich wie ein Hund zusammenrollst?« sagte Miß Ophelia. »Ich dachte, du gehörst zu denen, die auf christliche Weise zu Bett gehen?«

»Das tu ich auch, Miß Feely«, sagte Tom geheimnisvoll. »Das tue ich, aber jetzt…«

»Nun, was?«

»Wir dürfen nicht laut sprechen; sonst hört uns der gnädige Herr; aber wissen Sie, Miß Feely, einer muß den Bräutigam erwarten.«

»Was meinst du damit, Tom?«

»Sie wissen doch, in der Heiligen Schrift, >um Mitternacht ertönte ein großer Ruf, siehe, der Bräutigam naht!< Darauf warte ich jetzt jede Nacht, Miß Feely — ich muß draußen schlafen, sonst höre ich ihn nicht.«

»Aber, Onkel Tom, wie kommst du darauf?«

»Miß Eva spricht mit mir. Der Herrgott schickt der Seele seine Sendboten. Ich muß zur Stelle sein, Miß Feely; denn, wenn das selige Kind eingeht in das himmlische Reich, werden die Engel die Tore öffnen, daß wir alle einen Blick auf die himmlische Herrlichkeit werfen können, Miß Feely.«

»Onkel Tom, hat Eva gesagt, daß sie sich heute schlecht fühlt?«

»Nein; aber sie meinte heute morgen, daß sie näher kommt — man sagt es dem Kind, Miß Feely. Das sind die Engel. Es ist der Klang der Trompete, bevor der Tag anbricht«, sagte Tom und zitierte seinen Leibchoral.

Dieses Gespräch zwischen Miß Ophelia und Tom fand abends zwischen 10 und 11 Uhr statt, als die treue Pflegerin alle Vorbereitungen für die Nacht getroffen und beim Verriegeln der Außentür Tom auf der Veranda am Boden ausgestreckt gefunden hatte.

Sie war nicht nervös oder leicht zu beeindrucken, aber Toms feierliche, von Herzen kommende Art machte sie stutzig. Eva war am Nachmittag ungewöhnlich lebhaft und heiter gewesen, sie hatte sich im Bett aufgerichtet und alle ihre kleinen Schätze durchgesehen und die Freunde bestimmt, denen sie zugedacht waren; ihr Wesen war angeregter und ihre Stimme von frischerem Klang gewesen als seit Wochen. Ihr Vater hatte am Abend hereingeschaut und gesagt, daß Eva zum erstenmal seit ihrer Krankheit wieder wie früher wäre, und als er ihr den Gutenachtkuß gab, hatte er zu Miß Ophelia gesagt: »Kusine, vielleicht dürfen wir sie doch behalten, es geht ihr viel besser.« Mit leichterem Herzen als seit Wochen war er in sein Zimmer zurückgegangen.

Aber um Mitternacht — seltsame, geheimnisvolle Stunde, wenn sich der Schleier der zerbrechlichen Gegenwart und der ewigen Zukunft leise bewegt -, da kam der Sendbote! Im Zimmer entstand ein Geräusch, wie von schnellen Schritten. Es war Miß Ophelia, die sich entschlossen hatte, die Nacht über bei ihrem kleinen Pflegling zu wachen, und die in dieser Stunde bemerkt hatte, was Pflegerinnen so bezeichnend >eine Veränderung< nennen. Die äußere Tür wurde eilig geöffnet, und Tom, der wach gelegen, war im Nu zur Stelle.

»Lauf nach dem Doktor, Tom! Verliere keinen Moment«, sagte Miß Ophelia; und, das Zimmer durchquerend, klopfte sie an St. Clares Tür.

»Vetter«, sagte sie, »ich möchte dich bitten, komm herüber.«

Wie Erdschollen auf einen Sarg, so fielen diese Worte auf sein Herz. Im selben Augenblick aber stand er auf, trat ins Zimmer und neigte sich über Eva, die noch schlief.

Jedoch zeigten sich auf des Kindes Gesicht keine erschreckenden Spuren — nur ein hoher, fast göttlicher Ausdruck — die ahnende Gegenwart himmlischer Geister, der Anbruch unsterblichen Lebens in der kindlichen Seele.

Sie standen so still und blickten auf sie hinab, daß selbst das Ticken der Uhr zu laut erschien. In wenigen Minuten kehrte Tom mit dem Doktor zurück. Dieser trat ein, blickte kurz hin und verstummte wie die übrigen.

»Wann trat diese Veränderung ein?« fragte St. Clare jetzt im Flüsterton Miß Ophelia.

»Um Mitternacht«, war die Antwort.