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Eine Weile hörte man im Zimmer leises Flüstern und Scharren der Füße von allen denen, die sich einer nach dem andern heimlich hereinstahlen, um noch einen Blick auf die Tote zu werfen; nun kam der kleine Sarg, und dann folgte das Begräbnis.

St. Clare lebte, ging umher, bewegte sich wie einer, der alle seine Tränen vergossen.

Maries Zimmer wurde verdunkelt, sie lag auf dem Bett, schluchzend und klagend in unbeherrschtem Schmerz, die Aufmerksamkeit des gesamten Personals in Anspruch nehmend. Ihnen ließ sie keine Zeit für Trauer — wozu auch? Dieser Schmerz, und sie war völlig überzeugt, daß niemand auf Erden jemals einen solchen Kummer erlebt hatte.

»St. Clare hat nicht eine Träne vergossen«, sagte sie, »er hatte ihr keine Teilnahme bewiesen; es ist einfach nicht zu verstehen, wenn man bedenkt, wie hartherzig und gefühllos er war, wo er doch wissen mußte, wie sehr sie litt.«

So sehr sind Menschen von Auge und Ohr abhängig, daß viele Dienstboten ernstlich glaubten, die Herrin sei die Hauptleidtragende, besonders als Marie in hysterische Krämpfe fiel, den Doktor holen ließ und erklärte, sie müsse sterben; das Laufen und Herumjagen, das Herrichten von Wärmeflaschen, das Wärmen heißer Tücher, das einsetzende Treiben und Hasten brachte eine willkommene Zerstreuung.

Tom jedoch trieb es in die Nähe seines Herrn. Er folgte ihm wehmütig und traurig auf Schritt und Tritt, und wenn er ihn so blaß und still in Evas Zimmer sitzen sah, die kleine Bibel aufgeschlagen in der Hand, obwohl er weder Wort noch Buchstaben wahrnahm, so lag für Tom mehr Trauer in diesen stillen, tränenlosen Augen als in allen Klagen und Schmerzensausbrüchen Maries.

In wenigen Tagen war der Haushalt St. Clares in die Stadt zurückgekehrt, Augustin hatte in der Rastlosigkeit seines Schmerzes nach einer neuen Umgebung verlangt, um seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Also verließ man Haus und Garten und kehrte nach New Orleans zurück. St. Clare, bestrebt, die Leere seines Herzens mit der Hast und dem Getriebe der Stadt zu übertäuben, durcheilte geschäftig die Straßen; die Leute, die ihn unterwegs oder im Cafe trafen, erkannten seinen Verlust nur am Trauerflor seines Hutes, im übrigen lächelte er, redete, las die Zeitungen, verfolgte die Politik, erledigte Geschäfte. Wer vermochte zu sagen, daß diese lächelnde Aufmerksamkeit sich nur als hohle Schale über einem Herzen wölbte, in welchem es grabesstill und düster aussah?

»St. Clare ist höchst merkwürdig«, sagte Marie in anklagendem Ton zu Miß Ophelia. »Ich habe immer gedacht, wenn er irgend jemand in der Welt liebte, wäre es unsere kleine Eva; aber jetzt scheint er sie sehr schnell zu vergessen. Er hat auch für mich nicht ein Wort der Teilnahme gehabt und sollte doch wissen, daß eine Mutter viel mehr Gefühl hat als jeder Mann.«

»Jedes Herz kennt seine eigene Bitternis«, sagte Miß Ophelia mit Nachdruck.

»Das meine ich ja. Ich kenne meine Gefühle — aber niemand begreift das. Nur Eva, und sie ist dahin!« Schluchzend legte sich Marie zurück und wollte sich nicht trösten lassen.

Sie gehörte zu den Unglücklichen, in deren Augen alles Verlorene und Vergangene einen Wert annimmt, den es, während sie es besaßen, niemals gehabt hatte. Was immer sie besaß, sie fand an jedem etwas auszusetzen; war es dann verschwunden, stieg es zu ungeahnter Bedeutung auf.

Während diese Unterhaltung im Wohnzimmer vor sich ging, entspann sich eine andere in St. Clares Bibliothek. Tom, der seinem Herrn unaufhörlich unruhig folgte, hatte ihn vor einigen Stunden in die Bibliothek gehen sehen; nachdem er vergeblich auf sein Erscheinen gewartet, beschloß er endlich, ihm nachzugehen. Da lag St. Clare auf seinem Liegestuhl in der entferntesten Ecke des Raumes. Er lag auf dem Gesicht, nicht weit davon lag aufgeschlagen Evas Bibel. Tom ging hin und blieb neben dem Liegestuhl stehen. Er zögerte, und während er noch zögerte, richtete sich St. Clare plötzlich auf. Da sah er den treuen Burschen, dessen ehrliches, bekümmertes Gesicht mit dem flehenden Ausdruck von Zuneigung und Teilnahme ihn mit einemmal rührte. Er ergriff Toms Hand und preßte sie an seine Stirn.

»O Tom, alter Junge, die ganze Welt erscheint mir so leer.«

»Ich weiß, Herr, ich kenne das«, sagte Tom. »Als ich verkauft und von Weib und Kindern getrennt wurde, war ich fast gebrochen. Nichts war mir übriggeblieben, aber da hat der Heiland mir beigestanden und gesagt: >Fürchte dich nicht, Tom!< Licht und Freude hat er mir armem Kerl gebracht, und alles wurde voller Frieden.«

Tom hatte stockend mit tränenerstickter Stimme gesprochen. St. Clare legte seinen Kopf an Toms Schulter und preßte die harte, treue schwarze Hand.

27. Kapitel

Wieder vereint

Gleichmäßig glitten die Wochen in St. Clares Haushalt dahin; denn wie gebieterisch, gefühllos, ungeachtet unserer Schmerzen nimmt doch das Leben seinen Lauf! Wir essen, trinken, schlafen und erwachen wieder — wir handeln, kaufen, verkaufen, stellen Fragen und geben Antwort, kurzum, wir jagen tausend Schatten nach, mag auch unser Interesse erloschen sein, das Interesse am Leben; was bleibt, ist der bloße Mechanismus des Lebens.

St. Clare hatte ganz unbewußt alle seine Hoffnungen und Lebensinteressen auf sein Kind gerichtet. Für Eva hatte er sein Besitztum verwaltet, nach Eva seine Zeit eingerichtet, dies und das für sie zu tun, war ihm so sehr zur Gewohnheit geworden, daß ihm nun nach ihrem Hinscheiden nichts mehr zu tun und nichts mehr zu denken übriggeblieben war.

Er hatte niemals vorgegeben, unter irgendwelcher religiösen Verpflichtung zu stehen; seine edle Natur erkannte instinktiv, wie weit die christlichen Gebote gingen, seine Handlungsweise stimmte mit ihnen überein, ohne daß er sich bewußt nach ihnen richtete. Denn davon schreckte er immer noch zurück.

Doch hatte er sich in mancher Hinsicht gewandelt. Er las gewissenhaft und andächtig in Evas Bibel; er überprüfte die Beziehungen zu seinen Leuten und war wenig mit seinem bisherigen und gegenwärtigen Verhalten zufrieden; eine Sache aber nahm er sogleich nach seiner Rückkehr nach New Orleans in Angriff, und das waren die ersten Formalitäten zu Toms Freilassung. Inzwischen schloß er sich Tom mit jedem Tag näher an. In der ganzen Welt schien ihn niemand so sehr an Eva zu erinnern, er ließ ihn nicht von seiner Seite; und so sorgfältig er sonst seine Gefühle verbarg, Tom gegenüber schien er beinahe laut zu denken. Tom aber lohnte die Anhänglichkeit seines Herrn mit doppelter Treue und Verehrung.

»Also, Tom«, sagte St. Clare am Tage, als er den ersten legalen Schritt zu seiner Freilassung unternommen hatte, »ich werde dich nun zum freien Mann machen; halte also deine Koffer bereit und rüste dich zur Heimreise nach Kentucky.«

Doch das jähe Freudenlicht in Toms Augen, als er seine Hände zum Himmel hob, sein inbrünstiges »Dem Herrn sei gedankt!« brachten St. Clare ein wenig außer Fassung, es gefiel ihm nicht, daß Tom ihn so bereitwillig verlassen wollte.

»So schlecht ist es dir schließlich nicht ergangen. Tom, so übermäßig brauchtest du dich nicht zu freuen«, sagte er trocken.

»Nein, nein, gnädiger Herr, nicht deswegen — aber frei zu werden! Darüber frohlocke ich!«

»Aber, Tom, denkst du nicht, daß du es hier persönlich besser hattest als in der Freiheit?«

»Nein, gewiß nicht, gnädiger Herr«, sagte Tom in ausbrechender Energie, »gewiß nicht!«

»Aber, Tom, du hättest dir doch durch deine Arbeit unmöglich solche Kleider und Lebensweise leisten können, wie ich sie dir bot.«

»Das weiß ich gut, gnädiger Herr, Ihr wart sehr gütig; aber lieber will ich schlechte Kleider, ein schlechtes Haus und alles schlecht haben, wenn es nur mein ist. Das ist so, so will es die Natur, Herr.«

»Wahrscheinlich. Und in ein, zwei Monaten wirst du aufbrechen und mich verlassen«, setzte er unzufrieden hinzu. »Was dir gewiß auch keiner verdenken kann«, sagte er sodann in fröhlicherem Ton, und aufstehend schritt er im Zimmer auf und ab.