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»Nicht, solange der gnädige Herr Kummer hat«, sagte Tom. »Solange der gnädige Herr mich haben will, bleibe ich da — wenn ich von Nutzen sein kann.« »Solange ich Kummer habe, Tom?« sagte St. Clare und sah traurig aus dem Fenster… »Und wann wird mein Kummer vorüber sein?«

»Wenn der gnädige Herr bekehrt ist«, sagte Tom.

»Und bis zu dem Tage willst du bei mir bleiben?« sagte St. Clare und lächelt ein wenig, als er sich vom Fenster abwandte und Tom die Hand auf die Schulter legte. »Ach, Tom, du dummer Kerl! Bis zu dem Tage will ich dich nicht behalten. Geh du heim zu Weib und Kindern und grüße sie von mir!«

»Ich glaube fest, daß der Tag kommt«, sagte Tom ernst, mit Tränen in den Augen; »der Herrgott hat eine Aufgabe für den gnädigen Herrn.«

»Wie? Eine Aufgabe? Was?« sagte St. Clare; »na, Tom, laß hören, was ist das für eine Aufgabe?«

»Nun, selbst ein armer Kerl wie ich hat ja eine Aufgabe von un–serm Herrgott, und Ihr, gnädiger Herr, habt doch Bildung und Reichtum und Freunde, Ihr könnt da noch viel mehr tun!«

»Tom, du scheinst der Ansicht zu sein, Gott könnte uns alle anstellen«, sagte St. Clare lächelnd.

»Was wir unserm Nächsten tun, tun wir für den lieben Gott«, sagte Tom.

»Gute Theologie, Tom; besser als bei manchem Pfarrer«, sagte St. Clare.

An dieser Stelle wurde die Unterhaltung durch die Ankunft eines Besuchers unterbrochen.

Marie St. Clare empfand Evas Verlust so schmerzlich, wie es ihr überhaupt möglich war; und da sie eine Frau war, der es nicht schwerfiel, andere ihr Unglück fühlen zu lassen, hatte ihre Umgebung Grund genug, den Verlust der jungen Herrin zu beklagen, deren gewinnendes Wesen und sanfte Vermittlung ihnen so oft als Schild gedient hatte gegen die tyrannischen Launen ihrer Mutter. Besonders die arme alte Mammy, deren Herz, aller zarten Bande beraubt, sich an das schöne Kind geklammert hatte, war ganz gebrochen. Sie weinte Tag und Nacht und war in dem Übermaß ihres Schmerzes in ihren Handreichungen weniger flink und geschickt als sonst, so daß beständig ein Sturm der Entrüstung über ihr schutzloses Haupt herniederging.

Auch Miß Ophelia trug schwer an dem Verlust; aber in ihrem guten, ehrlichen Herzen trug er Frucht bis in die Ewigkeit. Sie waren sanfter und milder, sie ging ihren Pflichten in alter Treue nach, aber auf eine leisere Art, mit stillerer Miene, wie jemand, der nicht umsonst mit seinem Herzen Zwiesprache hält. Sie zeigte mehr Sorgfalt in der Unterweisung Topsys — sie unterrichtete sie vornehmlich an Hand der Bibel, schrak auch nicht mehr vor jeder Berührung zurück oder zeigte einen schlecht verhehlten Abscheu, denn sie empfand keinen mehr. Sie betrachtete ihren Zögling jetzt ein wenig mit Evas Augen und sah in ihr vor allem die unsterbliche Seele, die Gott ihr gesandt hatte, damit sie sie zu Tugend und Sittlichkeit führe. Topsy wurde gewiß nicht mit einemmal zur Heiligen; aber Evas Leben und Sterben hatte eine deutliche Wandlung in ihr verursacht; die kalte Gleichgültigkeit hatte sie abgelegt und statt dessen einen Hang zum Guten entwickelt, der noch häufig abbrach, stockte, aber stets von neuem wieder ansetzte.

Eines Tages, als Miß Ophelia nach Topsy schickte, kam diese und steckte im Laufen rasch etwas in ihren Kleidausschnitt.

»Was machst du da, du Hexe? Hast du wieder etwas gemaust, da wette ich«, sagte die kleine Rosa, die gern kommandierte und Topsy geholt hatte. Unwirsch ergriff sie sie am Arm.

»Gehen Sie weiter, Fräulein Rosa!« sagte Topsy und zerrte an ihrem Arm; »das geht Sie gar nichts an!«

»Warte, kleines Luder«, sagte Rosa. »Ich sah, wie du etwas versteckst — ich kenne deine Schliche«, und Rosa drängte ihre Hand in Topsys Kleidausschnitt, während Topsy außer sich geriet und mit Fußtritten und Ellbogenstößen ihr Recht verteidigte. Das Kampfgetöse rief Miß Ophelia und St. Clare auf den Plan.

»Sie hat gemaust«, sagte Rosa.

»Hab ich gar nicht!« ereiferte sich Topsy, schluchzend vor Empörung.

»Ganz egal, gib es her!« sagte Miß Ophelia bestimmt.

Topsy zögerte; aber auf ein zweites Geheiß zog sie ein kleines Päckchen hervor, das in einen alten Füßling eingewickelt war.

Miß Ophelia öffnete es. Da kam ein Büchlein zum Vorschein, das Eva Topsy geschenkt hatte und das für jeden einzelnen Tag einen Bibelspruch enthielt und außerdem, in Papier geschlagen, die Haarlocke, die sie an dem denkwürdigen Tag erhalten, als Eva allen Lebewohl gesagt hatte.

St. Clare war gerührt von dem Anblick, das Büchlein war mit einem schwarzen Kreppstreifen umwunden, den Topsy sich von einem Kranz abgerissen hatte.

»Warum hast du das darumgewickelt?« fragte St. Clare und hielt den Streifen in die Höhe.

»Weil — weil — weil es Fräulein Eva gehörte. Bitte, nicht wegnehmen!« flehte sie, und sich platt auf den Boden setzend, warf sie sich die Schürze über den Kopf und brach in lautes Schluchzen aus.

Lächerlich und rührend zugleich — der kleine alte Füßling — der schwarze Krepp — das Spruchbüchlein — die blonde, weiche Locke–und Topsys völlige Verzweiflung.

St. Clare lächelte; aber ihm standen die Tränen in den Augen, als er sagte:

»Komm, hör auf — weine nicht mehr; du sollst es wieder haben!«, und er legte ihr alles in den Schoß und zog Miß Ophelia mit sich ins Wohnzimmer.

»Ich bin überzeugt, aus soviel Treue läßt sich etwas herausholen«, sagte er, mit dem Daumen rückwärts über die Schulter deutend. »Ein Gemüt, das soviel Trauer empfindet, hat auch ein Organ für das Gute.«

»Das Kind hat gute Fortschritte gemacht«, erwiderte Miß Ophelia. »Ich habe jetzt große Hoffnung; aber, Augustin«, sagte sie und legte ihm die Hand auf den Arm, »eines möchte ich dich fragen: wessen Kind soll es eigentlich sein — deines oder meines?«

»Nun, ich hab sie dir geschenkt«, sagte Augustin.

»Aber nicht gesetzlich; ich möchte, daß sie mir dem Gesetz nach gehört«, sagte Miß Ophelia.

»Hoho, Kusine«, rief Augustin. »Was werden sie dann zu Hause denken? Sie werden einen Fastentag veranstalten, wenn du zum Sklavenhalter wirst.«

»Ach, Unsinn. Ich möchte sie haben, damit ich sie von Rechts wegen in die freien Staaten bringen und ihr die Freiheit geben kann, es soll doch nicht alles umsonst sein, was ich an ihr tue.«

»Ach, Kusine, wie entsetzlich, Böses zu tun, damit Gutes entsteht! Das darf ich nicht unterstützen.«

»Mach keine Späße, sei einmal vernünftig«, sagte Miß Ophelia. »Es hat keinen Zweck, wenn ich mich bemühe, eine Christin aus ihr zu machen, wenn ich sie nicht vor allen Zufällen und Nachteilen der Sklaverei bewahre. Wenn du sie mir wirklich überlassen willst, mußt du mir eine Erklärung oder irgendein Dokument ausstellen.«

»Na, gut«, antwortete St. Clare, »ich will es tun«, und er ließ sich nieder und faltete seine Zeitung auseinander.

»Ich möchte das jetzt gleich erledigt haben«, bestand Miß Ophelia.

»Warum so eilig?«

»Weil man eine Sache immer nur >jetzt< erledigen kann«, sagte Miß Ophelia. »Komm, hier ist Papier, Feder und Tinte, stell mir so ein Papier aus.«

Wie alle Männer seiner Gemütsart haßte St. Clare ganz allgemein jedes sofortige Handeln; er war daher sichtlich erbost über Miß Ophelias prompte Entschlossenheit.

»Was ist denn los?« fragte er; »genügt dir mein Wort nicht?« »Ich möchte gern sicher gehen«, erwiderte Miß Ophelia. »Du könntest sterben oder bankrott machen, und dann müßte Topsy zur Versteigerung, und ich könnte nichts dagegen tun.«

»Du bist wahrhaftig vorausschauend. Na, in den Händen eines Yankees gibt man besser nach«, und St. Clare schrieb geschwind eine Schenkungsurkunde aus, was ihm nicht schwerfiel, da er in allen Rechtssachen gut beschlagen war, und unterschrieb sie mit zügiger Hand und schwunghaftem Schnörkel.