»Also, hier, schwarz auf weiß, genügt das, Miß Vermont?« fragte er, als er sie ihr überreichte.
»Guter Junge«, antwortete Miß Ophelia lächelnd. »Aber muß sie nicht gegengezeichnet werden?«
»Ach, verflixt! — Natürlich. Hier«, sagte er, die Tür zu Maries Zimmer öffnend.
»Marie, die Kusine wünscht deine Unterschrift; setz doch hier eben deinen Namen hin.«
»Was ist das?« fragte Marie, als sie das Papier überflog. »Wie lächerlich! Ich dachte, die Kusine wäre für solch schreckliche Dinge zu fromm«, sagte sie hinzu, als sie nachlässig ihren Namen hinschrieb; »aber wenn sie diesen Artikel haben möchte, geben wir ihn gern.«
»Also, nun ist sie dein auf Gedeih und Verderb«, sagte St. Clare und händigte ihr das Papier ein!
»Nicht mehr als vorher«, entgegnete Miß Ophelia. »Niemand als der liebe Gott ist berechtigt, sie mir zu schenken, aber jetzt kann ich sie beschützen.«
»Dann ist sie also dein nach dem Gesetz«, meinte St. Clare, als er ins Wohnzimmer zurückkehrte und seine Zeitung wieder aufnahm.
Miß Ophelia, die möglichst wenig in Maries Gesellschaft verweilte, folgte ihm nach drüben, nachdem sie vorher das Dokument sorgfältig verschlossen hatte.
»Augustin«, fragte sie plötzlich und ließ ihr Strickzeug sinken, »hast du eigentlich für den Fall deines Todes irgendwelche Vorkehrungen für deine Leute getroffen?«
»Nein«, sagte St. Clare, während er weiterlas.
»Dann kann deine Nachsicht sich am Ende noch als große Grausamkeit erweisen.«
St. Clare hatte schon oft dasselbe gedacht, aber er antwortete nachlässig:
»Ich werde schon Vorkehrungen treffen.«
»Wann?« fragte Miß Ophelia.
»Oh, eines Tages.«
»Und wenn du vorher stirbst?«
»Kusine, was ist denn los?« sagte St. Clare, seine Zeitung sinken lassend, und sah sie an. »Zeig ich denn schon Symptome des gelben Fiebers oder der Cholera, daß du mit solchem Eifer meine letztwilligen Verfügungen betreibst?«
»Mitten im Leben stehen wir im Tode«, antwortete Miß Ophelia.
St. Clare stand auf und legte die Zeitung hin, achtlos trat er unter die offene Verandatür, um die Unterhaltung abzubrechen, die ihm nicht angenehm war. Mechanisch wiederholte er das letzte Wort -»im Tode!« -, und als er sich gegen das Geländer lehnte und das Funkeln der Wasser des Springbrunnens sah und wie hinter Schleiern die Blumen, Bäume und Vasen im Hof wahrnahm, wiederholte er das geheimnisvolle Wort abermals, das jedem Munde so geläufig und doch von so furchtbarer Gewalt ist - »im Tode!«
»Merkwürdig, daß es solch ein Wort gibt«, sagte er, »und solch ein Ding, und es wird immer vergessen, daß man an einem Tag noch lebendig, warm und schön, voller Hoffnungen, Wünsche und Verlangen und schon am nächsten Tag für immer dahin ist!«
Es war ein warmer schöner Abend; als er hinüberschritt zum an–dern Ende der Veranda, sah er dort Tom andächtig in der Bibel lesen, sein Finger rutschte mühelos von einem Wort zum andern, während seine Lippen jedes einzelne ernsthaft nachsprachen.
»Soll ich dir vorlesen, Tom?« fragte St. Clare und nahm neben ihm Platz.
»Wenn der gnädige Herr so gütig ist«, sagte Tom dankbar. »Dann wird es mir viel klarer.«
St. Clare nahm das Buch, überflog die Stelle, und begann mit einem Absatz, den Tom mit dicken Strichen umrandet hatte. Er lautete:
»Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit, und werden vor ihm alle Völker versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet.« St. Clare las mit interessierter Stimme weiter, bis er an den letzten Vers kam:
»Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich nicht gespeist, ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränkt; ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich nicht beherbergt; ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet; ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr habt mich nicht besucht. Da werden sie ihm auch antworten und sagen, Herr, wann haben wir dich gesehen, hungrig oder durstig oder als einen Gast oder nackt oder krank oder gefangen und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.«
St. Clare schien vom letzten Satz sehr betroffen zu sein, denn er las ihn zweimal langsam, als ob er die Worte innerlich überlegte.
»Tom«, sagte er, »diese Leute, die da so schwer gestraft werden, scheinen sich nicht anders als ich verhalten zu haben — sie führten ein gutes, ehrsames Leben und kümmerten sich nicht darum, wie viele ihrer Brüder hungrig oder durstig, krank oder gefangen waren.«
Tom antwortete nicht.
St. Clare erhob sich und ging nachdenklich auf der Veranda auf und ab, alles andere über seinen eignen Gedanken vergessend; er war so geistesabwesend, daß Tom ihn zweimal auf den Gong zum Tee aufmerksam machen mußte, bevor er hörte.
Während des Tees war St. Clare zerstreut und gedankenvoll. Nach dem Tee setzte er sich wortlos zu den beiden Damen ins Wohnzimmer.
Marie zog sich auf ihre Ruhestatt hinter seidene Moskitoschleier zurück und war bald fest eingeschlafen. Miß Ophelia griff schweigend zu ihrem Strickzeug. St. Clare setzte sich ans Klavier und spielte eine sanfte, melancholische Weise. Er schien seinen Träumen nachzuhängen und sich in Musik zu verströmen. Kurz danach öffnete er eine Schublade, zog ein altes Notenheft mit vergilbten Blättern hervor und begann darin zu blättern.
»Hier«, sagte er zu Miß Ophelia, »dies ist noch ein Heft von meiner Mutter, hier ist ihre Handschrift — komm, sieh es dir einmal an. Dies hat sie nach Mozarts Requiem zusammengestellt.« Miß Ophelia folgte seiner Aufforderung.
»Das hat sie oft gesungen«, sagte St. Clare. »Mir ist, als hörte ich sie noch.«
Er schlug einige mächtige Akkorde an und hub an zu singen, es war das große, alte lateinische >Dies Irae<.
Tom hatte auf der Veranda gelauscht und wurde jetzt unwiderstehlich von dem Klang der Musik zur Tür gezogen, wo er ergriffen stehenblieb. Er verstand natürlich die Worte nicht, aber Musik und Gesang schienen großen Eindruck auf ihn zu machen, besonders als St. Clare die ergreifenden Stellen sang. Tom hätte sich noch tiefer rühren lassen, wenn er die Bedeutung der schönen Worte verstanden hätte:
»Recordare, Jesu pie,
Quod sum causa tuae viae
Ne me perdas ilia die:
Quaerens me, sedisti lassus,
Redemisti crucem passus,
Tantus labor non sit casus.«
St. Clare gab den Worten einen tiefgefühlten Ausdruck; der schattenhafte Schleier der Jahre schien zurückgeschlagen, und wieder schien er die Stimme der Mutter zu hören. Stimme und Instrument schienen Leben zu gewinnen und gaben voller Mitgefühl jene Stellen wieder, die der unsterbliche Mozart als eigenes Sterbelied niedergeschrieben.
Als St. Clare geendet hatte, stützte er einen Augenblick seinen Kopf auf die Hände und begann dann wieder, im Zimmer auf und ab zu gehen.
»Welch göttliche Vorstellung des Jüngsten Gerichts!« rief er aus; »wie wird da alles Unrecht geradegerückt — wie werden alle moralischen Probleme durch eine unerforschliche Weisheit gelöst. Es ist tatsächlich ein wunderbares Bild.«
»Für uns ist es erschreckend«, meinte Miß Ophelia.
»Wahrscheinlich müßte es mich erschrecken«, sagte St. Clare, nachdenklich innehaltend. »Ich habe Tom nach Tisch das Kapitel aus dem Matthäusevangelium vorgelesen, das davon berichtet, und ich stehe noch ganz unter diesem Eindruck. Man sollte meinen, daß alle diejenigen, die aus dem Himmel ausgeschlossen sind, eines furchtbaren Unrechts angeklagt werden! Aber nein — sie werden verdammt, weil sie nichts Gutes taten, als ob daraus schon alles Unheil entstünde.«