»Vielleicht ist es für Menschen unmöglich«, sagte Miß Ophelia, »das Unheil zu verhüten, wenn sie nichts Gutes stiften.«
»Und was«, fragte St. Clare geistesabwesend, voll tiefer Empfindung, »was aber sagt man von dem, der kraft seines Herzens und kraft seiner Erziehung durch die Nöte der Gesellschaft vergeblich zu hohen Zielen berufen war? Der nicht Hand anlegte, sondern nur ein Zuschauer der Kämpfe, Nöte und Verbrechen war?«
»Ich würde sagen«, entgegnete Miß Ophelia, »er sollte bereuen und frisch von neuem beginnen.«
»Immer praktisch, immer den Nagel auf den Kopf getroffen«, sagte St. Clare, und ein Lächeln breitete sich über seine Züge. »Du läßt mir nie Zeit zu allgemeinen Betrachtungen, Kusine, du bringst mich immer kurz entschlossen in die Gegenwart zurück; in deinem Kopf regiert das ewige >Jetzt<.«
»>Jetzt< ist alles, was ich an Zeit zum Handeln habe«, entgegnete Miß Ophelia.
»Liebe kleine Eva — armes Kind!« sagte St. Clare. »Ihr ganzes Herz hing daran, daß ich diese eine gute Tat vollbrächte!«
Zum erstenmal seit Evas Tod hatte er wieder von ihr gesprochen; er fuhr fort und suchte seiner tiefen Bewegung Herr zu werden.
»Meine Ansicht vom Christentum ist diese, daß niemand sich auf die Dauer dazu bekennen kann, der sich nicht mit dem ganzen Gewicht seiner Persönlichkeit gegen diese fürchterliche Ungerechtigkeit auflehnt, die unserer Gesellschaft zugrunde liegt, und wenn es sein muß, sich in diesem Kampf aufopfert. Damit will ich sagen, ich könnte nur auf diese Weise Christ sein, obwohl ich vielfach mit aufgeklärten und christlichen Männern zusammenkam, die nichts dergleichen unternahmen. Ich gestehe, daß die Trägheit religiöser Menschen dieser Sache gegenüber, ihre mangelnde Wahrnehmung jenes Unrechts, das mich mit Entsetzen erfüllt, mehr als alles andere meine Skepsis erregten.«
»Wenn du dies alles erkannt hast«, fragte Miß Ophelia, »warum hast du dann nichts unternommen?«
»Oh, weil mein Tatendrang nicht weiter reicht, als auf dem Sofa liegend Kirche und Geistlichkeit zu verfluchen, daß sie keine Lust haben, Märtyrer und Bekenner zu werden. Das erkennt man nicht, weißt du, daß andere Märtyrer sein müßten.«
»So, so, und willst du jetzt anders vorgehen?«
»Gott allein kennt die Zukunft«, erwiderte St. Clare. »Ich bin jetzt tapferer als früher, seitdem ich alles verlor; wer nichts mehr zu verlieren hat, kann leichter ein Risiko auf sich nehmen.«
»Was also wirst du tun?«
»Hoffentlich meine Pflicht gegenüber den Armen und Niedrigen, sobald ich nur Klarheit habe, angefangen bei meinem eigenen Personal, für das ich noch nichts getan habe; vielleicht stellt sich dann später heraus, daß ich für eine ganze Klasse etwas tun kann, um damit mein Land von der Schande zu befreien, vor allen anderen zivilisierten Nationen in diesem falschen Licht zu stehen.«
»Hältst du es nicht für möglich, daß eine Nation freiwillig die Gleichstellung der Rassen gewährt?«
»Ich weiß nicht«, antwortete St. Clare, »wir leben in Zeiten großer Taten. Heldenmut und Uneigennützigkeit haben schon trotz riesiger Verluste Millionen Leibeigener freigesetzt. Auch bei uns könnten sich großmütige Geister finden, die Ehre und Gerechtigkeit nicht nach Dollar und Cent berechnen.«
»Das glaub ich kaum«, sagte Miß Ophelia.
»Aber angenommen, wir erheben uns morgen und befreien die Sklaven, wer will die Millionen erziehen und sie den Gebrauch ihrer Freiheit lehren? Bei uns wüßten sie damit nicht viel anzufangen. Tatsächlich sind wir selbst zu faul und zu unpraktisch, um ihnen den richtigen Begriff von Fleiß und Energie beizubringen, damit sie zu Männern werden. Daher werden sie sich nach Norden wenden müssen, wo Arbeit Mode — und allgemeiner Brauch ist. Was meinst du, Kusine, werden eure Nordstaaten genug christliche Nächstenliebe aufbringen, um diesen Prozeß der Erziehung und Aufklärung zu vollziehen? Ihr schickt Tausende von Dollar an die Äußere Mission, aber würdet ihr es ertragen, wenn man die Heiden in eure Dörfer und Städte schickte und euch genügend Zeit, Überlegung und Geld ließe, um sie auf den christlichen Standard zu bringen?
Das hätte ich gern gewußt. Wenn wir die Sklaven freilassen, seid ihr bereit, sie zu erziehen? Wie viele Familien deiner Heimatstadt würden einen Neger, Mann oder Frau, aufnehmen, unterrichten, täglich ertragen und versuchen, einen anständigen Christen aus ihm zu machen? Wie viele Kaufleute oder welcher Mechaniker, falls er ein Handwerk erlernen möchte, würden Adolf als Lehrling einstellen? Wenn ich Jane und Rosa zur Schule schicken möchte, welche Schulen der Nordstaaten würden sie aufnehmen? In welchen Familien könnten sie wohnen? Dabei sind sie so weiß wie manches Mädchen im Norden oder Süden. Siehst du, Kusine, mir ist es um Gerechtigkeit zu tun. Wir sind hier in einer schlechten Lage. Wir sind die sichtbaren Unterdrücker der Neger; aber das unchristliche Vorurteil des Nordens ist ein Unterdrücker, dessen Faust mindestens ebenso schwer auf ihnen lastet.«
»Ach ja, Vetter, ich weiß das«, erwiderte Miß Ophelia.
»Mir erging es genauso, bis ich es als meine Pflicht erkannte, daß ich mich zu überwinden hatte, und das ist mir jetzt wohl gelungen. So wird es im Norden viele Menschen geben, die nur erfahren müssen, welche Pflichten sie haben. Es gehört sicher mehr Selbstverleugnung dazu, Heiden in unserer Mitte aufzunehmen, als Missionare auszusenden; aber ich denke, wir müßten es schaffen.«
»Du sicher, das weiß ich«, sagte St. Clare. »Ich möchte nur wissen, was du nicht schafftest.«
»Na, ich bin gewiß keine Ausnahme. Da würden andere ganz anders handeln. Ich werde Topsy mitnehmen, wenn ich heimgehe. Wahrscheinlich wird sich meine Familie anfangs ein bißchen aufregen, aber dann werden sie sich gewinnen lassen. Außerdem weiß ich, daß viele Menschen im Norden genau das in die Tat umsetzen, was du sagtest.«
»Ja, aber sie sind in der Minderheit, und wenn wir die Freilassung in etwas größerem Umfang betrieben, würden wir bald etwas zu hören kriegen.«
Miß Ophelia antwortete nicht. Es entstand eine kurze Pause, und wieder flog ein schmerzlicher, verträumter Ausdruck über St. Clares Züge.
»Ich weiß nicht, warum ich heute so viel an meine Mutter denken muß«, fing er wieder an. »Ich habe so ein merkwürdiges Gefühl, als ob sie mir nahe sei. Mir fallen Dinge ein, die sie früher sagte. Seltsam, wie einen die vergangenen Dinge zuweilen heimsuchen!«
St. Clare ging noch einigemal im Zimmer auf und ab und sagte dann:
»Ich denke, ich werde noch ein Weilchen auf die Straße gehen und hören, was es Neues gibt.«
Er griff nach seinem Hut und schritt hinaus.
Tom folgte ihm und fragte, ob er ihn begleiten solle.
»Nein, mein Junge«, antwortete ihm St. Clare; »ich werde in einer Stunde wieder zurück sein.«
Tom setzte sich auf die Veranda. Es war ein schöner, mondheller Abend; er saß ganz ruhig und sah dem Steigen und Fallen des Springbrunnens zu und lauschte auf sein Geplätscher. Tom dachte an zu Hause, daß er bald ein freier Mann sein und nach Hause zurückkehren würde. Er überlegte, wie er arbeiten wollte, um Weib und Kinder auszulösen. Mit Freuden fühlte er die Muskeln seiner kräftigen Arme, als er daran dachte, daß diese Kräfte bald ihm gehören und wie er sie anspannen würde für die Freiheit seiner Familie. Dann dachte er an seinen edlen Herrn, und im Zusammenhang damit folgte das Gebet, das er stets für ihn sprach. Weiter wander–ten seine Gedanken zu der kleinen Eva, die er nun unter den Engeln wußte. Lautes Klopfen weckte ihn plötzlich auf, und viele Stimmen ertönten am Tor.
Er eilte hin, um zu öffnen; da traten mit schwerem Schritt und unterdrückten Stimmen mehrere Männer ein, die auf einer Bahre, zugedeckt mit einem Mantel, einen Mann hereintrugen. Das Lampenlicht fiel voll auf sein Antlitz, und Tom stieß einen wilden Schrei tödlich erschrockener Verzweiflung aus, der in allen Galerien widerhallte, während die Männer mit ihrer Last zur offenen Wohnzimmertür schritten, wo Miß Ophelia noch mit ihrem Strickzeug saß.