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St. Clare war in ein Cafe eingekehrt, um die Abendblätter zu durchfliegen. Während er noch las, erhob sich ein Streit im Saal zwischen zwei Herren, die beide angetrunken waren. St. Clare mit ein oder zwei anderen Gästen versuchte die Streitenden zu trennen; und während er noch bestrebt war, dem einen den Dolch zu entreißen, empfing er selbst einen schweren Stich in die Seite.

Das Haus scholl laut von Schreien und Klagen, Kreischen und Heulen, die Diener rauften sich die Haare, warfen sich zu Boden und liefen laut klagend sinnlos hin und her. Tom und Miß Ophelia waren die einzigen, die ihre Geistesgegenwart behielten, denn Marie lag in schweren hysterischen Krämpfen. Auf Miß Ophelias Geheiß wurde eilig eine Liegestatt im Wohnzimmer hergerichtet und der blutende Körper darauf niedergelegt. Durch Schmerz und Blutverlust war St. Clare bewußtlos, aber als Miß Ophelia Wiederbelebungsversuche anstellte, kam er wieder zu sich, schlug die Augen auf, blickte starr von einem zum andern und überflog dann das Zimmer, bis sein Blick wehmütig auf dem Bilde seiner Mutter haftenblieb.

Inzwischen war der Arzt gekommen und untersuchte den Verletzten. Der Ausdruck seines Gesichts ließ auf keine Hoffnung schließen; aber er machte sich daran, die Wunde zu verbinden; unter dem Wehklagen der aufgescheuchten Dienerschaft, die sich um Türen und Fenster der Veranda drängte, machte er sich mit Toms und Ophelias Beistand ans Werk.

»Und nun«, sagte der Arzt, »müssen die Leute verschwinden; jetzt hängt alles davon ab, daß er Ruhe erhält.«

St. Clare öffnete die Augen und blickte starr auf die traurigen Gestalten, die Miß Ophelia und der Doktor hinauszudrängen suchten.

»Arme Menschen«, sagte er, und ein Ausdruck bitterer Selbstanklage glitt über sein Gesicht. Adolf weigerte sich strikt hinauszugehen. Das Entsetzen hatte ihn um alle Selbstbeherrschung gebracht. Er warf sich der Länge nach auf den Fußboden, und nichts konnte ihn bewegen aufzustehen. Die übrigen gaben Miß Ophelias Vorstellung nach, daß das Leben ihres Herrn jetzt von ihrer Ruhe und ihrem Gehorsam abhinge.

St. Clare konnte nur wenig sprechen; er lag mit geschlossenen Augen da, aber es war offensichtlich, daß bittere Gedanken ihn verfolgten. Nach einer Weile legte er seine Hand auf Tom, der neben ihm kniete und flüsterte: »Tom! Armer Bursche!«

»Was ist, gnädiger Herr?« fragte Tom inständig.

»Ich sterbe!« antwortete St. Clare, seine Hand drückend; »bete!«

»Wenn Ihnen ein Geistlicher lieb wäre« - sagte der Arzt.

Hastig schüttelte St. Clare den Kopf und sagte noch dringlicher zu Tom: »Bete!«

Und Tom betete mit aller Kraft für die sterbende Seele. Es war ein echtes Gebet, dargebracht unter heißen Tränen. Als Tom geendet hatte, ergriff St. Clare seine Hand, sah ihn unverwandt an, sagte aber nichts. Er schloß die Augen, aber noch ließ sein Griff nicht nach — denn vor den Toren der Ewigkeit halten sich die schwarze und die weiße Hand mit gleicher Kraft umschlungen. In abgerissenen Pausen sprach er leise vor sich hin:

»Recordare, Jesu pie…

Ne me perdas — illa die

Quaerens me — sedisti lassus.«

Es war deutlich, daß die Worte, die er nachmittags gesungen, ihm durch den Kopf gingen — inständige Worte an das unendliche Erbarmen gerichtet. Seine Lippen bewegten sich und formten mühsam in Abständen die Worte der Hymne.

»Sein Geist wandert«, sagte der Doktor.

»Nein! Er kehrt endlich heim!« sprach St. Clare energisch; »endlich, endlich!«

Diese Anstrengung erschöpfte ihn. Die Blässe des Todes befiel ihn; aber zugleich legte sich, wie herabgleitend von den Flügeln eines mitleidigen Engels, ein Ausdruck des Friedens über seine gequälten Züge, wie bei einem verirrten Kind, das einschläft. So verschied er.

28. Kapitel

Die Schutzlosen

Wir hören so oft, daß Negersklaven beim Tode ihres Herrn sich einfach untröstlich gebärden. Das hat seinen guten Grund; denn kein Geschöpf auf Gottes Erdboden wird so völlig dem Schicksal preisgegeben wie die Sklaven in diesem Moment.

Dem Kind, das seinen Vater verliert, bleibt der Schutz der Freunde und des Gesetzes; es ist etwas und kann etwas tun — es hat eine anerkannte Stellung und anerkannte Rechte, der Sklave hat nichts von alledem. Das Gesetz betrachtet ihn als bar aller Rechte, einfach als Handelsobjekt. Die einzig mögliche Anerkennung seiner Wünsche und Bedürfnisse, die ihm als Menschen mit einer unsterblichen Seele zustehen, kann ihm nur der unbeugsame und niemand Verantwortung schuldende Wille seines Herrn gewähren; und wenn dieser Herr getroffen wird, bleibt ihm nichts übrig.

Die Zahl aller Männer, die mit dieser unumschränkten Macht human und großherzig umzugehen wissen, ist verhältnismäßig gering. Das weiß jeder, und der Sklave weiß es am besten; es bestehen für ihn zehn Möglichkeiten, einen tyrannischen, rücksichtslosen Herrn zu finden, gegen die eine, an einen freundlichen und verständnisvollen zu geraten. Darum ist es wohl verständlich, daß das Wehklagen über einen guten Herrn so laut und lange ertönt.

Als St. Clare seinen letzten Atemzug getan, wurde sein ganzes Haus von Angst und Entsetzen ergriffen. In einem Augenblick war er in der Blüte seiner Kraft und Jugend gefällt worden! Jeder Raum, jede Galerie hallte wider vom Schreien und Schluchzen der Verzweiflung.

Marie, deren Nervensystem durch ihr ständiges Nachgeben erschüttert war, hatte für diesen Schock keine Widerstandskraft mehr; während ihr Mann im Sterben lag, fiel sie von einer Ohnmacht in die andere, so daß der Gefährte, mit dem sie durch das geheimnisvolle Band der Ehe verknüpft war, ohne ein Wort des Abschieds von ihr ging.

Miß Ophelia mit ihrer charakteristischen Kraft und Selbstbeherrschung hatte bis zuletzt ihrem Verwandten beigestanden — ganz Auge, ganz Ohr, voller Aufmerksamkeit, ihm die kleinsten Dienste erweisend und von ganzer Seele einstimmend in das leidenschaftliche Gebet, welches der arme Sklave für die Seele seines sterbenden Herrn gestammelt hatte.

Toms ganze Seele strömte über von Gedanken an die Ewigkeit; während er noch um den Toten beschäftigt war, dachte er nicht ein einziges Mal daran, daß dieser jähe Schlag ihn in hoffnungslose Sklaverei zurückstieß. Er war beruhigt über seinen Herrn; denn in jener Stunde, als er im Gebet den Vater im Himmel angerufen, war als Antwort eine große Zuversicht und Ruhe über ihn gekommen. In der Tiefe seiner eigenen, liebevollen Natur hatte er etwas von der Fülle göttlicher Liebe zu verspüren vermocht; denn schon ein alter Spruch besagt: »Wer in der Liebe wohnet, wohnet in Gott und Gott in ihm.« Tom hoffte, vertraute und lebte in Frieden.

Aber das Begräbnis rauschte vorbei mit prunkvollem schwarzen Krepp, Gebeten und andächtigen Gesichtern; zurück rollten die kalten, trüben Wogen des Alltags, und es erhob sich die ewige harte Frage: Was muß nun geschehen?

Sie drängte sich Marie auf, als sie in fließenden Trauergewändern, umgeben von ihrer ängstlichen Dienerschaft, in ihrem großen Lehnstuhl saß und Stoffmuster von Krepp und Seide aussuchte. Sie beschäftigte Miß Ophelia, deren Gedanken der Heimat zuflogen. Sie verfolgte mit geheimem Schrecken die Gemüter der Sklaven, die den tyrannischen, lieblosen Charakter ihrer Herrin wohl kannten, deren Händen sie jetzt ausgeliefert waren. Alle wußten genau, daß die Nachsicht und Vorteile, die sie genossen, von ihrem Herrn und nicht von ihrer Herrin ausgegangen waren und daß nun, nach seinem Hinscheiden, kein Schirm mehr zwischen ihnen und jeder launischen Tyrannei bestand, die ein von Leiden verbittertes Gemüt nur ersinnen konnte.