Ihr Herr ist Mr. Legree, Besitzer einer großen Baumwollplantage am Red River. Sie wird zu Tom und noch zwei anderen Leuten abgeschoben und geht weinend mit.
Dem wohlwollenden Herrn tut es leid, aber schließlich passiert das alle Tage! Immer sieht man Mütter und Töchter bei diesen Verkäufen in Tränen ausbrechen. Das ist nicht zu ändern, und er geht mit seiner Neuerwerbung in anderer Richtung davon.
30. Kapitel
Die Überfahrt
Tom saß, an Händen und Füßen gefesselt, auf dem unteren Verdeck eines kleinen, elenden Dampfers auf dem Red River, aber schwerer als die Ketten bedrückte ihn der Stein auf seinem Herzen. An seinem Himmel war alles untergegangen — Mond und Sterne; alles war an ihm vorübergeglitten, genau wie die Bäume am Ufer vorübergleiten, um niemals wiederzukehren. Die Heimat in Kentucky mit Weib und Kindern und der nachsichtigen Herrschaft; das Heim St. Clares mit Glanz und Luxus; Evas goldenes Köpfchen mit den Augen einer Heiligen; der stolze, heitere, schöne, scheinbar so sorglose, immer freundliche St. Clare; die Stunden der Muße und Entspannung — alles dahin! Und was blieb ihm statt dessen?
Es gehört zu den unerbittlichen Seiten des Sklavenschicksals, daß der Neger, anpassungsfähig und schmiegsam wie er ist, sich wohl in einer gebildeten Familie Geschmack und Gefühle aneignen kann, die dort die Atmosphäre bestimmen, dann aber erbarmungslos zum Leibsklaven des gemeinsten und brutalsten Herrn herabsinken kann — genau wie ein Stuhl oder Tisch, die einst ein prächtiges Lokal zierten, zuletzt verschrammt und angeschlagen ihren Platz in der Wirtsstube einer schmutzigen Kneipe oder sonst einer Stätte gemeiner Vergnügungen finden. Der große Unterschied besteht nur darin, daß Stuhl und Tisch keine Gefühle haben, wohl aber der Mensch, denn selbst eine gesetzliche Bestimmung, daß er >wie persönliches Eigentum zu behandeln und vor Gesetz anzusehen ist<, kann seine Seele nicht ausmerzen, die ihr eigenes kleines Reich an Erinnerungen, Hoffnungen, Neigungen, Ängsten und Wünschen besitzt.
Mr. Simon Legree, Toms Herr, hatte seine Sklaven auf verschiedenen Märkten zusammengekauft, bis er sie, acht an der Zahl, mit Handschellen, paarweise zu dem Dampfer >Privat< hinuntertrieb, der dort abfahrbereit für die Reise den Red River hinauf vor Anker lag.
Nachdem der Dampfer abgefahren und alle einigermaßen untergebracht waren, machte er im Vollgefühl seiner Tüchtigkeit, was charakteristisch für ihn war, die Runde, um alle nochmals in Augenschein zu nehmen. Er blieb vor Tom stehen, der zum Verkauf seinen besten Tuchanzug mit wohlgestärktem Hemd und blitzblanken Stiefeln angelegt hatte, und sprach ihn folgendermaßen an:
»Steh auf!«
Tom stand auf.
»Nimm die Halsbinde ab!« Und als Tom, behindert durch seine Fesseln, es versuchte, half er ihm, indem er sie ihm unsanft vom Hals riß und sich in die Tasche steckte.
Dann wandte er sich Toms Koffer zu, den er schon vorher durchstöbert hatte, entnahm ihm eine alte Hose und einen geflickten Rock, den Tom bei der Stallarbeit getragen, befreite Tom von seinen Handschellen und zeigte auf die Nische zwischen den Kisten:
»Geh dahin und zieh dich um.«
Tom gehorchte und kehrte in wenigen Minuten zurück.
»Zieh deine Stiefel aus«, sagte Mr. Legree.
Tom tat es.
»Da«, sagte der andere und warf ihm ein Paar grobe Schuhe hin, wie sie Sklaven gewöhnlich tragen, »zieh diese an.«
Bei dem eiligen Kleiderwechsel hatte Tom nicht vergessen, seine vielgeliebte Bibel in die andere Tasche zu stecken. Darin hatte er weise gehandelt, denn kaum hatte Mr. Legree Tom die Handschellen wieder angelegt, als er sich an eine genaue Durchsuchung der Taschen machte. Er zog ein kleines seidenes Taschentuch hervor und steckte es in die eigene Tasche. Einige Kleinigkeiten, die Tom besonders gehütet hatte, weil Eva einst über sie gelacht, betrachtete er mit verächtlichem Brummen und warf sie über die Schulter in den Fluß.
Toms Gesangbuch, das er in der Eile vergessen, nahm er auf und durchblätterte es.
»Hu, riecht nach Frömmigkeit. Du gehörst zur Kirche, wie?«
»Ja, Herr«, sagte Tom fest.
»Na, das werde ich dir bald austreiben. Bei mir dulde ich keinen von den jaulenden, betenden und singenden Niggers; richte dich danach. Also nimm dich in acht!« sagte er aufstampfend und warf Tom einen stechenden Blick aus seinen grauen Augen zu. »Ich bin jetzt deine Kirche! Verstehst du — du hast so zu sein, wie ich es sage!«
Etwas in dem schwarzen Mann antwortete nein! Und als ob eine unsichtbare Stimme sie wiederholte, kamen ihm die Worte der alten prophetischen Weissagung in den Sinn: — »Fürchte dich nicht, denn ich habe dich gerettet. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist Mein!«
Aber Simon Legree hörte keine Stimme. Diese Stimme wird er niemals hören. Er starrte nur für einen Moment lauernd in Toms gesenktes Gesicht, dann schritt er weiter. Er nahm Toms Koffer, der eine sehr hübsche und vollständige Garderobe enthielt, mit auf das Vorderschiff, wo ihn bald verschiedene Leute des Schiffspersonals umringten. Unter mancherlei Gelächter auf Kosten der Nigger, die gern den großen Herrn spielen, wurden alle Sachen rasch verkauft und der leere Koffer schließlich versteigert. Das war ein Hauptspaß, besonders wenn man verfolgte, wie Tom seinen Sachen nachsah, als sie in alle Winde gingen, und am komischsten war die Versteigerung des Koffers, wobei man unzählige Witze riß.
Nach Erledigung dieses kleinen Geschäfts langte Simon wieder bei seinem Eigentum an.
»Na, Tom, siehst du, jetzt habe ich dein Gepäck ein bißchen erleichtert. Nimm deine Kleider nur gut in acht. Es wird lange dauern, bis du neue kriegst. Bei mir lernen die Nigger Sorgfalt, bei mir muß ein Anzug ein Jahr lang halten.«
Jetzt ging Simon zu dem Platz, wo Emmeline, zusammengekettet mit einer anderen Frau, saß.
»Na, mein Täubchen«, sagte er und kraulte sie unter dem Kinn, »immer munter!«
Der unfreiwillige Blick von Schrecken, Angst und Abneigung, mit dem das Mädchen ihn betrachtete, entging ihm nicht. Er runzelte die Stirn.
»Keine Fisematenten, Mädchen! Du machst gefälligst ein freundliches Gesicht, wenn ich mit dir rede — verstanden? Und du, du altes Mondscheinscheusal!« sagte er und rüttelte die alte Mulattin, an die Emmeline angekettet war, »maul mir hier nicht rum! Du hast manierlich auszusehen, das rate ich dir!«
»Mal alle herhören«, rief er, zwei Schritte zurücktretend, »seht mich an — seht mich an — hier direkt in die Augen — geradewegs, los!« befahl er und stampfte jedesmal mit dem Fuß auf.
Und wie gebannt waren jetzt alle Blicke auf Simons lauernde, grünlichgraue Augen gerichtet.
»Also«, sagte er und ballte seine große schwere Faust zusammen, daß sie einem Schmiedehammer glich, »seht ihr diese Faust? Wieg sie!«, und er drückte sie auf Toms Hand. »Da, seht euch diese Knochen an! Also, diese Faust ist so hart wie Eisen und wovon? Vom Niggerniederschlagen! Ich habe noch keinen Nigger gesehen, den ich nicht mit einem Schlag zu Boden streckte«, sagte er und brachte seine Faust so nahe vor Toms Gesicht, daß dieser zusammenzuckte und zurückwich. »Ich halte mir keinen von diesen verfluchten Aufsehern; ich besorge meine eigene Aufsicht, und ich kann euch sagen, bei mir herrscht Ordnung. Jeder von euch muß auf Draht sein, aufgepaßt, und nicht gemuckst, sobald ich spreche. So benimmt man sich bei mir. An mir findet niemand eine weiche Stelle. Also hütet euch; ich kenne kein Erbarmen!«