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Gerade kam Sambo vorbei. Er schien eine besondere Pike auf diese Frau zu haben; die Peitsche schwingend, sagte er mit seiner rohen, gutturalen Stimme: »Was treibst du, Lucy? Mogelst du, wie?«, und schon gab er der Frau mit seinem schweren Lederstiefel einen Tritt und schlug Tom die Peitsche ins Gesicht.

Tom nahm stumm die Arbeit wieder auf; aber die Frau, schon vorher nahe am Zusammenbrechen, fiel ohnmächtig hin.

»Sie wird schon wieder zu sich kommen!« sagte der Treiber, packte die Unglückliche am Arm und schüttelte sie roh. Die Frau stöhnte und richtete sich halb auf. »Steh auf, du Bestie, und arbeite, sonst zeig ich dir noch andere Scherze.«

Die Frau schien für einige Augenblicke zu unnatürlicher Kraft aufgestachelt und arbeitete in verzweifelter Verbissenheit.

»Halte das Tempo durch«, sagte der Kerl, »sonst wärst du lieber tot heute abend.«

»Das wär' ich schon jetzt am liebsten!« hörte Tom sie antworten, und dann hörte er, wie sie sagte: »Herrgott, wie lange noch? Herrgott, warum erbarmst du dich nicht?«

Auf die Gefahr hin, selbst dafür leiden zu müssen, kam Tom abermals heran und leerte alle seine Baumwolle in den Sack der Frau.

»Oh, das darfst du nicht! Du weißt nicht, was sie mit dir machen!« sagte sie.

»Ich kann es tragen«, antwortete Tom, »besser als du«, und er kehrte auf seinen Platz zurück. Es hatte nur eine Minute gedauert.

Plötzlich schlug die fremde Frau, die wir beschrieben und die im Laufe der Arbeit nahe genug an Tom herangekommen war, um Toms Worte aufzufangen, ihre düsteren schwarzen Augen auf und ließ sie einen Moment auf ihm ruhen; dann nahm sie ein Teil Baumwolle aus ihrem Korb und legte es in seinen Sack.

»Du kennst dich hier nicht aus«, sagte sie, »sonst hättest du das nicht getan. Wenn du erst einen Monat hier bist, läßt du das sein; dann weißt du, wie schwer es ist, die eigene Haut zu retten.«

»Das verhüte der Herrgott, Missis!« sagte Tom, die Arbeitsgefährtin instinktiv mit der respektvollen Anrede titulierend, die dem Gebildeten zusteht.

»Der Herrgott besucht diese Gegend nicht«, entgegnete die Frau bitter, als sie behende mit ihrer Arbeit fortfuhr; und wieder kräuselte ein verächtliches Lächeln ihre Lippen.

Aber der Aufseher hatte gesehen, was die Frau getan; er schwenkte seine Peitsche und kam herbei.

»Was soll das?« schrie er mit triumphierender Miene, »du mogelst hier? Da, komm her, jetzt bist du unter mir — nimm dich in acht oder ich schlage!«

Da schoß ein Blick wie ein Blitz plötzlich aus den schwarzen Augen, mit bebenden Lippen und geblähten Nasenflügeln richtete sie sich auf und wendete sich in rasender Wut gegen den Treiber.

»Du Hund!« sagte sie, »rühr mich nicht an, wenn du es wagst! Noch hab ich Macht genug, dich von den Hunden zerreißen, lebendig verbrennen oder in Stücke schneiden zu lassen! Ein Wort von mir genügt!«

»Warum, zum Teufel, seid Ihr dann hier?« sagte der Mann, offensichtlich eingeschüchtert und mürrisch einen Schritt zurückweichend. »Hab's nicht so bös gemeint, Miß Cassy!«

»Dann bleib auf deinem Platz!« antwortete die Frau. Und der Mann schien wahrhaftig eilige Geschäfte auf der anderen Seite des Feldes zu haben, denn er verschwand augenblicklich.

Cassy nahm sofort die Arbeit wieder auf und war so emsig, daß Tom staunen mußte. Es war die reine Zauberei. Der Tag war noch nicht vorüber, und ihr Korb war voll, wurde gepreßt und wieder hoch aufgefüllt, und schon verschiedentlich hatte sie Tom Hände voll abgegeben. Es war schon dämmrig, als der müde Zug, die Körbe auf den Köpfen, sich vor dem Gebäude aufreihte, in dem die Baumwolle gespeichert und abgewogen wurde. Legree stand schon da und redete eifrig mit den beiden Treibern.

»Der Tom da hat lauter Unheil gestiftet; immer Lucys Korb gefüllt. Alle Niggers ärgern sich schon, wenn Master nicht eingreift!« sagte Sambo.

»Na«, antwortete Legree, »das beste wird sein, wir übertragen ihm heute die Peitsche, da wird er diese Zicken lassen.«

»Au, Herr, das wird ein schweres Stück sein, ihn dazu zu bewegen!«

»Er wird sich schon bequemen müssen«, sagte Legree, während er seinen Priem in die Backe schob.

Langsam zogen die müden, abgearbeiteten Leute herein und zeigten mit bangem Zögern ihre Körbe vor.

Legree notierte auf einer Schiefertafel, die seitlich eine Namenliste enthielt, die abgelieferte Menge.

Toms Korb wurde gewogen und gebilligt. Mit ängstlichem Blick verfolgte er, ob die Frau, welcher er geholfen, die genügende Menge hatte.

Taumelnd vor Schwäche trat sie heran und lieferte ihren Korb ab; er hatte volles Gewicht. Legree sah es wohl, aber mit gespieltem Ärger sagte er: »Was? Du faules Stück! Wieder zu wenig! Geh auf die Seite, diesmal kriegst du es!«

»Und jetzt«, wandte er sich an Tom, »komm du einmal her. Du weißt ja, ich hab dich nicht für diese gemeine Arbeit gekauft. Ich will dich befördern und dich zum Treiber machen; heut abend kannst du gleich anfangen. Da, nimm die Person und peitsche sie; du hast es oft genug gesehen, du wirst schon wissen, wie man es macht.«

»Der Herr muß entschuldigen«, erwiderte Tom; »das wird der Herr nicht verlangen. Das bin ich nicht gewöhnt, das kann ich unmöglich tun.«

»Du wirst noch eine Menge lernen, was du nicht gewöhnt bist«, sagte Legree.

»Ja, Herr, aber das arme Geschöpf hier ist schwach und krank; es wäre einfach grausam, und das tu ich nicht, das fang ich gar nicht an. Herr, wenn Sie mich töten wollen, töten Sie mich; aber niemals erhebe ich meine Hand gegen diese hier — lieber sterbe ich.«

Tom sprach in ruhigem Ton, aber mit einer unmißverständlichen Entschiedenheit. Legree wurde von Wut geschüttelt.

»Ha, da hätten wir doch endlich einen frommen Hund unter uns Sündern! — einen Heiligen, einen wahren Gentleman, der mit uns Sündern über die Sünden spricht. Muß ja verdammt fromm sein–hast du nie gehört, da in deiner Bibel - >Diener, gehorcht eurem Herrn<? Bin ich nicht dein Herr? Hab ich nicht zwölfhundert Dollars in bar für dich auf den Tisch gezählt für alles, was da unter deiner schwarzen Schale steckt? Gehörst du nicht mir mit Leib und Seele?« sagte er und versetzte Tom einen schweren Fußtritt, »sprich!«

Die Frage warf einen Strahl der Freude und des Triumphes in Toms Seele. Er richtete sich plötzlich auf, blickte inständig gen Himmel, während Tränen über sein Gesicht strömten, und rief aus:

»Nein, nein, nein! Meine Seele gehört dem Herrn nicht! Die habt Ihr nicht gekauft — die kann man nicht kaufen! Die hat ein anderer gekauft und bezahlt, der sie behält. Da könnt Ihr nichts machen, mir kann kein Leid geschehen!«

»So«, sagte Legree und grinste, »das wollen wir doch sehen! Hier, Sambo, Quimbo! Gebt dem Hund eine Tracht, die er einen Monat lang nicht vergißt.«

Die zwei mächtigen Neger, wahre Vertreter der dunkelsten Mächte, ergriffen Tom mit teuflischer Genugtuung. Das arme Weib schrie angstvoll auf, alle hatten sich wie auf Verabredung erhoben, während sie ihn widerstandslos wegschleppten.

33. Kapitel

Die Geschichte der Quadrone

Es war spät in der Nacht, und Tom lag stöhnend und blutend allein in einer alten Rumpelkammer des Maschinenhauses unter zerbrochenen Maschinenteilen, Baumwollhaufen minderer Güte und anderem Gerümpel, das sich dort angehäuft hatte.

Die Nacht war feucht und schwül, in der dicken Luft schwärmten Myriaden von Ungeziefer, welche die brennende Qual seiner Wunden noch steigerten, während ein verzehrender Durst — eine Qual, größer als alle andern — das Maß seiner Leiden voll machte.

»O, Vater im Himmel, blicke hernieder — gib mir den Sieg! — Laß mich überwinden!« betete der arme Tom in seiner Not.