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»Vorher mußt du nachgeben!« schrie Legree aufschäumend.

»Das gelingt Euch nicht, ich werde Hilfe haben«, sagte Tom.

»Wer zum Teufel wird dir helfen?« fragte Legree zornig.

»Gott, der Allmächtige«, erwiderte Tom.

»Verdammt!« rief Legree und streckte Tom mit einem Faustschlag zu Boden.

In diesem Augenblick legte sich eine kalte, sanfte Hand auf den Wütenden. Er drehte sich um — es war Cassy; aber die kalte, sanfte Berührung brachte ihm die Träume der Nacht zurück, und durch alle Zellen seines Gehirns blitzten ihre grausigen Bilder mit allen begleitenden Schrecken wieder auf.

»Wirst du so töricht sein?« fragte Cassy auf Französisch. »Laß ihn gehen! Überlaß ihn mir, daß ich ihn für die Feldarbeit wieder aufrichte. Hatte ich es dir nicht vorhergesagt?«

»Gut, dann laß ich dir den Willen«, sagte er mürrisch zu Cassy.

»Hör zu«, wandte er sich an Tom, »ich werde jetzt noch nicht mit dir abrechnen, weil die Arbeit drängt und ich alle Leute brauche, aber ich vergesse nichts. Ich kreide es dir an, und eines Tages werde ich es deiner alten schwarzen Haut einbleuen — nimm dich in acht!«

Und damit ging Legree hinaus.

36. Kapitel

Die Freiheit

Für eine Weile müssen wir jetzt die Geschicke Georgs und seines Weibes verfolgen, die wir im freundlichen Farmerhaus am Wegrand zurückließen.

Ächzend lag Tom Locker in einem blütenweißen Bett, in dem er sich stöhnend hin und her warf; er war der mütterlichen Obhut der Tante Dorcas anvertraut, die ebensogut einen kranken Auerochsen hätte pflegen können.

Sie war eine große, würdige, durchgeistigt aussehende Frau mit silbergewelltem Haar unter einer reinlichen Musselinhaube, das über einer breiten, klaren Stirn gescheitelt war, die sich über nachdenklichen grauen Augen wölbte; ein schneeweißes Tuch lag sauber gefaltet über ihrer Brust; ihr glänzendbraunes Seidenkleid knisterte und raschelte, während sie im Zimmer hin und her ging.

»Zum Teufel!« rief Tom Locker und gab den Federbetten einen schwungvollen Tritt.

»Ich muß dich sehr bitten, Thomas, nicht solche Ausdrücke zu benutzen«, sagte Tante Dorcas, während sie gelassen die Betten ordnete.

»Na gut, Oma, wenn ich es schaffe, will ich es lassen«, entgegnete Tom; »aber da soll der Mensch nicht fluchen, wenn es so verdammt heiß ist!«

Tante Dorcas entfernte ein Plumeau vom Bett, glättete die Decken und stopfte sie ein, bis Tom ganz verstummt war und sie bemerkte:

»Mein Freund, es wäre besser, wenn du das Fluchen und Lästern ließest und statt dessen an deinen Lebenswandel dächtest.«

»Warum zum Teufel«, fragte Tom, »soll ich daran denken? Das wäre wahrhaftig das letzte — zum Henker!« Und Tom wälzte sich herum, alle Laken und Decken wieder zerwühlend und herausreißend, daß es kaum mitanzusehen war.

»Der Bursche und das Mädchen, die sind wohl hier?« fragte er nach einer Pause verdrossen.

»Ganz recht«, erwiderte Tante Dorcas.

»Sie sollen sich lieber über den See verziehen«, sagte Tom; »je eher, desto besser.«

»Das werden sie auch vorhaben«, entgegnete Tante Dorcas und strickte friedlich weiter.

»Und das merkt Euch«, fing Tom wieder an, »wir haben Häscher in Sandusky, die überwachen für uns die Dampfer. Ich kann es Euch ebensogut jetzt sagen. Hoffentlich entwischen sie, nur um Marks ein Schnippchen zu schlagen — der verfluchte Pinscher–Gott strafe ihn!«

»Thomas!« rief Tante Dorcas.

»Versteh doch, Oma, wenn man einem Kerl den Stöpsel zu fest draufdrückt, dann platzt er. Übrigens, das Mädchen — sagt ihr, sie soll sich lieber verkleiden. Ihr Steckbrief hängt in Sandusky aus.«

»Wir werden die Sache ins Auge fassen.«

Da wir jetzt Tom Locker Lebewohl sagen, können wir noch eilig berichten, daß er drei Wochen bei den Quäkern gelegen hatte; ein rheumatisches Fieber war noch zu seinen sonstigen Leiden hinzugekommen. Als Tom von seinem Krankenlager aufstand, war er weiser und nachdenklicher geworden. Statt des Sklavenfangs stellte er seine Talente fortan in den Dienst der neuen Siedlung, wo er im Fallenstellen für Bären, Wölfe und andere Waldbewohner eine so glückliche Hand bewies, daß sein Name im ganzen Land einen guten Klang gewann. Von den Quäkern sprach er selber im Tone höchsten Respekts. »Nette Leute«, pflegte er zu sagen, »wollten mich zwar bekehren, haben es nicht ganz hingekriegt. Aber ich sage dir, Fremder, kranke Leute pflegen sie erstklassig, bereiten prima Suppen und Leckerbissen.«

Als die Flüchtlinge durch Tom erfuhren, daß man sie in Sandus–ky erwartete, hielten sie es für geraten, sich zu trennen. Jim ging mit seiner Mutter voraus; und zwei Nächte später ließen sich Georg und Eliza mit ihrem Kind gesondert nach Sandusky fahren, wo sie unter einem gastlichen Dach übernachteten, bevor sie ihre letzte Reise über den See antraten.

»Jetzt wäre es soweit«, sagte Eliza, als sie vor dem Spiegel stand und die seidene Fülle ihres schwarzen welligen Haares schüttelte. »Na, Georg, ist es nicht schade?« fragte sie, als sie es spielerisch hochhob, »ist es nicht schade, wenn alles herunter muß?«

Georg lächelte trübe und gab keine Antwort.

Eliza drehte sich zum Spiegel; die Schere blitzte, als sie eine lange Locke nach der anderen von ihrem Kopf abschnitt.

»Na also, das reicht«, meinte sie und nahm eine Haarbürste; »jetzt noch ein paar Striche. Da, bin ich nicht ein schmucker junger Bursche?« sagte sie und stellte sich lachend vor ihren Mann.

»Du bist immer hübsch, was du auch anstellst«, erwiderte Georg.

»Warum bist du so versonnen?« fragte Eliza, sich auf ein Knie niederlassend, und ergriff seine Hand. »Sie sagen, Kanada ist nur noch vierundzwanzig Stunden entfernt. Nur noch einen Tag und eine Nacht auf dem See, und dann — oh, dann!«

»Ach, Eliza!« antwortete Georg und zog sie an sich; »das ist es ja! Unser Schicksal spitzt sich jetzt auf diesen einen Punkt zu. So nahe zu sein, das Ziel so dicht vor Augen zu haben und es dann noch zu verlieren! Das könnte ich nicht ertragen, Eliza.«

»Du mußt nicht verzagt sein!« sprach seine Frau zuversichtlich. »Der liebe Gott würde uns nicht bis hierher geleitet haben, wenn er nicht gewillt wäre, uns durchzubringen. Ich fühle deutlich, wie er uns beisteht, Georg!«

»Du bist ein Segen, Eliza!« erwiderte Georg, sie krampfhaft umschlingend. »Ach, sag mir, kann uns diese Gnade wirklich zuteil werden? Soll dieses jahrelange Elend wirklich ein Ende haben? — Sollen wir frei werden?«

»Ich weiß es bestimmt, Georg«, antwortete Eliza und blickte auf zum Himmel, während Tränen der Hoffnung und Begeisterung an ihren langen, dunklen Wimpern glänzten. »In meinem Herzen fühle ich, daß Gott uns noch heute unsere Ketten abnehmen wird.«

»Dann will ich es auch glauben, Eliza«, sagte Georg und erhob sich plötzlich. »Ich will glauben; komm, machen wir uns fertig. Aber tatsächlich«, rief er, hielt sie auf Armeslänge von sich und betrachtete sie voller Bewunderung. »Du bist ein hübscher, kleiner Kerl. Die kurzen kleinen Löckchen stehen dir allerliebst. Setz die Mütze auf. So — ein bißchen auf die Seite. Du hast noch nie so hübsch ausgesehen. Aber jetzt wird es Zeit für den Wagen; ob Mrs. Smyth wohl Harry angezogen hat?«

Da ging die Tür auf, und eine ehrbare ältere Frau trat herein, den kleinen Harry in Mädchenkleidern an der Hand führend.

»Was ist das für ein hübsches kleines Mädchen geworden!« rief Eliza und drehte ihn um. »Wir werden ihn Harriet nennen, was? Der Name paßt so nett.«