»Hmmm … aber was bist du denn nun genau?«
»Das spielt im Moment keine Rolle.«
»Das spielt keine Rolle? Mein bester Freund ist von der Taille abwärts ein Esel …«
Grover stieß ein scharfes, kehliges »Meck-meck-meck« aus.
Ich hatte das schon früher von ihm gehört, es aber immer für ein nervöses Lachen gehalten. Jetzt ging mir auf, dass es sich eher um ein gereiztes Meckern handelte.
»Ziege!«, schrie er.
»Was?«
»Von der Taille abwärts bin ich eine Ziege!«
»Du hast eben gesagt, dass das keine Rolle spielt.«
»Meck-meck-meck! Es gibt Satyrn, die dich wegen einer solchen Beleidigung tottrampeln würden!«
»Meine Güte. Moment. Satyrn? Du meinst wie … wie in Mr Brunners Mythen?«
»Waren diese alten Damen an der Obstbude ein Mythos, Percy? War Mrs Dodds ein Mythos?«
»Du gibst also zu, dass es eine Mrs Dodds gegeben hat.«
»Natürlich.«
»Warum hast du dann …«
»Je weniger du weißt, umso weniger Ungeheuer lockst du an«, sagte Grover, als sei das ganz selbstverständlich. »Wir werfen den Menschen Sand in die Augen. Wir hatten gehofft, du würdest die Wohlgesinnte für eine Halluzination halten. Aber das hat nichts genutzt. Du hast angefangen zu erkennen, wer du bist.«
»Wer ich bin? Moment mal, wovon redest du hier eigentlich?«
Das seltsame dumpfe Dröhnen ertönte wieder hinter uns, diesmal schien es näher zu sein. Was immer uns da jagte, war uns weiterhin auf den Fersen.
»Percy«, sagte meine Mom. »Es gibt zu viel zu erklären, und wir haben nicht genug Zeit. Wir müssen dich in Sicherheit bringen.«
»Sicherheit wovor? Wer ist da hinter mir her?«
»Ach, niemand Besonderes«, sagte Grover, der offenbar noch immer über die Sache mit dem Esel sauer war. »Nur der Herr der Toten und ein paar von seinen blutdürstigen Jüngern.«
»Grover!«
»Tut mir leid, Mrs Jackson. Könnten Sie bitte schneller fahren?«
Ich versuchte mich auf das zu konzentrieren, was hier passierte, aber das gelang mir nicht. Ich wusste, dass es kein Traum war. Ich hatte keine Fantasie. Niemals würde ich mir etwas dermaßen Seltsames ausdenken können.
Meine Mom riss das Steuer nach links. Wir schlingerten auf eine schmalere Straße und jagten vorbei an dunklen Bauernhöfen, bewaldeten Hügeln und Plakaten, die an weißen Lattenzäunen zu »Erdbeeren selbst pflücken« einluden.
»Wohin fahren wir?«, fragte ich.
»In das Sommerlager, von dem ich dir erzählt habe.« Die Stimme meiner Mutter klang angespannt; sie gab sich meinetwegen alle Mühe, nicht ängstlich zu klingen. »Wohin dein Vater dich schicken wollte.«
»Wo du mich nicht hinschicken wolltest.«
»Bitte, Liebling«, flehte meine Mom. »Es ist so schon schwer genug. Versuch das zu verstehen. Du bist in Gefahr.«
»Weil ein paar alte Damen Fäden zerschneiden.«
»Das waren keine alten Damen«, sagte Grover. »Das waren die Moiren. Begreifst du, was es bedeutet, dass sie vor deinen Augen aufgetaucht sind? Das tun sie nur, wenn du … wenn bald jemand sterben wird.«
»Meine Güte. Du hast du gesagt.«
»Hab ich nicht. Ich habe jemand gesagt.«
»Aber du hast du gemeint. So wie ich.«
»Ich habe du gemeint wie irgendwer oder wie man. Nicht wie du, du.«
»Jungs!«, sagte meine Mom.
Sie riss das Lenkrad nach rechts und ich konnte eine Gestalt erahnen, der sie ausgewichen war – eine dunkle, flatternde Gestalt, die sich jetzt hinter uns im Sturm verlor.
»Was war das?«, fragte ich.
»Wir sind fast da«, sagte meine Mutter und überging meine Frage. »Noch zwei Kilometer. Bitte. Bitte. Bitte.«
Ich wusste nicht, wo da war, aber ich ertappte mich dabei, dass ich mich angespannt im Wagen vorbeugte; ich wollte jetzt dort sein.
Draußen gab es nur Regen und Dunkelheit – die Art leere Landschaft, wie man sie an der Spitze von Long Island eben findet. Ich musste an Mrs Dodds denken und an den Moment, in dem sie sich in das Wesen mit den scharfen Zähnen und den Lederflügeln verwandelt hatte. Meine Glieder waren wie betäubt von dem Schock, der jetzt verspätet einsetzte. Sie war wirklich kein Mensch gewesen. Sie hatte mich umbringen wollen.
Dann dachte ich an Mr Brunner … und an das Schwert, das er mir zugeworfen hatte. Ehe ich Grover danach fragen konnte, sträubten sich mir alle Nackenhaare. Ich sah einen blendenden Blitz, hörte einen durch Mark und Bein dringenden Knall – und dann explodierte unser Wagen.
Ich kann mich daran erinnern, dass ich mir schwerelos vorkam. Ich hatte das Gefühl, zerdrückt und gebraten und dabei aber abgespült zu werden.
Ich grub meine Stirn aus der Rückseite des Fahrersitzes und sagte: »Au.«
»Percy«, schrie meine Mom.
»Mir geht’s gut …«
Ich versuchte, mich von meiner Benommenheit zu befreien. Ich war nicht tot. Der Wagen war nicht wirklich explodiert. Wir waren im Straßengraben gelandet; die Türen auf der Fahrerseite steckten im Schlamm fest. Das Dach war geborsten wie eine Eierschale und der Regen strömte herein.
Ein Blitz. Das war die einzige Erklärung. Wir waren von einem Blitz von der Straße geschleudert worden. Neben mir auf der Rückbank saß ein großer, bewegungsloser Klumpen. »Grover!«
Er hing gebückt da, Blut tropfte aus seinem Mundwinkel. Ich schüttelte seine zottige Hüfte und dachte: Nein! Auch wenn du zur Hälfte ein Tier bist, du bist mein bester Freund und du darfst nicht sterben!
Er stöhnte: »Essen«, und da wusste ich, dass noch Hoffnung bestand.
»Percy«, sagte meine Mutter. »Wir müssen …« Ihre Stimme versagte.
Ich schaute mich um. Ein Blitz zeigte mir durch das mit Schlamm bespritzte Rückfenster eine Gestalt, die am Straßenrand auf uns zugerannt kam. Dieser Anblick verpasste mir eine Gänsehaut. Es war die dunkle Silhouette eines riesigen Kerls, er kam mir vor wie ein Football-Spieler. Er schien sich eine Decke über den Kopf zu halten. Sein Oberkörper war massig und zottig. Seine erhobenen Hände ließen ihn aussehen, als habe er Hörner.
Ich schluckte. »Wer ist …«
»Percy«, sagte meine Mutter mit tödlichem Ernst. »Raus aus dem Auto.«
Meine Mutter warf sich gegen die Fahrertür. Aber die steckte im Schlamm fest. Ich versuchte es bei meiner. Auch die steckte fest. Ich schaute verzweifelt zum Loch im Dach hoch. Es hätte einen Ausweg bieten können, aber die Kanten waren scharf gezackt und rauchten.
»Steig auf der anderen Seite aus«, sagte meine Mutter. »Percy, du musst rennen! Siehst du den großen Baum dahinten?«
»Was?«
Wieder leuchtete ein Blitz auf und durch das rauchende Loch im Dach sah ich den Baum, den sie gemeint hatte: eine riesige Fichte von der Größe des Weihnachtsbaums im Weißen Haus, die auf der Spitze eines nahe gelegenen Hügels aufragte.
»Das ist die Grundstücksgrenze«, sagte meine Mom. »Von dem Hügel aus siehst du unten im Tal einen großen Bauernhof. Renn darauf zu und schau dich nicht um. Ruf um Hilfe. Und bleib erst stehen, wenn du die Tür erreicht hast.«
»Mom, du kommst mit.«
Ihr Gesicht war bleich, ihre Augen so traurig wie sonst nur dann, wenn sie den Ozean betrachtete.
»Nein!«, schrie ich. »Du kommst mit mir. Hilf mir, Grover zu tragen.«
»Essen«, stöhnte Grover ein wenig lauter.
Der Mann mit der Decke über dem Kopf lief weiter auf uns zu und stieß grunzende, schnaufende Geräusche aus. Als er näher kam, ging mir auf, dass er sich gar keine Decke über den Kopf halten konnte, denn seine Hände – riesige fleischige Pranken – schwenkte er beim Gehen hin und her. Es war keine Decke. Diese klobige, zottige Masse, die zu groß war, um sein Kopf sein zu können … war sein Kopf. Und diese Dinger, die aussahen wie Hörner …