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»Ihm geht es nicht um uns«, sagte meine Mutter. »Er will dich. Und er kann die Grundstücksgrenze nicht überschreiten.«

»Aber …«

»Wir haben keine Zeit, Percy. Lauf. Bitte.«

Da wurde ich sauer – auf meine Mutter, auf Grover, den Ziegenbock, auf dieses Dings mit Hörnern, das langsam und zielstrebig auf uns zukam wie ein Stier.

Ich stieg über Grover hinweg und stieß die Tür auf. »Wir gehen zusammen. Los jetzt, Mom.«

»Ich hab dir doch gesagt …«

»Mom! Ich lass dich hier nicht allein! Hilf mir, Grover rauszuziehen.«

Ich wartete nicht auf ihre Antwort. Ich taumelte hinaus und zerrte Grover aus dem Wagen. Er war überraschend leicht, aber ich hätte ihn nicht weit tragen können, wenn meine Mom mir nicht zu Hilfe gekommen wäre.

Mit vereinten Kräften legten wir uns Grovers Arme über die Schultern und stolperten durch nabelhohes feuchtes Gras den Hang hoch.

Als ich mich umschaute, konnte ich das Monster zum ersten Mal deutlich sehen. Es war mehr als zwei Meter groß, und seine Arme und Beine hätten vom Cover der Zeitschrift Muskelmann stammen können – schwellende Bizepse und Trizepse und jede Menge andere Zepse, prall wie Basebälle unter von dicken Adern durchzogener Haut. Er trug nur Unterwäsche, eine strahlend weiße Unterhose, und das hätte komisch sein können, wenn da nicht seine obere Körperhälfte gewesen wäre. Struppige braune Haare wuchsen oberhalb seines Nabels und wurden zu seinen Schultern hin immer dichter. Sein Hals war eine Masse aus Muskeln und Fell unter seinem riesigen Kopf, der eine Schnauze so lang wie mein Arm hatte, dazu verrotzte Nüstern mit einem funkelnden Messingring, grausame schwarze Augen und Hörner – gewaltige schwarzweiße Hörner mit Spitzen, wie sie kein elektrischer Bleistiftspitzer herstellen könnte.

Natürlich hatte ich das Ungeheuer gleich erkannt. Es war in einer der ersten Geschichten vorgekommen, die Mr Brunner uns erzählt hatte. Aber es konnte doch unmöglich echt sein.

Ich kniff die Augen zusammen, weil mir Regen hineinlief. »Das ist …«

»Der Sohn der Pasiphaë«, sagte meine Mutter. »Wenn ich doch nur gewusst hätte, wie sehr sie deinen Tod wünschen.«

»Aber das ist ein Min…«

»Sag seinen Namen nicht«, warnte sie. »Namen haben Macht.«

Die Fichte war noch immer weit weg – mindestens hundert Meter weiter oben am Hang.

Ich schaute mich wieder um.

Der Stiermann beugte sich über unser Auto und schaute in die Fenster – aber eigentlich schaute er nicht. Es war eher ein Schnüffeln, ein Abtasten. Ich wusste nicht recht, warum er sich diese Mühe machte, wir waren doch höchstens fünfzig Meter von ihm entfernt.

»Essen?«, stöhnte Grover.

»Pssst«, sagte ich. »Mom, was macht er da? Kann er uns nicht sehen?«

»Er kann so gut wie gar nichts sehen und hören«, sagte sie. »Er orientiert sich am Geruch. Aber er wird bald merken, wo wir sind.«

Und wie auf ein Stichwort brüllte der Stiermann wütend los. Er packte Gabes Camaro an dem geborstenen Dach, das Fahrgestell ächzte und stöhnte. Dann hob er das Auto über seinen Kopf und schleuderte es auf die Straße. Es knallte auf den feuchten Asphalt und schlingerte noch ein paar hundert Meter weiter, ehe es zum Stillstand kam. Dann explodierte der Benzintank.

Nicht einen Kratzer, hatte Gabe gesagt.

Himmel.

»Percy«, sagte meine Mom. »Wenn er uns entdeckt hat, wird er angreifen. Warte bis zum letzten Moment, dann springst du beiseite – einfach zur Seite. Er kann seine Richtung nicht ändern, wenn er erst einmal losgelaufen ist. Verstehst du?«

»Woher weißt du das alles?«

»Ich habe schon lange einen Angriff befürchtet. Ich hätte damit rechnen sollen. Es war selbstsüchtig von mir, dich in meiner Nähe zu behalten.«

»Mich in deiner Nähe zu behalten? Aber …«

Wieder brüllte der Stiermann wütend auf und kam dann den Hang hochgetrampelt.

Er hatte unsere Witterung aufgenommen.

Die Fichte war jetzt nur noch wenige Meter entfernt, aber der Hang wurde steiler und glitschiger und Grover wurde nicht leichter.

Der Stiermann kam näher. Noch ein paar Sekunden, dann würde er uns eingeholt haben.

Meine Mutter musste erschöpft sein, aber sie lud sich Grover auf die Schulter. »Los, Percy. Weg von uns! Denk daran, was ich gesagt habe!«

Ich wollte sie nicht verlassen, aber ich hatte das Gefühl, dass sie Recht hatte. Es war unsere einzige Chance. Ich sprintete nach links, drehte mich um und sah den Stiermann auf mich zukommen. Seine schwarzen Augen glühten vor Hass. Er stank wie faules Fleisch.

Er senkte den Kopf und rannte los und seine rasierklingenscharfen Hörner zielten direkt auf meine Brust.

Die Angst in meinem Bauch wollte mich zur Flucht treiben, aber das hätte nichts genutzt. Ich hätte diesem Wesen niemals weglaufen können. Also blieb ich stehen und sprang im letzten Moment zur Seite.

Der Stiermann jagte wie ein Güterzug an mir vorbei, dann brüllte er vor Frust auf und drehte sich um, diesmal aber nicht in meine Richtung, nun lief er auf meine Mutter zu, die Grover gerade ins Gras sinken ließ.

Wir hatten den Hügelkamm erreicht. Auf der anderen Seite konnte ich unter mir ein Tal sehen, wie meine Mutter gesagt hatte, und durch den Regen leuchteten die gelben Lampen eines Bauernhofes. Aber er war noch fast einen Kilometer entfernt. Das konnten wir niemals schaffen.

Der Stiermann knurrte und trat von einem Fuß auf den andern. Er starrte zu meiner Mutter hinüber, die langsam den Hügel hinunter zurückwich, zurück in Richtung Straße, um das Ungeheuer von Grover fortzulocken.

»Lauf, Percy«, rief sie mir zu. »Ich kann nicht weiter mitkommen. Lauf!«

Aber ich blieb einfach stehen, vor Angst erstarrt, als das Ungeheuer sie angriff. Sie versuchte auszuweichen, wie sie es mir geraten hatte, aber das Ungeheuer hatte den Trick jetzt kapiert. Seine Hand stieß hervor und packte ihren Nacken, als sie weglaufen wollte. Er hob sie hoch, während sie sich wehrte und in die Luft schlug und trat.

»Mom!«

Sie fing meinen Blick auf und konnte ein letztes Wort herauswürgen: »Lauf!«

Und dann schloss das Ungeheuer die Hand um den Hals meiner Mutter und sie löste sich vor meinen Augen auf, zerschmolz zu Licht, zu einer schimmernden goldenen Form, wie ein Hologramm. Ein blendendes Licht und dann war sie ganz einfach … verschwunden.

»Nein!«

Meine Angst wich meinem Zorn. Frisch gewonnene Kraft brannte in meinen Gliedern – es war dieselbe Energie, die mich erfüllt hatte, als Mrs Dodds die Krallen gewachsen waren.

Der Stiermann rannte jetzt auf den hilflos im Gras liegenden Grover zu. Er beugte sich über ihn und beschnupperte meinen besten Freund, als wollte er ihn ebenfalls hochheben und sich auflösen lassen.

Das konnte ich nicht zulassen.

Ich streifte meine rote Regenjacke ab.

»HE!«, schrie ich, schwenkte die Jacke und rannte seitlich auf das Monster zu. »He, du Trottel! Du Pfeffersteak!«

»Raaaarrrr!« Das Ungeheuer drehte sich zu mir um und schüttelte seine fleischigen Pranken.

Mir kam eine Idee – eine blöde Idee, aber besser als gar keine. Ich lehnte mich an die hohe Fichte, schwenkte meine rote Jacke vor dem Stiermann und wollte in letzter Sekunde beiseitespringen.

Aber dazu kam es nicht.

Der Stiermann wurde zu schnell und er streckte die Arme aus, um mich zu fangen, egal in welche Richtung ich zu entkommen versuchte.

Alles schien sich zu verlangsamen.

Meine Beine spannten sich. Ich konnte nicht zur Seite springen und deshalb sprang ich hoch, stieß mich mit den Füßen vom Kopf der Kreatur ab wie von einem Sprungbrett, drehte mich in der Luft um und landete in seinem Nacken.

Wie war mir das gelungen? Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Eine Millisekunde später knallte der Kopf des Monsters gegen den Baum und von der Wucht des Aufpralls wären mir fast die Zähne aus dem Mund gefallen.

Der Stiermann torkelte herum und versuchte mich abzuschütteln. Ich schlang die Arme um seine Hörner, um nicht hinunterzufallen. Noch immer wüteten Blitz und Donner. Regen lief mir in die Augen. Der Gestank von faulem Fleisch ließ meine Nase brennen.