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Grover schniefte noch immer. Der arme Junge – der arme Ziegenbock, der arme Satyr, was auch immer – sah aus, als rechne er mit Schlägen.

Ich sagte: »Es war nicht deine Schuld.«

»Doch, war es wohl. Ich sollte dich beschützen.«

»Hat meine Mutter dich darum gebeten?«

»Nein. Aber das ist meine Aufgabe. Ich bin ein Hüter. Das war ich zumindest.«

»Aber warum …?« Plötzlich war mir schwindlig, vor meinen Augen verschwamm alles.

»Überanstreng dich nicht«, sagte Grover. »Hier.«

Er half mir, das Glas zu halten, und schob den Trinkhalm zwischen meine Lippen.

Der Geschmack ließ mich zusammenzucken, ich hatte mit Apfelsaft gerechnet. Aber das war es nun wirklich nicht. Es schmeckte nach Schokoplätzchen. Nach flüssigen Schokoplätzchen. Und nicht nach irgendwelchen Schokoplätzchen – sondern nach den selbst gebackenen blauen Schokoplätzchen meiner Mutter, fett und heiß, in denen die Schokostückchen noch geschmolzen waren. Als ich trank, fühlte mein Körper sich warm und gut an und war voller Energie. Meine Trauer verflog nicht, aber ich hatte das Gefühl, als hätte meine Mom mir eben mit der Hand über die Wange gestrichen und mir ein Plätzchen gegeben, so wie damals, als ich klein war, und mir gesagt, alles würde schon wieder gut werden.

Noch ehe ich mich’s versah, hatte ich das Glas geleert. Ich starrte hinein und war sicher, dass ich soeben etwas Heißes getrunken hatte, aber die Eiswürfel waren noch nicht einmal geschmolzen.

»Hat es geschmeckt?«, fragte Grover.

Ich nickte.

»Wonach?« Diese Frage hörte sich so dringlich an, dass ich sofort ein schlechtes Gewissen hatte.

»Tut mir leid«, sagte ich. »Ich hätte dich probieren lassen sollen.«

Er riss die Augen auf. »Nein! So war das nicht gemeint. Ich wollte nur … ich wollte es eben wissen.«

»Schokokekse«, sagte ich. »Die von meiner Mom. Selbst gebacken.«

Er seufzte. »Und wie fühlst du dich jetzt?«

»Als ob ich Nancy Bobofit hundert Meter weit schleudern könnte.«

»Das ist gut«, sagte er. »Das ist gut. Ich glaube, du solltest jetzt nichts mehr davon trinken.«

»Wie meinst du das?«

Er nahm mir vorsichtig das leere Glas ab, als sei es aus Dynamit, und stellte es auf den Tisch. »Komm jetzt. Chiron und Mr D warten schon.«

Die Veranda zog sich um das ganze Haus herum.

Ich war wackelig auf den Beinen, als wir losgingen. Grover bot an, das Horn des Minotaurus zu tragen, aber ich klammerte mich daran. Ich hatte verdammt viel für dieses Andenken bezahlt. Ich wollte es nicht loslassen.

Als wir auf der Rückseite des Hauses ankamen, schnappte ich nach Luft. Dies musste die Nordküste von Long Island sein, denn auf dieser Seite zog sich das Tal bis zum Ozean hin, der etwa einen Kilometer entfernt glitzerte. Was ich hier sah, konnte ich einfach nicht sofort verarbeiten. Überall standen Gebäude, die nach altgriechischer Architektur aussahen – ein Pavillon ohne Dach, ein Amphitheater, eine runde Arena –, nur wirkten sie alle nagelneu, ihre weißen Marmorsäulen funkelten in der Sonne. In einer Sandgrube in der Nähe spielte ein Dutzend Leute im High-School-Alter zusammen mit Satyrn Volleyball. Kanus glitten über einen kleinen See. Jugendliche in leuchtend orangefarbenen T-Shirts, so wie Grover eins trug, jagten einander um eine Hüttensiedlung zwischen Bäumen. Einige andere übten auf einem Bogenschießgelände Zielen. Wieder andere ritten auf Pferden über einen Waldweg, und falls das keine Halluzination war, hatten manche von diesen Pferden Flügel.

Am Ende der Veranda saßen zwei Männer an einem Kartentisch. Die Blonde, die mich mit dem Popcornpudding gefüttert hatte, lehnte neben ihnen am Geländer.

Der Mann mir gegenüber war klein und pummelig. Er hatte eine rote Nase, große wässrige Augen und so schwarze Locken, dass sie fast lila waren. Er sah aus wie ein kleiner Engel auf einem Gemälde – wie heißt so was noch? Sirup? Nein, Cherub. Er sah aus wie ein Cherub mittleren Alters, der auf einem Parkplatz für LKWs arbeitete. Er trug ein Hawaiihemd mit Tigermuster und hätte gut in Gabes Pokerrunden gepasst, nur hatte ich das Gefühl, dass dieser Typ sogar meinen Stiefvater ausgetrickst hätte.

»Das ist Mr D«, murmelte Grover mir zu. »Der Campleiter. Zu dem musst du höflich sein. Das Mädchen, das ist Annabeth Chase. Sie lebt hier im Camp, und zwar schon länger als alle anderen. Und Chiron kennst du ja schon …«

Er zeigte auf den Mann, der mir den Rücken zugekehrt hatte.

Zuerst sah ich, dass er in einem Rollstuhl saß. Dann erkannte ich die Tweedjacke und das schüttere braune Haar und den struppigen Bart.

»Mr Brunner!«, rief ich.

Mein Lateinlehrer drehte sich um und lächelte mich an. Seine Augen funkelten boshaft, wie manchmal während des Unterrichts, wenn er ein Quiz veranstaltete und immer B die richtige Antwort war.

»Ah, gut, Percy«, sagte er. »Du bist unser vierter Mann fürs Binokel.«

Er bot mir den Stuhl rechts von Mr D an, der aus blutunterlaufenen Augen zu mir hochschaute und tief seufzte. »Na ja, dann muss ich es wohl sagen. Willkommen im Camp Half-Blood. So. Aber erwarte bloß nicht, dass ich mich über deinen Anblick freue.«

»Öh, danke.« Ich wich ein wenig von ihm zurück, denn wenn ich aus dem Leben mit Gabe eins gelernt hatte, dann, zu merken, wann ein Erwachsener zu tief ins Glas geschaut hatte. Wenn Mr D der Alkohol fremd war, dann war ich ein Satyr.

»Annabeth?«, rief Mr Brunner die Blonde.

Sie kam auf uns zu und Mr Brunner stellte uns vor. »Diese junge Dame hat dich gesund gepflegt, Percy. Annabeth, meine Liebe, kannst du dich um Percys Bett kümmern? Wir stecken ihn erst mal in Hütte 11.«

Annabeth sagte: »Natürlich, Chiron.«

Sie war vermutlich in meinem Alter, aber einige Zentimeter größer und sah überhaupt viel sportlicher aus. Mit ihrer tiefen Bräune und ihren blonden Locken entsprach sie so ziemlich meiner Vorstellung von einer typischen Kalifornierin, doch ihre Augen machten dies Klischee sofort zunichte. Sie waren von einem verwirrenden Grau, wie Sturmwolken, schön, aber auch einschüchternd, als ob sie gerade überlegte, wie sie mich bei einem Kampf am besten fertigmachen könnte.

Sie schaute das Minotaurushorn in meiner Hand an und dann mich. Ich stellte mir vor, wie sie sagte: Du hast einen Minotaurus getötet. Ich bewundere dich, oder so etwas.

Aber sie sagte: »Du sabberst im Schlaf.«

Dann rannte sie über den Rasen davon und ihre blonden Haare wehten hinter ihr her.

»So«, sagte ich, bemüht, rasch das Thema zu wechseln. »Sie, äh, arbeiten hier, Mr Brunner?«

»Nicht Mr Brunner«, sagte der ehemalige Mr Brunner. »Das war nur ein Pseudonym. Du kannst mich Chiron nennen.«

»Na gut.« Total verwirrt sah ich den Campleiter an. »Und Mr D … bedeutet das irgendwas?«

Mr D hörte auf zu mischen. Er sah mich an, als ob ich lauthals gerülpst hätte. »Junger Mann, Namen sind mächtige Dinge. Man darf sie nicht einfach ohne Grund verwenden.«

»Ach so. Tut mir leid.«

»Ich muss schon sagen, Percy«, schaltete sich Chiron-Brunner ein. »Es freut mich, dass du am Leben bist. Ich habe schon lange keinen Hausbesuch mehr bei einem potentiellen Campbewohner gemacht. Es wäre schrecklich für mich, denken zu müssen, dass ich meine Zeit verschwendet habe.«

»Hausbesuch?«

»Mein Jahr in der Yancy Academy. Ich habe dich unterrichtet. Wir haben natürlich in den meisten Schulen Satyrn, die die Augen offen halten. Und Grover hat mir Bescheid gesagt, sowie du ihm begegnet warst. Er hat gespürt, dass du etwas Besonderes bist, und deshalb habe ich beschlossen, mir die Sache mal anzusehen, und ich habe den anderen Lateinlehrer überredet … äh, sich eine Zeit lang beurlauben zu lassen.«

Ich versuchte mich an den Beginn des Schuljahres zu erinnern. Es schien sehr lange her zu sein, aber ich hatte eine vage Erinnerung daran, dass es in meiner ersten Woche in Yancy einen anderen Lateinlehrer gegeben hatte. Ohne irgendeine Erklärung war er dann verschwunden und Mr Brunner war an seine Stelle getreten.