Mr D hörte sich an wie ein Sechsjähriger, wie ein schmollender kleiner Bengel.
»Und …«, stotterte ich. »Ihr Vater ist …«
»Bei den Göttern, Chiron«, sagte Mr D. »Ich dachte, du hättest dem Jungen etwas Grundwissen beigebracht. Mein Vater ist Zeus, wer sonst?«
Ich ging die Namen aus der griechischen Mythologie durch, die mit D anfingen. Wein. Tigerfell. Die vielen Satyrn, die hier zu arbeiten schienen. Grover, der sich wand, als sei Mr D sein Herr.
»Sie sind Dionysos«, sagte ich. »Der Gott des Weines.«
Mr D verdrehte die Augen. »Was sagt man heute, Grover? Sagen junge Leute noch ›meine Fresse‹?«
»J-ja, Mr D.«
»Dann also: Meine Fresse, Percy Jackson! Hättest du mich vielleicht für Aphrodite gehalten?«
»Sie sind ein Gott.«
»Ja, Kind.«
»Ein Gott. Sie.«
Er drehte sich zu mir um und starrte mir in die Augen, und ich sah in ihnen eine Art lila Feuer, ein Hinweis darauf, dass dieser selbstmitleidige, dicke kleine Mann mir nur einen winzigen Fetzen seines wahren Wesens zeigte. Ich hatte Visionen von Weinranken, die Ungläubige erwürgten, von betrunkenen Kriegern, die vor wahnsinniger Kampfesgier außer sich gerieten, von Seeleuten, die schrien, als ihre Hände sich in Flossen, ihre Gesichter sich in Delfinschnauzen verwandelten. Ich wusste, wenn ich ihn bedrängte, dann würde Mr D mir noch schlimmere Dinge zeigen. Mir eine Krankheit ins Gehirn pflanzen, die mich für den Rest meines Lebens in einer Zwangsjacke in eine gepolsterte Zelle bringen würde.
»Möchtest du mich auf die Probe stellen, Kind?«, fragte er gelassen.
»Nein. Nein, Sir.«
Das Feuer nahm ab. Er wandte sich wieder den Karten zu. »Ich glaube, ich gewinne.«
»Abwarten, Mr D«, sagte Chiron. Er machte einen Stich, zählte die Punkte und sagte: »Die Partie geht an mich.«
Ich dachte schon, Mr D werde Chiron aus dem Rollstuhl heraus in Dampf aufgehen lassen, aber er seufzte nur, als sei er daran gewöhnt, von Lateinlehrern besiegt zu werden. Er stand auf und Grover erhob sich ebenfalls.
»Ich bin müde«, sagte Mr D. »Ich glaube, vor dem Rundgesang heute Abend mach ich noch ein Nickerchen. Aber zuerst, Grover, müssen wir mal wieder über deine alles andere als perfekte Leistung bei diesem Einsatz reden.«
Grovers Gesicht überzog sich mit Schweiß. »J-ja, Sir.«
Mr D drehte sich zu mir um. »Hütte 11, Percy Jackson. Und benimm dich ordentlich.«
Er stolzierte ins Haus. Grover trottete niedergeschlagen hinterher.
»Wird das schlimm für Grover?«, fragte ich Chiron.
Chiron schüttelte den Kopf, sah aber doch besorgt aus. »Der alte Dionysos ist nicht richtig verrückt. Er hasst nur diesen Job. Er ist … er ist degradiert worden, könnte man sagen, und er findet die Vorstellung grauenhaft, noch ein Jahrhundert warten zu müssen, bis er auf den Olymp zurückkehren kann.«
»Der Olymp«, sagte ich. »Soll das heißen, dass auf dem Berg Olymp wirklich ein Schloss steht?«
»Na ja, in Griechenland gibt es einen Berg namens Olymp. Und dann gibt es die Wohnstatt der Götter, den Ort, wo ihre gesamte Macht zusammenfließt, und der lag früher wirklich auf dem Berg Olymp. Wir reden immer noch vom Olymp, aus Respekt vor den alten Zeiten, aber der Palast wird immer wieder verlegt, Percy, weil auch die Götter sich bewegen.«
»Sie meinen, die griechischen Götter sind hier? Also hier … in Amerika?«
»Ja, natürlich. Sie bewegen sich mit dem Herzen des Abendlandes.«
»Mit dem was?«
»Hör doch auf, Percy. Mit dem, was ›abendländische Zivilisation‹ genannt wird. Hast du das für eine abstrakte Vorstellung gehalten? Nein, das ist eine lebendige Kraft. Ein kollektives Bewusstsein, dessen Flamme nun schon seit Jahrtausenden lodert. Die Götter gehören dazu. Du könntest sogar sagen, sie sind die Grundlage, oder auf jeden Fall sind sie so eng damit verbunden, dass sie einfach nicht vergehen können, wenn nicht zugleich die gesamte abendländische Zivilisation vernichtet wird. Das Feuer wurde in Griechenland entzündet. Und dann, wie du natürlich weißt – oder wie du hoffentlich weißt, weil du schließlich an meinem Unterricht teilgenommen hast –, wanderte das Herz des Feuers nach Rom und die Götter folgten. Sie mochten andere Namen annehmen – Jupiter statt Zeus, Venus statt Aphrodite und so weiter –, aber es waren dieselben Mächte, dieselben Götter.«
»Und dann sind sie gestorben.«
»Gestorben? Nein. Ist das Abendland gestorben? Die Götter sind einfach weitergezogen, nach Deutschland, nach Frankreich, nach Spanien, immer für eine Weile. Dort, wo die Flamme am hellsten loderte, waren auch die Götter. Sie haben mehrere Jahrhunderte in England verbracht. Du brauchst dir nur die Architektur anzusehen. Die Menschen vergessen die Götter nicht. An jedem Ort, an dem sie in den vergangenen dreitausend Jahren geherrscht haben, kannst du sie an den wichtigsten Gebäuden, auf Gemälden oder als Statuen sehen. Und ja, Percy, natürlich halten sie sich jetzt in den Vereinigten Staaten auf. Sieh dir doch das Wappen an, den Adler des Zeus. Sieh dir die Prometheusstatue im Rockefeller Center an oder die griechischen Fassaden der Regierungsgebäude in Washington. Nenn mir auch nur eine einzige Stadt in den USA, in der die Götter nicht an vielen Orten deutlich dargestellt sind. Ob es einem nun passt oder nicht – und ich kann dir sagen, viele Leute haben auch Rom nicht gerade geliebt –, jetzt sind die USA das Herz der Flamme. Sie sind die große abendländische Macht. Und deshalb ist der Olymp hier. Und wir sind ebenfalls hier.«
Das war zu viel, vor allem die Tatsache, dass Chiron mich in sein »wir« einzuschließen schien, als gehörte ich zu irgendeinem Verein.
»Wer sind Sie, Chiron? Wer … wer bin ich?«
Chiron lächelte. Er bewegte sich, als wollte er seinen Rollstuhl verlassen, aber ich wusste, dass das unmöglich war. Er war von der Hüfte abwärts gelähmt.
»Wer du bist?« Er überlegte. »Na ja, das ist die Frage, auf die wir alle gern eine Antwort hätten, weißt du. Aber fürs Erste sollten wir dir in Hütte 11 ein Bett sichern. Da findest du neue Freunde. Und morgen hast du jede Menge Zeit für den Unterricht. Außerdem gibt es heute Abend eine gesellige Runde am Lagerfeuer und die Marshmallows mit Schokolade esse ich einfach zu gern.«
Und dann erhob er sich aus seinem Rollstuhl. Wie er das machte, war überaus seltsam. Seine Decke fiel von seinen Beinen, aber seine Beine bewegten sich nicht. Seine Taille wurde immer länger und dehnte sich über seinem Gürtel aus. Zuerst dachte ich, er trage sehr lange weiße Samtunterwäsche, aber als er sich immer weiter aus seinem Stuhl erhob und dabei größer wurde, als irgendein Mensch das sein kann, ging mir auf, dass es sich bei der Samtunterwäsche nicht um Unterwäsche handelte, sondern um die Vorderseite eines Tieres, Muskeln und Sehnen unter weißem Fell. Und der Rollstuhl war kein Rollstuhl. Es war eine Art Container, eine riesige Box auf Rädern, und sicher war irgendein Zaubertrick dabei im Spiel, denn sie konnte unmöglich Platz für dieses riesige Wesen geboten haben. Ein Bein kam zum Vorschein, lang und mit knochigen Knien und einem großen polierten Huf. Dann noch ein Vorderbein, dann ein Hinterteil und dann war die Box leer, sie war nur noch eine Metallhülse, an der zwei künstliche Menschenbeine befestigt waren.
Ich starrte das Pferd an, das soeben aus dem Rollstuhl gesprungen war; einen riesigen weißen Hengst. Aber dort, wo ich seinen Hals erwartet hatte, sah ich den Oberkörper meines Lateinlehrers, der nahtlos in den Pferderumpf überging.
»Was für eine Erlösung«, sagte der Zentaur. »Ich hab so lange da drin gesteckt, mir waren schon die Fesseln eingeschlafen. Und jetzt los, Percy Jackson. Jetzt lernst du deine Campgefährten kennen.«