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Abgesehen von der Tatsache, dass über jeder Tür eine große Messingnummer angebracht war (ungerade Zahlen links, gerade rechts), sahen sie einfach unglaublich aus. Nr. 9 hatte einen Schlot wie eine kleine Fabrik. An den Wänden von Nr. 4 rankten sich Tomaten hoch und das Dach war aus echtem Glas. Haus 7 schien aus purem Gold zu bestehen, es funkelte dermaßen im Sonnenlicht, dass ich fast nicht hinsehen konnte. Alle waren auf einen Platz von der Größe eines Fußballfeldes ausgerichtet, auf dem überall griechische Statuen, Springbrunnen, Blumenbeete und etliche Basketballnetze aufgestellt waren (Letzteres war schon eher nach meinem Geschmack).

Mitten auf dem Feld befand sich eine große, von Steinen umgebene Feuerstelle. Obwohl es ein warmer Nachmittag war, glimmte dort ein Feuer. Ein Mädchen von vielleicht neun Jahren schürte die Flammen und drehte die Kohlenstücke mit einem Stock um.

Die beiden Hütten am Feldrand, die Nr. 1 und die Nr. 2, sahen aus wie die Mausoleen eines Ehepaars, große weiße Marmorkästen, vor denen schwere Säulen standen. Hütte 1 war die größere und klobigere von beiden. Die polierten Bronzetüren leuchteten wie ein Hologramm, so dass immer wieder Blitze darüber hinwegzujagen schienen. Nr. 2 wirkte eleganter, mit dünneren Säulen, die mit Granatäpfeln und Blumen verziert waren. In die Wände waren Bilder von Pfauen eingeritzt.

»Zeus und Hera?«, tippte ich.

»Richtig«, sagte Chiron.

»Die Hütten scheinen aber leer zu sein.«

»Das sind mehrere der Hütten hier. So ist es. In 1 oder 2 wohnt niemals jemand.«

Na gut. Jede Hütte hatte also einen anderen Gott oder eine andere Göttin als Maskottchen. Zwölf Hütten für die zwölf olympischen Gottheiten. Aber warum standen einige leer?

Ich blieb vor der ersten Hütte auf der linken Seite stehen, vor Hütte 3.

Sie war nicht so hoch und mächtig wie Nr. 1, sondern lang und niedrig und solide gebaut. Die Außenwände waren aus grobem grauem Stein, in den Muschel-und Korallenstücke eingelassen waren, so, als seien die Quader aus dem Meeresboden herausgehauen worden. Ich schaute durch die Türöffnung, aber Chiron sagte: »Also, das würde ich lieber lassen.«

Ehe er mich zurückziehen konnte, nahm ich den salzigen Geruch des Hütteninneren wahr, es roch wie der Wind am Strand von Montauk. Die Innenwände leuchteten wie das Perlmutt von Meeresschnecken. Ich sah sechs leere Etagenbetten mit seidenen Decken. Aber es machte nicht den Eindruck, als übernachte dort jemals irgendwer. Die Hütte kam mir so traurig und einsam vor, dass ich froh war, als Chiron mir die Hand auf die Schulter legte und sagte: »Komm jetzt weiter, Percy.«

In den meisten anderen Hütten wimmelte es nur so von Bewohnern.

Nr. 5 war hellrot, aber schrecklich schlampig angestrichen, die Farbe schien aus Eimern und mit den Händen an die Wände geschleudert worden zu sein. Das Dach war mit Stacheldraht überzogen. Über dem Eingang hing der ausgestopfte Kopf eines wilden Ebers, der mich nicht aus den Augen zu lassen schien. Ich konnte eine Bande von übel aussehenden Jugendlichen sehen, Mädchen und Jungen, die Armdrücken machten und laut miteinander stritten, während im Hintergrund ohrenbetäubende Rockmusik lief. Die Lauteste war ein Mädchen von vielleicht dreizehn oder vierzehn. Sie trug unter einer Tarnjacke ein CAMP HALF-BLOOD-T-Shirt in Größe XXXL. Sie starrte mich an und feixte hämisch. Sie erinnerte mich an Nancy Bobofit, nur war sie viel größer und sah noch viel gemeiner aus, außerdem waren ihre langen, strähnigen Haare nicht rot, sondern braun.

Ich ging weiter und versuchte, Chirons Hufen auszuweichen. »Wir haben noch gar keine anderen Zentauren gesehen«, fiel mir auf.

»Nein«, sagte Chiron traurig. »Meine Verwandten sind leider wild und barbarisch. Du kannst ihnen in der Wildnis oder bei wichtigen Sportereignissen begegnen, hier aber nicht.«

»Sie haben gesagt, dass Sie Chiron heißen. Sind Sie wirklich …«

Er lächelte auf mich herab. »Der Chiron aus den Geschichten? Der Trainer des Herkules und so weiter? Ja, Percy, der bin ich.«

»Aber müssten Sie dann nicht tot sein?«

Chiron blieb stehen, als fände er diese Frage interessant. »Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was ich sein müsste. Tatsache ist, ich kann nicht tot sein. Verstehst du, vor Äonen haben die Götter mir meinen Wunsch gewährt, weiter die Arbeit leisten zu können, die ich liebe. So lange, wie die Menschheit mich braucht, darf ich Helden ausbilden. Dieser Wunsch hat mir so viel gebracht … und so viel genommen. Aber ich bin noch immer hier und daraus kann ich nur schließen, dass ich noch immer gebraucht werde.«

Ich stellte mir vor, wie es wäre, dreitausend Jahre lang als Lehrer zu arbeiten. In die Liste meiner zehn dringlichsten Wünsche hätte ich das nicht gerade aufgenommen.

»Ist das denn nie langweilig?«

»Nein, nein«, sagte er. »Manchmal ist es schrecklich deprimierend, aber langweilig nie.«

»Wieso deprimierend?«

Chiron schien wieder schwerhörig geworden zu sein.

»Ach, sieh mal«, sagte er. »Annabeth wartet schon auf uns.«

Die Blonde aus dem Wohnhaus saß vor der letzten Hütte links, Nr. 11, und las in einem Buch.

Als wir bei ihr ankamen, musterte sie mich kritisch, als müsse sie noch immer daran denken, dass ich im Schlaf sabberte.

Ich versuchte den Titel ihres Buches zu entziffern, aber das gelang mir nicht. Ich machte schon meine Legasthenie dafür verantwortlich, da ging mir auf, dass es gar kein englisches Buch war. Die Buchstaben kamen mir griechisch vor. Ich meine, wie griechische Schrift eben. In dem Buch waren Bilder von Tempeln und Statuen und allerlei Säulen, wie in einem Architekturbuch.

»Annabeth«, sagte Chiron. »Ich habe um zwölf eine Bogenschützenklasse. Würdest du Percy weiter umherführen?«

»Ja, Sir.«

»Hütte 11«, sagte Chiron zu mir und zeigte auf die Tür. »Fühl dich ganz wie zu Hause.«

Von allen Hütten sah 11 am ehesten aus wie eine ganz normale alte Hütte in einem Sommercamp. Betonung auf »alt«. Die Schwelle war abgetreten, die braune Farbe blätterte ab. Über der Tür befand sich ein Symbol, eine gefiederte Stange, um die sich zwei Schlangen wanden. Wie wurde dieser Heroldsstab noch gleich genannt? Genau, Caduceus.

Drinnen wimmelte es nur so von Leuten, Jungen und Mädchen, viel mehr, als Betten vorhanden waren. Überall auf dem Boden waren Schlafsäcke ausgebreitet. Es sah aus wie ein Turnsaal, in dem das Rote Kreuz Flüchtlinge untergebracht hat.

Chiron ging nicht hinein. Die Tür war zu niedrig für ihn. Aber als die Bewohner ihn entdeckten, sprangen alle auf und verbeugten sich achtungsvoll.

»Na dann«, sagte Chiron. »Viel Glück, Percy. Wir sehen uns beim Essen.«

Dann galoppierte er davon.

Ich blieb in der Tür stehen und sah mir die anderen an. Sie verbeugten sich nicht mehr. Sie starrten mich an und überlegten, was sie von mir halten sollten. Das kannte ich. Ich hatte es auf vielen Schulen erlebt.

»Na?«, drängte Annabeth. »Mach schon.«

Und natürlich stolperte ich, als ich über die Schwelle treten wollte, und machte mich total lächerlich. Ich hörte einige Bewohner kichern, aber niemand sagte etwas.

Annabeth verkündete: »Percy Jackson, hiermit stelle ich dir Hütte 11 vor.«

»Regulär oder nicht entschieden?«, fragte jemand.

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, aber Annabeth sagte: »Nicht entschieden.«

Alles stöhnte.

Ein Junge, der ein wenig älter war als die anderen, trat vor. »Aber, aber, Leute. Deshalb sind wir doch hier. Willkommen, Percy. Du kannst dahinten auf dem Boden schlafen.«

Der Typ war um die neunzehn und sah ziemlich cool aus. Er war groß und muskulös, hatte kurz geschorene sandfarbene Haare und ein freundliches Lächeln. Er trug ein orangefarbenes ärmelloses Hemd, abgeschnittene Jeans, Sandalen und ein ledernes Halsband, an dem fünf unterschiedlich gefärbte Tonkugeln hingen. Das Einzige, was nicht zu diesem Aussehen passte, war eine dicke weiße Narbe, die sich von seinem rechten Auge bis zu seinem Kiefer zog, wie eine alte Schnittwunde.