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»Das ist Luke«, sagte Annabeth und ihre Stimme klang irgendwie anders. Ich schaute sie an und hätte schwören können, dass sie rot wurde. Sie fing meinen Blick auf und riss sich zusammen. »Er ist bis auf Weiteres dein Tutor.«

»Bis auf Weiteres?«, fragte ich.

»Du bist nicht entschieden«, erklärte Luke geduldig. »Sie wissen nicht, in welche Hütte du gehörst, und deshalb bist du hier. In Hütte 11 kommen alle Neulinge und alle Gäste. Was ja nur natürlich ist. Hermes, unser Patron, ist der Gott der Reisenden.«

Ich schaute mir die winzige Stelle auf dem Fußboden an, die mir zugeteilt worden war. Ich hatte nichts, was ich hinlegen konnte, um sie als mein Territorium zu kennzeichnen, keine Kleider, kein Gepäck, keinen Schlafsack. Ich hatte nur das Minotaurushorn. Fast hätte ich es auf den Boden gelegt, aber dann fiel mir ein, dass Hermes ja auch der Gott der Diebe gewesen war.

Ich schaute mich zu den anderen um, einige sahen mürrisch und misstrauisch aus, andere grinsten albern, wieder andere starrten mich an und schienen auf eine Gelegenheit zu warten, meine Taschen zu durchsuchen.

»Wie lange muss ich hierbleiben?«, fragte ich.

»Gute Frage«, sagte Luke. »Bis du entschieden bist.«

»Wie lange wird das dauern?«

Die anderen lachten.

»Komm jetzt«, sagte Annabeth zu mir. »Ich zeig dir den Volleyballplatz.«

»Den hab ich schon gesehen.«

»Los, komm.«

Sie packte mich am Handgelenk und zog mich aus der Hütte. Ich konnte hören, wie alle in Nr. 11 hinter mir herlachten.

Als wir einige Meter gegangen waren, sagte Annabeth: »Jackson, das musst du besser hinkriegen.«

»Was denn?«

Sie verdrehte die Augen und murmelte: »Ich kann einfach nicht fassen, dass ich dich für den Richtigen gehalten habe.«

»Was ist eigentlich mit dir los?« Jetzt wurde ich langsam sauer. »Ich weiß nur, dass ich irgendeinen Stierkerl umgebracht habe …«

»Red bloß nicht so«, warnte mich Annabeth. »Weißt du, wie viele Leute hier im Lager sich wünschten, sie hätten diese Chance gehabt?«

»Umgebracht zu werden?«

»Gegen den Minotaurus zu kämpfen. Was glaubst du denn, wofür wir hier trainieren?«

Ich schüttelte den Kopf. »Hör mal, wenn dieses Dings, mit dem ich da gekämpft habe, wirklich der Minotaurus war, der aus den Geschichten …«

»Ja.«

»Es gibt nur einen.«

»Ja.«

»Und der ist tot, schon seit einer Billion von Jahren, oder? Theseus hat ihn im Labyrinth erschlagen. Also …«

»Ungeheuer sterben nicht, Percy. Sie können erschlagen werden. Aber sie sterben nicht.«

»Ach, danke. Das erklärt ja alles.«

»Sie haben keine Seele wie du und ich. Du kannst sie für eine Weile auflösen, vielleicht sogar für ein ganzes Leben, wenn du Glück hast. Aber sie sind Urkräfte. Chiron nennt sie Archetypen. Irgendwann nehmen sie wieder Form an.«

Ich dachte an Mrs Dodds. »Du meinst, wenn ich zum Beispiel aus Versehen eine mit einem Schwert erschlage …«

»Die Fu… ich meine, deine Mathelehrerin. Ja, richtig. Sie ist noch immer irgendwo da draußen. Du hast sie nur sehr, sehr wütend gemacht.«

»Woher weißt du von Mrs Dodds?«

»Du redest im Schlaf.«

»Du hättest sie fast irgendwie genannt. Furie? Das sind die Rachegöttinnen im Hades, nicht?«

Annabeth schaute nervös zu Boden, als könne der sich jeden Moment auftun und sie verschlingen. »Du solltest nicht ihren Namen nennen, nicht einmal hier. Wir bezeichnen sie als die Wohlgesinnten, wenn wir sie überhaupt erwähnen müssen.«

»Hör mal, können wir überhaupt irgendwas sagen, ohne dass gleich der Donner losbricht?« Ich hörte mich quengelig an, das merkte ich selbst, aber das war mir jetzt egal. »Warum muss ich überhaupt in Hütte 11 schlafen? Warum ist es da so überfüllt? Drüben wimmelt es doch nur so von leeren Betten.«

Ich zeigte auf die Hütten ganz vorn und Annabeth erbleichte. »Du kannst dir nicht einfach eine Hütte aussuchen, Percy. Es kommt darauf an, wer deine Eltern sind. Oder ein Elternteil eben.«

Sie starrte mich an und schien darauf zu warten, dass ich endlich kapierte.

»Meine Mutter ist Sally Jackson«, sagte ich. »Sie arbeitet in einem Süßigkeitenkiosk in der Grand Central Station. Das hat sie zumindest.«

»Das mit deiner Mutter tut mir leid, Percy. Aber die meine ich jetzt nicht. Ich rede über deinen anderen Elternteil. Deinen Vater.«

»Der ist tot. Ich habe ihn nie gekannt.«

Annabeth seufzte. Offenbar führte sie nicht zum ersten Mal so ein Gespräch. »Dein Vater ist nicht tot, Percy.«

»Woher willst du das wissen? Kennst du ihn?«

»Nein, natürlich nicht.«

»Wie kannst du dann behaupten …«

»Weil ich dich kenne. Du wärst nicht hier, wenn du nicht einer von uns wärst.«

»Du weißt doch gar nichts über mich.«

»Ach?« Sie hob eine Augenbraue. »Ich wette, du bist von einer Schule zur anderen geschickt worden. Ich wette, du bist ganz oft geflogen.«

»Wie …«

»Giltst als Legastheniker. Vermutlich auch als hyperaktiv.«

Ich versuchte meine Verlegenheit hinunterzuschlucken. »Was spielt das hier für eine Rolle?«

»Alles in allem ist das fast ein sicheres Anzeichen. Wenn du lesen willst, rutschen die Buchstaben von der Seite, nicht? Das liegt daran, dass dein Kopf auf Altgriechisch eingestellt ist. Und deine Hyperaktivität – du bist impulsiv, kannst im Klassenzimmer nicht stillsitzen. Das sind deine Schlachtfeldreflexe. Im Kampf würden sie dir das Leben retten. Was die Konzentrationsprobleme angeht, die haben damit zu tun, dass du zu viel siehst, Percy, nicht zu wenig. Deine Sinne sind besser als die von normalen Sterblichen. Natürlich möchten die Lehrer dir lieber Beruhigungsmittel geben. Die meisten sind einfach Idioten. Und sie wollen nicht, dass du sie so siehst, wie sie wirklich sind.«

»Das klingt so, als … als hättest du das auch durchgemacht?«

»Die meisten von uns hier haben das durchgemacht. Wenn du nicht wärst wie wir, hättest du den Minotaurus nicht überlebt und Nektar und Ambrosia erst recht nicht.«

»Nektar und Ambrosia.«

»Das, was du gegessen und getrunken hast, um wieder auf die Beine zu kommen. Das hätte ein normales Kind umgebracht. Es hätte dein Blut in Feuer und deine Knochen in Sand verwandelt und du wärst jetzt tot. Kapier es endlich. Du bist ein Halbblut.«

Ein Halbblut.

Mir wirbelten so viele Fragen durch den Kopf, dass ich nicht wusste, wo ich anfangen sollte.

Da rief eine heisere Stimme: »Haha! Ein Neuer!«

Ich sah mich um. Das dicke Mädchen aus der scheußlichen roten Hütte kam auf uns zu. Hinter ihr drei andere Mädchen, alle groß und hässlich und mit schadenfroher Miene. Alle trugen Tarnjacken.

»Clarisse.« Annabeth seufzte. »Warum gehst du nicht deinen Speer polieren oder so was?«

»Aber klar doch, Prinzessin«, sagte die andere. »Damit ich dich am Freitag damit durchbohren kann.«

»Errete es korakas«, sagte Annabeth und aus irgendeinem Grund wusste ich, dass das Griechisch war und bedeutete: »Geht doch zu den Raben.« Aber ich hatte das Gefühl, dass es böser gemeint war, als es sich anhörte. »Du hast nicht die Spur einer Chance.«

»Wir werden Staub aus euch machen«, sagte Clarisse, aber ihre Augen zuckten. Vielleicht war sie nicht sicher, ob sie ihre Drohung auch in die Tat umsetzen könnte. Sie drehte sich zu mir. »Wer ist dieser kleine Dussel?«

»Percy Jackson«, sagte Annabeth, »hiermit stelle ich dir Clarisse, Tochter des Ares, vor.«

Ich riss die Augen auf. »Wie … der Kriegsgott?«

Clarisse feixte. »Stört dich das?«

»Nein«, sagte ich und fasste mich wieder. »Das erklärt den Gestank.«

Clarisse knurrte. »Wir haben ein Initiationsritual für Neue, Prissy.«

»Percy.«

»Von mir aus. Komm mit, dann zeig ich’s dir.«

»Clarisse«, schaltete Annabeth sich ein.