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»Halt du dich da raus, du Superschlaue.«

Annabeth machte ein gequältes Gesicht, aber sie unternahm nichts weiter. Und ich wollte ihre Hilfe auch nicht. Ich war neu hier. Ich musste mir selbst Respekt verschaffen.

Ich reichte Annabeth mein Minotaurushorn und machte mich zum Kampf bereit, doch ehe ich mich’s versah, hatte Clarisse mich am Nacken gepackt und zog mich zu einem Gebäude aus Betonblöcken, von dem ich sofort wusste, dass dort die Duschräume waren.

Ich trat und schlug um mich. Ich war schon in viele Prügeleien verwickelt gewesen, aber diese Clarisse hatte Fäuste wie aus Eisen. Sie zog mich in den Waschraum der Mädchen. Auf der einen Seite war eine Reihe Toiletten, auf der anderen eine Reihe Duschkabinen. Es stank wie auf allen öffentlichen Klos und ich dachte – falls ich überhaupt denken konnte, während Clarisse mir die Haare ausriss –, wenn dieses Camp wirklich den Göttern gehörte, dann müssten sie sich eigentlich elegantere Klos leisten können.

Clarisse’ Freundinnen lachten und ich versuchte, die Kraft wiederzufinden, mit der ich gegen den Minotaurus gekämpft hatte, aber die war verflogen.

»Und der soll Material für die Großen Drei sein«, sagte Clarisse, als sie mich auf eine Toilette zustieß. »Na, von mir aus. Wahrscheinlich hat der Minotaurus sich totgelacht, so blöd, wie der aussieht.«

Ihre Freundinnen kicherten.

Annabeth stand in der Ecke und hielt sich die Hände vors Gesicht.

Clarisse zwang mich auf die Knie und presste meinen Kopf zur Kloschüssel runter. Es stank nach rostigen Rohren und nach, na ja, nach dem, was eben in Toiletten ist. Ich gab mir alle Mühe, den Kopf hochzuhalten. Ich starrte das schäumende Wasser an und dachte, da kriegt sie mich nicht rein. Das nicht.

Dann passierte etwas. Ich spürte, wie etwas an meinem Magen zerrte. Ich hörte die Rohre grollen, dann bebte die Spülung. Clarisse ließ meine Haare los. Wasser schoss aus der Toilette, jagte in hohem Bogen über meinen Kopf, und das Nächste, was ich mitbekam, war, dass ich auf dem Boden lag und Clarisse hinter mir schrie.

Ich fuhr herum. Wasser schoss aus der Toilette und traf Clarisse so hart mitten im Gesicht, dass sie auf ihren Hintern fiel. Das Wasser richtete sich auf sie wie ein Strahl aus einem Feuerwehrschlauch und schleuderte sie rückwärts in eine Duschkabine.

Sie schlug um sich, schnappte nach Luft und ihre Freundinnen wollten ihr zu Hilfe kommen. Doch dann explodierten auch die übrigen Toiletten und sechs weitere Wasserfontänen warfen die Mädchen um. Die Duschen schlossen sich an und sie schwemmten die Mädels aus dem Waschraum und ließen sie dabei wie Abfall im Kreis wirbeln.

Kaum waren sie durch die Tür gespült worden, da spürte ich, wie der Druck in meinem Unterleib nachließ, und das Wasser versiegte so rasch, wie es gekommen war.

Der gesamte Waschraum war überflutet. Annabeth war nicht verschont geblieben. Sie triefte vor Nässe, war aber nicht nach draußen geschwemmt worden. Sie stand noch an derselben Stelle wie zuvor und starrte mich geschockt an.

Ich sah zu Boden und stellte fest, dass dort, wo ich saß, die einzige trockene Stelle im ganzen Raum war. Mich umgab ein Kreis trockener Boden. Kein Tropfen Wasser hatte meine Kleidung getroffen. Rein gar keiner.

Zitternd kam ich auf die Beine.

Annabeth fragte: »Wie hast du …«

»Ich weiß nicht.«

Wir gingen zur Tür. Draußen lagen Clarisse und ihre Freundinnen im Schlamm. Etliche Campbewohner waren herbeigerannt und machten sich über sie lustig. Clarisse’ Haare klebten an ihrem Gesicht. Ihre Tarnjacke triefte und stank wie eine Kloake. Sie starrte mich voller Hass an. »Du bist tot, Neuer. Tot wie nur was.«

Ich hätte vermutlich die Klappe halten sollen, aber ich fragte: »Möchtest du noch mal mit Toilettenwasser gurgeln, Clarisse? Halt lieber die Klappe.«

Ihre Freundinnen mussten sie zurückhalten. Sie zerrten sie zu Hütte 5 und die anderen wichen aus, um sich vor ihren strampelnden Beinen in Sicherheit zu bringen.

Annabeth starrte mich an. Ich wusste nicht, ob sie einfach sprachlos war oder sauer, weil ich sie auch nass gespritzt hatte.

»Was ist?«, fragte ich. »Woran denkst du?«

»Ich denke«, sagte sie, »dass ich dich beim Flaggenerobern in meinem Team haben will.«

Mein Abendessen löst sich in Rauch auf

Die Sache mit dem Zwischenfall im Waschraum sprach sich sofort herum. Wo immer ich auftauchte, zeigte irgendwer auf mich und murmelte etwas über Klowasser. Vielleicht starrten sie aber auch nur die noch immer ziemlich triefende Annabeth an.

Sie führte mich weiter herum: zur Schmiede (wo die Campbewohner ihre eigenen Schwerter schmiedeten), zum Haus des Kunsthandwerks (wo Satyrn mit einem Sandstrahlgebläse die riesige Marmorstatue eines Ziegenmannes vollendeten) und zur Kletterwand, die eigentlich aus zwei einander gegenüberliegenden Mauern bestand, die heftig bebten, Steinquader fallen ließen, Lava spien und gegeneinanderschlugen, wenn man nicht rasch genug nach oben kletterte.

Endlich kehrten wir zum See zurück, von dem ein Weg zurück zu den Hütten führte.

»Ich muss zum Training«, sagte Annabeth leise. »Abendessen gibt’s um halb acht. Geh einfach mit den Leuten aus deiner Hütte zur Mensa.«

»Annabeth, das mit den Toiletten tut mir leid.«

»Macht nichts.«

»Das war nicht meine Schuld.«

Sie musterte mich skeptisch und mir ging auf, dass es doch meine Schuld war. Ich hatte Wasser aus Duschen und Toiletten schießen lassen. Ich wusste nicht, wie. Aber die Toiletten hatten auf mich reagiert.

»Du musst mit dem Orakel sprechen«, sagte Annabeth.

»Mit wem?«

»Nicht mit wem. Mit was. Mit dem Orakel. Ich werde Chiron fragen.«

Ich starrte in den See und wünschte, irgendwer gäbe mir ausnahmsweise einmal eine klare Antwort.

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass vom Grund des Sees her jemand meinen Blick erwidern würde, deshalb setzte mein Herz einen Schlag aus, als ich zwei Teenies sah, die ungefähr sechs Meter unter mir mit übereinandergeschlagenen Beinen vor dem Anlegesteg saßen. Sie trugen Jeans und schimmernde grüne T-Shirts und ihre braunen Haare trieben lose um ihre Schultern. Kleine Fische schnellten vor ihnen hin und her. Sie lächelten und winkten mir zu wie einem sehnsüchtig erwarteten Freund.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Deshalb winkte ich zurück.

»Ermutige sie bloß nicht«, mahnte Annabeth. »Najaden haben nichts als Flirten im Kopf.«

»Najaden«, wiederholte ich und fühlte mich restlos überwältigt. »Das reicht. Ich will jetzt nach Hause.«

Annabeth runzelte die Stirn. »Kapierst du nicht, Percy? Du bist hier zu Hause. Das hier ist für Kinder wie uns der einzig sichere Ort auf der ganzen Erde.«

»Du meinst, geistig gestörte Kinder?«

»Ich meine, nicht menschliche. Nicht nur menschliche jedenfalls. Halb menschliche.«

»Halb menschlich und halb was?«

»Das musst du doch wohl langsam wissen.«

Ich mochte es nicht zugeben, aber ich hatte Angst, dass sie Recht haben könnte. Ich spürte ein Zittern in meinen Gliedern, ein Gefühl, das ich manchmal gehabt hatte, wenn meine Mutter über meinen Vater sprach.

»Gott«, sagte ich. »Halbgott.«

Annabeth nickte. »Dein Vater ist nicht tot, Percy. Er gehört zu den olympischen Gottheiten.«

»Das ist doch … verrückt.«

»Wirklich? Was haben die Götter in den alten Geschichten denn vor allem gemacht? Sie haben sich in Menschen verliebt und Kinder mit ihnen gezeugt. Meinst du, sie haben in den letzten paar Jahrtausenden ihre Gewohnheiten geändert?«

»Aber das sind doch bloß …« Fast hätte ich schon wieder Mythen gesagt. Dann fiel mir Chirons Warnung ein, dass ich in zweitausend Jahren vielleicht auch als Mythos gelten würde. »Aber wenn alle hier Halbgötter sind …«

»Demigottheiten«, sagte Annabeth. »Das ist die offizielle Bezeichnung. Oder Halbblut.«

»Aber wer ist dann dein Vater?«

Ihre Hände umklammerten das Geländer des Anlegestegs. Ich hatte den Eindruck, dass ich einen wunden Punkt getroffen hatte.