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»Mein Vater ist Professor in West Point«, sagte sie. »Ich habe ihn als kleines Kind zuletzt gesehen. Er lehrt amerikanische Geschichte.«

»Er ist ein Mensch?«

»Was soll das denn heißen? Glaubst du denn, nur männliche Gottheiten können irdische Wesen attraktiv finden? Das ist aber ganz schön sexistisch.«

»Wer ist dann deine Mutter?«

»Hütte 6.«

»Soll heißen?«

Annabeth reckte sich. »Athene. Die Göttin der Weisheit und des Krieges.«

Na gut, dachte ich. Warum auch nicht?

»Und mein Vater?«

»Nicht entschieden«, sagte Annabeth. »Hab ich dir doch schon gesagt. Das weiß niemand.«

»Außer meiner Mutter. Sie weiß es.«

»Nicht unbedingt, Percy. Götter geben nicht immer ihre Identität preis.«

»Mein Vater hat das bestimmt getan. Er hat sie geliebt.«

Annabeth schaute mich forschend an. Sie wollte meine Illusion nicht zerstören. »Vielleicht hast du Recht. Vielleicht wird er dir ein Zeichen geben. Nur dann kannst du es mit Sicherheit wissen: Dein Vater muss dir ein Zeichen geben, durch das er dich als seinen Sohn anerkennt. Manchmal kommt das vor.«

»Du meinst, manchmal auch nicht?«

Annabeth fuhr mit der Handfläche über das Geländer. »Die Gottheiten haben viel zu tun. Sie haben viele Kinder und manchmal … na ja, manchmal interessieren sie sich nicht für uns, Percy. Wir sind ihnen egal.«

Ich dachte an einige der Kinder, die ich in der Hermeshütte gesehen hatte, Teenager, die mürrisch und deprimiert aussahen, als warteten sie auf einen Anruf, der niemals kommen würde. Ich hatte solche Kinder auch auf der Yancy Academy gekannt, sie wurden von reichen Eltern, die keine Zeit für sie hatten, in Internate abgeschoben. Aber von Göttern hätte man ja wohl mehr erwarten können.

»Also sitze ich hier fest«, sagte ich. »Ist das so? Für den Rest meines Lebens?«

»Das kommt darauf an«, sagte Annabeth. »Manche sind nur den Sommer über hier. Wenn du ein Kind von Aphrodite oder Demeter bist, dann bist du wahrscheinlich nicht besonders mächtig. Also ignorieren dich die Ungeheuer vielleicht und dann reichen ein paar Monate Training im Sommer aus und du kannst den Rest des Jahres in der Welt der Sterblichen leben. Aber für einige von uns wäre es zu gefährlich, hier wegzugehen. Wir sind das ganze Jahr über hier. In der Welt der Sterblichen ziehen wir die Ungeheuer an. Sie spüren uns. Sie greifen uns an. Meistens ignorieren sie uns, bis wir alt genug sind, um Ärger zu machen – so zehn oder elf Jahre alt –, aber danach müssen die meisten Demigottheiten sich hierher retten oder sie kommen ums Leben. Einige wenige können draußen überleben und berühmt werden. Glaub mir, ich könnte dir Namen nennen, die du längst kennst. Manche wissen nicht einmal, dass sie Demigottheiten sind. Aber das ist nur bei sehr, sehr wenigen der Fall.«

»Ungeheuer kommen hier also nicht herein?«

Annabeth schüttelte den Kopf. »Nur wenn sie zu irgendeinem Zweck im Wald ausgesetzt worden sind oder wenn jemand hier sie herbeigerufen hat.«

»Aber wieso sollte irgendwer ein Ungeheuer herbeirufen?«

»Zu Trainingskämpfen. Oder um anderen eins auszuwischen.«

»Eins auszuwischen?«

»Das Entscheidende ist, dass die Grenzen versiegelt sind, um Ungeheuer und Sterbliche auszusperren. Von außen sehen Sterbliche ins Tal und können nichts Außergewöhnliches entdecken, sie sehen nur die Erdbeerpflanzungen.«

»Und du … du bist das ganze Jahr über hier?«

Annabeth nickte. Sie zog unter ihrem T-Shirt ein Lederhalsband mit fünf unterschiedlich gefärbten Tonperlen hervor. Es sah aus wie Lukes, nur hatte Annabeth auf ihres auch einen großen goldenen Ring gezogen, eine Art Collegering.

»Ich bin mit sieben Jahren hergekommen«, sagte sie. »Jeden August, am letzten Tag des Schuljahres, bekommen wir eine Perle als Zeichen dafür, dass wir wieder ein Jahr überlebt haben. Ich bin länger hier als die meisten Tutoren und die gehen schon aufs College.«

»Warum bist du schon so früh gekommen?«

Sie spielte an dem Ring an ihrem Halsband herum. »Das geht dich nichts an.«

»Ach.« Ich schwieg einen Moment lang betroffen. »Also … wenn ich wollte, könnte ich auch ganz einfach wieder von hier weggehen?«

»Das wäre Selbstmord, aber es wäre möglich, wenn Chiron oder Mr D es erlaubt. Was sie aber vor Ende des Schuljahres niemals tun würden, es sei denn …«

»Es sei denn?«

»Dir wird eine Aufgabe zugeteilt. Aber das kommt fast nie vor. Letztes Mal …«

Ihre Stimme versagte. Ich konnte ihr anhören, dass es beim letzten Mal nicht gut gegangen war.

»Als ich krank war«, sagte ich. »Als du mich mit diesem Kram gefüttert hast …«

»Ambrosia.«

»Ja. Da hast du mich nach der Sommersonnenwende gefragt.«

Annabeths Schultern spannten sich an. »Du weißt also doch etwas?«

»Na ja … nein. Auf meiner alten Schule hab ich Chiron und Grover einmal darüber reden hören. Da hat Grover die Sommersonnenwende erwähnt. Er hat so ungefähr gesagt, wir hätten wegen des Stichtages nicht viel Zeit. Was hat er damit gemeint?«

Sie ballte die Fäuste. »Wenn ich das wüsste. Chiron und die Satyrn wissen es, aber sie wollen es mir nicht verraten. Irgendwas ist auf dem Olymp passiert, irgendwas Großes. Als ich zuletzt da war, wirkte alles noch total normal.«

»Du warst auf dem Olymp?«

»Einige von uns Ganzjährigen – Luke und Clarisse und ich und noch ein paar andere – haben zur Wintersonnenwende eine Exkursion dorthin gemacht. Dann halten die Gottheiten ihren großen jährlichen Rat.«

»Aber … wie seid ihr hingekommen?«

»Mit der Long-Island-Bahn natürlich. Du steigst an der Penn Station aus. Empire State Building, Sonderfahrstuhl in den sechshundertsten Stock.« Sie sah mich an, als sei sie sicher, dass ich das alles längst wüsste. »Du bist doch aus New York, oder?«

»Aber sicher.« Meines Wissens hatte das Empire State Building nur hundertzwei Stockwerke, aber ich beschloss, das nicht weiter zu erwähnen.

»Gleich nach unserem Besuch«, sagte Annabeth, »wurde das Wetter ganz komisch, als wären die Gottheiten in Streit geraten. Seitdem hab ich einige Male aufgeschnappt, was die Satyrn sich so erzählen. Und ich kann mir eigentlich nur vorstellen, dass etwas gestohlen worden ist. Und wenn es bis zur Sommersonnenwende nicht wieder auftaucht, wird es Ärger geben. Als du gekommen bist, habe ich gehofft … Ich meine, Athene kommt mit fast allen gut aus, abgesehen von Ares. Und natürlich hat sie ihre Rivalität mit Poseidon. Aber davon mal ganz abgesehen, ich dachte, wir könnten zusammenarbeiten. Ich dachte, du wüsstest vielleicht etwas.«

Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte ihr gern helfen, aber ich war zu hungrig und zu müde und einfach zu überfordert, um irgendwelche weiteren Fragen zu stellen.

»Ich brauche eine Aufgabe«, murmelte Annabeth. »Ich bin überhaupt nicht zu jung. Wenn sie mir nur sagen könnten, was los ist …«

Ich roch Barbecuerauch, der von irgendwo aus der Nähe kam. Annabeth hatte sicher meinen Magen knurren gehört. Sie sagte, ich solle vorgehen, sie werde mich später schon einholen. Ich ließ sie auf dem Anlegesteg stehen und sie fuhr mit ihren Fingern über das Geländer, als ob sie einen Schlachtplan entwarf.

In Hütte 11 redeten alle, rissen Witze und warteten auf das Abendessen. Mir fiel auf, dass viele dort einander ähnlich sahen: scharfe Nasen, geschwungene Augenbrauen, boshaftes Lächeln. Sie waren die Sorte Typen, die Lehrer sofort als Unruhestifter ausmachen. Glücklicherweise achtete niemand besonders auf mich, als ich zu meinem Platz ging und mich mit meinem Minotaurushorn dort auf den Boden fallen ließ.

Luke, mein Tutor, kam herüber. Auch er wies diese Hermes-Familienähnlichkeit auf. Sie wurde zwar von der Narbe auf seiner rechten Wange gestört, aber sein Lächeln war unverkennbar.

»Ich hab einen Schlafsack für dich«, sagte er. »Und ich hab dir aus dem Campkiosk ein paar Toilettensachen geklaut.«