Das Schwert in meiner Hand wurde schwer. Es lag nicht mehr richtig im Gleichgewicht. Ich wusste, dass es nur eine Frage von Sekunden wäre, ehe Luke mich zu Boden gehen lassen würde, also dachte ich, jetzt oder nie.
Ich versuchte den Entwaffnungstrick.
Meine Klinge traf unten gegen die von Luke, ich fuhr herum und legte mein ganzes Gewicht in einen Stoß nach unten.
Klirr!
Lukes Schwert fiel auf die Steine. Meine Schwertspitze befand sich einen Daumenbreit von seiner ungeschützten Brust entfernt.
Die Zuschauer waren verstummt.
Ich ließ mein Schwert sinken. »Äh … tut mir leid.«
Luke war für einen Moment zu überwältigt, um etwas sagen zu können.
»Leid?« Sein narbiges Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. »Bei den Göttern, Percy, wieso tut dir das leid? Zeig es mir noch mal!«
Ich wollte nicht. Der kurze Ausbruch manischer Energie war restlos verflogen. Aber Luke ließ mir keine Ruhe.
Diesmal gab es keinen Kampf. Als unsere Schwerter einander begegneten, traf Luke meinen Griff und ließ meine Waffe über den Boden schlittern.
Nach langem Schweigen sagte jemand von den Zuschauern: »Anfängerglück?«
Luke wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er musterte mich mit einem ganz neuen Interesse. »Kann sein«, sagte er. »Aber ich frage mich, was Percy mit einem austarierten Schwert zu Stande bringen würde …«
Am Freitagnachmittag saß ich mit Grover am See und erholte mich von einem Nahtod-Erlebnis an der Klettermauer. Grover war wie eine Bergziege nach oben gesprungen, aber mich hätte die Lava fast erwischt. Mein Hemd wies Brandlöcher auf und die Haare an meinen Unterarmen waren abgesengt worden.
Wir saßen auf dem Steg und sahen zu, wie die Najaden unter Wasser Körbe flochten, dann fasste ich mir endlich ein Herz und fragte Grover, wie sein Gespräch mit Mr D gelaufen sei.
Sein Gesicht nahm einen kränklichen Gelbton an.
»Gut«, sagte er. »Einfach toll.«
»Also geht’s mit deiner Karriere doch noch weiter?«
Er schaute mich nervös an. »Hat Ch-Chiron dir gesagt, dass ich mir eine Suchlizenz wünsche?«
»Na ja … nein.« Unter einer Suchlizenz konnte ich mir nichts vorstellen, aber es war wohl auch nicht der richtige Moment, um danach zu fragen. »Er hat nur gesagt, du hättest große Pläne … und dass du Leistungen erbringen musst, um dich wirklich als Hüter zu qualifizieren. Hast du das jetzt geschafft?«
Grover schaute zu den Najaden hinunter. »Mr D hat die Entscheidung aufgeschoben. Er sagt, ich hätte bei dir bisher weder Erfolg gehabt noch versagt, und deshalb sind unsere Schicksale weiterhin miteinander verbunden. Wenn du einen Auftrag bekommst und ich als dein Hüter mit dir gehe und wenn wir dann beide lebend zurückkehren, dann wird er vielleicht der Meinung sein, dass ich meinen Job gemacht habe.«
Sofort war mir besser zu Mute. »Na, das ist aber gar nicht schlecht, oder?«
»Meck-meck-meck! Da hätte er mich auch gleich zum Ställesäubern abordnen können. Die Chancen, dass dir eine Aufgabe auferlegt wird … und selbst wenn, würdest du mich denn mitnehmen wollen?«
»Aber natürlich würde ich dich mitnehmen wollen.«
Grover starrte mit trübem Blick ins Wasser. »Körbe flechten … sicher nett, ein brauchbares Handwerk zu beherrschen.«
Ich versuchte ihm klarzumachen, dass er doch auch sehr viel konnte, aber er sah nur noch elender aus. Wir redeten eine Weile über Rudern und Schwertkämpfe, dann diskutierten wir die guten und die schlechten Seiten der verschiedenen Gottheiten. Und dann erkundigte ich mich endlich nach den vier leeren Hütten.
»Nummer 8, die silberne, gehört Artemis«, sagte er. »Sie hat ewige Jungfräulichkeit geschworen. Also gibt’s auch keine Kinder. Die Hütte ist sozusagen eine Ehrengabe. Wenn sie keine bekommen hätte, würde sie durchdrehen.«
»Verstehe. Aber die anderen drei, die ganz vorn. Sind das die Großen Drei?«
Grover wirkte sofort angespannt. Wir näherten uns also einem brisanten Thema. »Nein. Die eine, Nr. 2, gehört Hera«, sagte er. »Das ist auch so eine Ehrengabe. Sie ist die Göttin der Ehe, also kann sie keine Techtelmechtel mit Sterblichen anfangen. Dafür ist ihr Mann zuständig. Wenn wir von den Großen Drei reden, dann meinen wir die drei mächtigen Brüder, die Söhne des Kronos.«
»Zeus, Poseidon, Hades.«
»Genau. Du weißt schon, nach ihrem Kampf mit den Titanen haben sie von ihrem Alten die Weltherrschaft übernommen und ausgelost, wer wofür zuständig sein sollte.«
»Zeus hat den Himmel gekriegt.« Das wusste ich noch. »Poseidon fiel das Meer zu. Hades die Unterwelt.«
»Hmm.«
»Aber Hades hat hier keine Hütte.«
»Nein. Er hat auch keinen Thron auf dem Olymp. Er kümmert sich in der Unterwelt um seinen eigenen Kram. Wenn er hier eine Hütte hätte …« Grover schüttelte sich. »Das wäre gar nicht nett. Lassen wir es dabei.«
»Aber Zeus und Poseidon – die hatten in den Mythen doch Billionen von Kindern. Warum stehen ihre Hütten leer?«
Grover scharrte verlegen mit den Hufen. »Vor ungefähr sechzig Jahren, nach dem Zweiten Weltkrieg, haben die Großen Drei abgemacht, dass sie keine Helden mehr zeugen würden. Ihre Kinder waren einfach zu mächtig. Sie beeinflussten den Verlauf der Weltgeschichte viel zu sehr, verursachten allzu großes Blutvergießen. Der Zweite Weltkrieg, weißt du, war im Grunde ein Kampf zwischen den Söhnen von Zeus und Poseidon auf der einen und denen von Hades auf der anderen Seite. Die Sieger, Zeus und Poseidon, haben Hades gezwungen, gemeinsam mit ihnen einen Eid abzulegen: keine Affären mit sterblichen Frauen mehr. Alle drei haben auf den Fluss Styx geschworen.«
Donner dröhnte los.
Ich sagte: »Einen schwerer wiegenden Eid kann man ja gar nicht ablegen.«
Grover nickte.
»Und die Brüder haben ihr Wort gehalten – keine Kinder?«
Grovers Gesicht verdüsterte sich. »Vor siebzehn Jahren ist Zeus rückfällig geworden. Es gab da so ein Fernsehsternchen mit einer plustrigen Achtziger-Jahre-Turmfrisur – dagegen war er einfach machtlos. Als ihr Kind geboren wurde, ein kleines Mädchen namens Thalia … na ja, der Styx nimmt Versprechen sehr ernst. Zeus ist ziemlich ungeschoren davongekommen, er ist ja schließlich unsterblich, aber seiner Tochter hat er ein grauenhaftes Schicksal beschert.«
»Das ist ja wohl nicht fair! Sie war doch gar nicht daran schuld!«
Grover zögerte. »Percy, Kinder der Großen Drei haben größere Kräfte als jedes andere Halbblut. Sie besitzen eine starke Aura, eine Art Geruch, der Ungeheuer anzieht. Als Hades von dieser Tochter hörte, fand er es nicht gerade lustig, dass Zeus seinen Schwur gebrochen hatte. Deshalb hat Hades die übelsten Monster aus dem Tartarus auf Thalia losgelassen. Als sie zwölf Jahre alt war, wurde ein Satyr zu ihrem Hüter bestellt, aber der war machtlos. Er versuchte sie herzubringen, zusammen mit zwei anderen Halbblutkindern, mit denen sie sich angefreundet hatte. Sie hätten es fast geschafft. Sie waren schon oben auf dem Hügel.«
Er zeigte über das Tal hinweg auf die Fichte, vor der ich gegen den Minotaurus gekämpft hatte. »Die drei Wohlgesinnten waren hinter ihnen her, zusammen mit einer Meute von Höllenhunden. Sie hatten sie fast schon überrannt, als Thalia ihrem Satyrn sagte, er solle die beiden anderen Halbblutkinder in Sicherheit bringen, während sie die Ungeheuer aufhielt. Sie war verletzt und erschöpft und sie wollte nicht leben wie ein gehetztes Tier. Der Satyr wollte sie nicht im Stich lassen, aber er konnte sie nicht davon abbringen und er musste auch die anderen beschützen. Also hat Thalia ihren letzten Kampf allein ausfechten müssen, oben auf dem Hügel. Und als sie starb, hat Zeus sich ihrer erbarmt. Er hat sie in diese Fichte verwandelt. Ihr Geist hilft noch immer, die Grenzen dieses Tales zu schützen. Deshalb wird der Hügel Half-Blood Hill genannt.«
Ich starrte die Fichte an.
Ich fühlte mich leer und schuldig, nachdem ich diese Geschichte gehört hatte. Ein Mädchen in meinem Alter hatte sich geopfert, um ihre Freunde zu retten. Sie hatte es mit einer ganzen Horde von Monstern aufgenommen. Im Vergleich dazu machte mein Sieg über den Minotaurus nicht mehr viel her. Ich hätte gern gewusst, ob ich meine Mutter hätte retten können, wenn ich mich anders verhalten hätte.