»Grover«, sagte ich. »Kommt es wirklich vor, dass Helden Aufträge in der Unterwelt erfüllen müssen?«
»Manchmal«, sagte er. »Orpheus. Herkules. Houdini.«
»Und haben sie jemals irgendwen von den Toten zurückkehren lassen?«
»Nein. Nie. Orpheus hätte es fast geschafft … Percy, du willst doch nicht im Ernst …«
»Nein«, log ich. »Hat mich bloß interessiert. Also … werden Satyrn immer zum Beschützer einer Demigottheit ernannt?«
Grover musterte mich misstrauisch. Ich hatte ihn nicht davon überzeugt, dass ich die Sache mit der Unterwelt schon aufgegeben hatte. »Nicht immer. Wir schleichen uns in eine Menge Schulen ein. Wir versuchen, die Halbblute ausfindig zu machen, die das Zeug zu großen Helden haben. Wenn wir eins mit einer sehr starken Aura finden, wie sie ein Kind der Großen Drei zum Beispiel hat, dann verständigen wir Chiron. Er versucht diese Kinder im Auge zu behalten, weil sie wirklich arge Probleme verursachen können.«
»Und du hast mich gefunden. Chiron sagt, du hast gedacht, ich könnte etwas Besonderes sein.«
Grover sah aus, als ob ich ihn soeben in eine Falle gelockt hätte. »Ich habe nicht … Also, hör mal, denk so was nicht. Wenn du – du weißt schon – wärst, dann würde dir niemals ein Auftrag erteilt werden und ich würde niemals meine Lizenz bekommen. Du bist vermutlich ein Kind von Hermes. Oder vielleicht von einer kleineren Gottheit, wie Nemesis, der Göttin der Rache. Mach dir keine Sorgen, ja?«
Ich hatte den Eindruck, dass er eher sich selbst überzeugen wollte als mich.
An diesem Abend ging es nach dem Essen viel aufregender zu als sonst.
Es war der Tag der Eroberung der Flagge.
Als die Tische abgeräumt worden waren, erklang das Muschelhorn und alle erhoben sich.
Die Campbewohner johlten und schrien, als Annabeth und zwei von ihren Geschwistern mit einem seidenen Banner in den Pavillon gerannt kamen. Das Banner war über drei Meter lang, es war hellgrau und mit dem Bild einer Eule über einem Olivenbaum geschmückt. Von der anderen Seite her kamen Clarisse und ihre Freundinnen mit einem anderen Banner in derselben Größe angerannt, es war knallrot und bemalt mit einem bluttriefenden Speer und einem Eberkopf.
Ich wandte mich an Luke und brüllte durch den Lärm hindurch: »Sind das die Flaggen?«
»Ja.«
»Führen immer Ares und Athene die Teams an?«
»Nicht immer«, sagte er. »Aber häufig.«
»Wenn eine andere Hütte eine erbeutet, was macht ihr dann – die Flagge neu bemalen?«
Er grinste. »Wirst du schon sehen. Erst müssen wir eine haben.«
»Auf wessen Seite stehen wir?«
Er bedachte mich mit einem listigen Blick und schien etwas zu wissen, was ich nicht wusste. Die Narbe auf seiner Wange ließ ihn im Fackelschein fast hinterhältig aussehen. »Wir haben uns vorübergehend mit Athene verbündet. Heute werden wir Ares die Flagge wegschnappen. Und du wirst uns dabei helfen.«
Die beiden Teams wurden vorgestellt. Athene hatte sich mit Apollo und Hermes verbündet, den beiden dichtestbevölkerten Hütten. Offenbar war mit Privilegien gehandelt worden – Duschzeiten, Arbeitsaufgaben, den besten Zeiten für sportliche Aktivitäten –, um sich Unterstützung zu verschaffen.
Ares hatte sich mit allen anderen zusammengetan: Dionysos, Demeter, Aphrodite und Hephaistos. Soviel ich bisher gesehen hatte, waren Dionysos’ Kinder absolut gute Sportler, aber es gab nur zwei davon. Die Sprösslinge der Demeter kannten sich mit Natur und dem Leben draußen aus, waren aber nicht gerade aggressiv. Wegen der Kinder der Aphrodite machte ich mir keine besonderen Sorgen. Sie saßen meistens herum, bewunderten ihr Spiegelbild im See, frisierten sich immer wieder neu und tratschten. Die Kinder des Hephaistos waren nicht besonders hübsch und es gab auch nur vier von ihnen, aber sie waren groß und kräftig, weil sie den ganzen Tag in der Schmiede arbeiteten. Sie könnten ein Problem darstellen. Blieb noch Ares’ Hütte: ein Dutzend der größten, gemeinsten, hässlichsten Kinder auf Long Island oder irgendwo sonst auf diesem Planeten.
Chiron schlug mit seinem Huf auf den Marmortisch.
»Helden und Heldinnen!«, rief er. »Ihr kennt die Regeln. Der Bach ist die Grenze. Der gesamte Wald ist zugelassen. Alle magischen Dinge sind erlaubt. Die Flagge muss offen gezeigt werden und darf von nicht mehr als zwei Personen bewacht werden. Gefangene dürfen entwaffnet, aber nicht gefesselt oder geknebelt werden. Töten oder Verstümmeln ist nicht gestattet. Ich werde als Schiedsrichter und Feldarzt fungieren. Bewaffnet euch!«
Er breitete die Hände aus und die Tische waren plötzlich übersät mit Ausrüstungsgegenständen: Helmen, Bronzeschwertern, Speeren, Schilden aus mit Metall überzogenem Rindsleder.
»Meine Güte«, sagte ich. »Sollen wir das wirklich benutzen?«
Luke sah mich an, als ob er mich für verrückt hielt. »Wenn du nicht von deinen Freunden aus Hütte 5 aufgespießt werden willst, ja. Hier. Chiron dachte, das könnte richtig für dich sein. Du kommst in die Grenzpatrouille.«
Mein Schild war so groß wie eine Reklametafel am Straßenrand und in der Mitte prangte ein großer Caduceus. Er wog ungefähr eine Million Pfund. Ich hätte ihn wunderbar als Snowboard benutzen können, aber ich hoffte, dass niemand erwartete, dass ich damit rennen würde. Mein Helm hatte, wie alle Helme auf Athenes Seite, eine blaue Helmzier aus Rosshaaren. Ares und seine Verbündeten hatten rote.
Annabeth schrie: »Blaues Team, vortreten!«
Wir jubelten und schüttelten unsere Schwerter und folgten ihr den Weg hinab in den südlichen Wald. Das rote Team schrie Verwünschungen hinter uns her, als es sich auf den Weg in den Norden machte.
Ich schaffte es, Annabeth einzuholen, ohne über meinen Schild zu stolpern. »He!«
Sie marschierte weiter.
»Und was machen wir jetzt?«, fragte ich. »Kannst du mir irgendein magisches Werkzeug leihen?«
Ihre Hand griff nach ihrer Tasche, als fürchte sie, ich könnte ihr etwas gestohlen haben.
»Behalt einfach den Speer von Clarisse im Auge«, sagte sie. »Der darf dich um keinen Preis berühren. Mach dir ansonsten keine Sorgen. Wir werden Ares die Flagge abnehmen. Hat Luke dir gesagt, was du zu tun hast?«
»Grenzpatrouille, was immer das bedeuten mag.«
»Ganz einfach. Stell dich an den Bach und sorg dafür, dass die Roten nicht durchkommen. Den Rest kannst du mir überlassen. Athene hat immer einen Plan.«
Sie lief weiter und ich blieb im aufgewirbelten Staub stehen.
»Na schön«, murmelte ich. »Freut mich, dass du mich in deinem Team haben wolltest.«
Es war ein drückend warmer Abend. Der Wald war dunkel, immer neue Glühwürmchen tauchten auf und verschwanden wieder. Annabeth postierte mich an einem Bach, der über Felsen plätscherte, dann verschwanden sie und die Übrigen unseres Teams zwischen den Bäumen.
Als ich so allein dastand, mit meinem Helm mit dem blauen Rosshaarpuschel und dem riesigen Schild, kam ich mir vor wie ein Idiot. Das Bronzeschwert schien falsch austariert zu sein, wie alle Schwerter, die ich bisher ausprobiert hatte. Der Ledergriff zerrte an meiner Hand wie eine Bowlingkugel.
Aber mich würde doch niemand wirklich angreifen, oder? Ich meine, auch auf dem Olymp müsste doch dann Schadensersatz fällig werden, oder?
In der Ferne erscholl das Muschelhorn. Ich hörte im Wald Geschrei und Gebrüll, ich hörte Metall klirren, ich hörte Kampfgeräusche. Ein blau behelmter Apolloverbündeter rannte wie ein gehetztes Stück Wild an mir vorbei, sprang durch den Wald und verschwand im feindlichen Territorium.
Klasse, dachte ich. Ich verpass den ganzen Spaß, wie immer.
Dann hörte ich ganz in der Nähe ein Geräusch, das mir eine Gänsehaut machte: ein leises Hundeknurren.