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Ich hob instinktiv meinen Schild; ich hatte das Gefühl, dass sich etwas an mich heranschlich.

Dann verstummte das Knurren. Ich spürte, wie dieses Etwas sich zurückzog.

Am anderen Bachufer schien das Unterholz zu explodieren. Fünf Areskrieger brachen grölend und schreiend aus der Dunkelheit.

»Haut ihn zu Brei!«, kreischte Clarisse.

Ihre hässlichen Schweinsaugen starrten mich durch die Schlitze in ihrem Helm an. Sie schwenkte einen ein Meter fünfzig langen Speer, dessen metallene Spitze rötlich flackerte. Ihre Geschwister hatten nur die üblichen Bronzeschwerter – was mir allerdings kein Trost war.

Sie jagten über den Bach. Nirgendwo war Hilfe zu sehen. Ich konnte davonlaufen. Oder mich gegen die halbe Areshütte verteidigen.

Ich konnte dem ersten Schlag ausweichen, aber diese Leute waren nicht so blöd wie der Minotaurus. Sie umzingelten mich und Clarisse stieß mit ihrem Speer nach mir. Mein Schild ließ die Spitze abgleiten, aber ich spürte im ganzen Leib ein schmerzhaftes Brennen. Meine Haare sträubten sich. Mein Schildarm verlor jegliches Gefühl. Die Luft brannte.

Elektrizität. Ihr bescheuerter Speer war elektrisch geladen. Ich wich zurück.

Ein anderer Arestyp traf meine Brust mit seinem Schwertknauf und ich landete im Dreck.

Sie hätten mich zu Gelee zertreten können, wenn sie nicht so sehr mit Lachen beschäftigt gewesen wären.

»Verpass ihm eine neue Frisur«, sagte Clarisse. »Pack ihn an den Haaren.«

Ich kam irgendwie auf die Beine. Ich hob mein Schwert, aber Clarisse schob es mit ihrem Speer beiseite und dabei stoben die Funken nur so. Jetzt waren meine Arme beide betäubt.

»Ach herrje«, sagte Clarisse. »Was hab ich eine Angst vor dem Kerl. Eine Höllenangst!«

»Die Flagge ist dahinten«, sagte ich zu ihr. Ich wollte mich wütend anhören, aber ich hatte das unangenehme Gefühl, dass mir das nicht gelang.

»Ja«, sagte eins von ihren Geschwistern. »Aber weißt du was, die Flagge ist uns ganz egal. Was uns nicht egal ist, ist so ein Typ, der unsere Hütte blöd aussehen lässt.«

»Das schafft ihr auch ohne meine Hilfe«, sagte ich daraufhin. Was vermutlich nicht gerade ein weiser Spruch war.

Zwei von ihnen kamen auf mich zu. Ich wich zum Bach zurück und versuchte meinen Schild zu heben, aber Clarisse war zu schnell. Ihr Speer traf meine Rippen. Wenn ich keinen gepanzerten Brustharnisch getragen hätte, hätte sie Schaschlik aus mir gemacht. So schüttelte die elektrische Speerspitze mir nur fast die Zähne aus dem Mund. Einer von ihren Mitbewohnern zog sein Schwert über meinen Arm. Es hinterließ eine ziemlich große Wunde.

Beim Anblick meines Blutes wurde mir schwindlig, heiß und kalt zugleich.

»Verstümmeln ist verboten«, konnte ich herausbringen.

»Huch«, sagte der Typ darauf. »Da wird mir vermutlich der Nachtisch gestrichen.«

Er stieß mich in den Bach und ich fiel klatschend ins Wasser. Alle lachten. Es sah so aus, als müsste ich sterben, wenn sie sich ausreichend amüsiert hätten. Aber dann passierte etwas. Das Wasser schien meine Sinne zu wecken, so als ob ich soeben eine Tüte von den Doppelespresso-Bonbons meiner Mom verzehrt hätte.

Clarisse und ihre Mitbewohner stiegen in den Bach, um mich fertigzumachen, aber ich war schon aufgesprungen. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Ich schlug mit der flachen Seite meines Schwertes nach dem Kopf des ersten Typen und fegte ihm den Helm vom Schopf. Ich traf ihn so hart, dass ich sehen konnte, wie seine Augen zitterten, als er ins Wasser fiel.

Hässlich Nr. 2 und Hässlich Nr. 3 kamen auf mich zu. Ich traf einen mit meinem Schild im Gesicht und nahm mein Schwert, um dem anderen die Helmzier vom Helm zu rasieren. Beide wichen schnell zurück. Hässlich Nr. 4 schien keine große Lust zum Angriff zu haben, aber Clarisse ließ nicht locker. Ihre Speerspitze knisterte vor Energie. Als sie zuschlug, fing ich den Speer zwischen meinem Schild und meinem Schwert und zerbrach ihn wie einen Zweig.

»Ah!«, schrie sie. »Du Idiot! Du Leichenwurm!«

Sie hätte vermutlich noch schlimmere Dinge gesagt, aber ich traf sie mit dem Schwertknauf zwischen den Augen und sie taumelte rückwärts ans Ufer.

Dann hörte ich laute, begeisterte Schreie und sah Luke, der, die Flagge des roten Teams hoch erhoben, auf die Grenze zurannte. Er wurde von zwei Hermestypen gedeckt, und einige Apollos hinter ihm schlugen die Kinder des Hephaistos zurück. Die Aresleute kamen auf die Beine und Clarisse murmelte eine benommene Verwünschung.

»Ein Trick!«, brüllte sie. »Das war ein Trick!«

Sie wankten hinter Luke her, aber es war zu spät. Alles strömte am Bach zusammen, als Luke unser Territorium erreichte. Unsere Seite jubelte los. Das rote Banner schimmerte und verwandelte sich in Silber. Eber und Speer mussten einem riesigen Caduceus weichen, dem Symbol von Hütte 11. Die Leute vom blauen Team hoben Luke auf ihre Schultern und trugen ihn umher. Chiron kam aus dem Wald getrabt und stieß in das Muschelhorn.

Der Kampf war zu Ende. Wir hatten gesiegt.

Ich wollte mich schon den Feiernden anschließen, als neben mir im Bach Annabeths Stimme sagte: »Gar nicht so schlecht, Held.«

Ich sah mich nach ihr um, aber sie war nicht da.

»Wo zum Henker hast du so gut kämpfen gelernt?«, fragte sie. Die Luft schimmerte und nun wurde Annabeth sichtbar, sie hielt eine Baseballmütze mit dem Emblem der Yankees in der Hand und schien sie sich eben erst vom Kopf genommen zu haben.

Ich merkte, wie ich wütend wurde. Nicht einmal die Tatsache, dass sie sich unsichtbar machen konnte, interessierte mich jetzt. »Du hast mich ins offene Messer laufen lassen«, sagte ich. »Du hast mich hier eingesetzt, weil du gewusst hast, dass Clarisse es auf mich abgesehen hatte, und deshalb hast du Luke um die Flanke herumgeschickt. Du hattest dir das genau überlegt.«

Annabeth zuckte mit den Schultern. »Das hab ich dir doch gesagt. Athene hat immer einen Plan.«

»Einen Plan, um Hackfleisch aus mir zu machen?«

»Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte. Ich wollte mich gerade einschalten, aber …« Wieder zuckte sie mit den Schultern. »Du hast ja gar keine Hilfe gebraucht.«

Dann sah sie die Wunde an meinem Arm. »Wie hast du das gemacht?«

»Schwerthieb«, sagte ich. »Was hast du denn gedacht?«

»Nein. Das war mal ein Schwerthieb. Sieh es dir doch an.«

Das Blut war verschwunden. Wo die rote Wunde geklafft hatte, war jetzt eine lange weiße Narbe und auch die wurde blasser. Vor meinen Augen verwandelte sie sich in einen Strich und war dann nicht mehr zu sehen.

»Das … das kapier ich nicht«, sagte ich.

Ich konnte förmlich sehen, wie Annabeth sich den Kopf zerbrach, wie es in ihrem Hirn ratterte. Sie starrte meine Füße an, dann Clarisse’ zerbrochenen Speer und dann sagte sie: »Komm aus dem Wasser, Percy.«

»Wieso …«

»Mach es einfach.«

Ich trat aus dem Bach und war sofort todmüde. Meine Arme wurden wieder gefühllos. Der Adrenalinkick verflog. Ich wäre fast hingefallen, aber Annabeth hielt mich fest.

»Ach, beim Styx«, fluchte sie. »Das ist überhaupt nicht gut. Ich wollte nicht … Ich dachte, es wäre Zeus …«

Ehe ich sie fragen konnte, was sie meinte, hörte ich wieder das Hundeknurren, diesmal viel näher als vorhin. Ein Heulen lief durch den Wald.

Sofort verstummte der Jubel der Campbewohner. Chiron rief etwas auf Altgriechisch und mir ging erst später auf, dass ich ihn sehr gut verstanden hatte: »Macht euch bereit! Mein Bogen!«

Annabeth zog ihr Schwert.

Auf den Felsen, unmittelbar über uns, stand ein schwarzer Hund von der Größe eines Rhinozeros, mit lavaroten Augen und Reißzähnen wie Dolchen.

Er schaute direkt auf mich herab.

Niemand bewegte sich. Annabeth schrie: »Percy! Lauf!«

Sie versuchte vor mich zu treten, aber der Hund war zu schnell. Er sprang über sie hinweg – ein riesiger Schatten mit Zähnen –, und als er mich traf, als ich rückwärtstaumelte und spürte, wie seine rasierklingenscharfen Zähne meine Rüstung zerfetzten, hörte ich ein lautes Knistern, als ob vierzig Blatt Papier nacheinander zerrissen würden. Ein Büschel Pfeile ragte aus dem Hals des Hundes. Das Ungeheuer fiel tot vor meine Füße.