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Die Wellen wurden höher, brachen sich am Strand und besprühten mich mit salziger Gischt.

Ich schrie: Aufhören! Hört auf zu kämpfen!

Die Erde bebte. Irgendwo in ihrem Inneren ertönte Gelächter und ich hörte eine so tiefe und gemeine Stimme, dass mein Blut zu Eis gefror.

»Komm runter, kleiner Held«, säuselte die Stimme. »Komm runter.«

Unter mir stob der Sand auf und es öffnete sich ein Spalt, der ins Erdinnere hinunterführte. Meine Füße rutschten ab und die Dunkelheit verschlang mich.

Ich erwachte und war sicher, dass ich noch immer stürzte.

Aber ich lag in meinem Bett in Hütte 3. Mein Körper sagte mir, dass es Morgen sei, aber draußen war es dunkel und Donner rollte über die Hügel. Ein Sturm braute sich zusammen, das hatte ich nicht geträumt.

Ich hörte vor meiner Tür ein klapperndes Geräusch, dann klopfte ein Huf auf die Schwelle.

»Herein.«

Grover trat ein, er sah besorgt aus. »Mr D möchte mit dir sprechen.«

»Warum?«

»Zum Töten von … äh, lass dir das lieber von ihm erzählen.«

Ich zog mich an und folgte Grover; ich war ganz sicher, dass mir richtiger Ärger bevorstand.

Seit Tagen hatte ich schon damit gerechnet, ins Haupthaus gerufen zu werden. Nun, da ich zum Sohn des Poseidon erklärt worden war, eines der Drei Großen Götter, die keine Kinder haben durften, nahm ich an, dass bereits meine bloße Existenz ein Verbrechen war. Die anderen Gottheiten hatten vermutlich diskutiert, wie sie mich am besten bestrafen könnten, und jetzt würde Mr D mir ihr Urteil verkünden.

Über der Meerenge von Long Island sah der Himmel aus wie Tintensuppe, kurz bevor sie den Siedepunkt erreicht. Ein dunstiger Regenvorhang kam auf uns zu. Ich fragte Grover, ob wir einen Regenschirm brauchen würden.

»Nein«, sagte er. »Hier regnet es nur, wenn wir das wollen.«

Ich zeigte auf die Tintensuppe. »Und was ist das da?«

Er schaute nervös zum Himmel hoch. »Das wird an uns vorüberziehen. Das tun Unwetter immer.«

Mir ging auf, dass er Recht hatte. In der ganzen Woche, die ich nun schon hier war, war der Himmel niemals bedeckt gewesen. Die wenigen Regenwolken, die ich gesehen hatte, waren rechts und links am Tal vorübergezogen.

Aber dieser Sturm … der war schon gewaltig.

Auf dem Volleyballgelände lieferten sich die Kinder aus der Apollohütte ihren Morgenkampf mit den Satyrn. Dionysos’ Zwillinge liefen durch die Erdbeerfelder und ließen die Pflanzen wachsen. Alle waren in ihre normalen Beschäftigungen vertieft, wirkten aber angespannt. Sie starrten immer wieder zu den Sturmwolken hinüber.

Grover und ich gingen zu der Veranda vor dem Haupthaus. Dionysos saß in seinem Hawaiihemd mit den Tigerstreifen und seiner Cola light vor seinem Spieltisch wie an meinem ersten Tag. Chiron in seiner Rollstuhlattrappe saß ihm gegenüber. Sie spielten gegen unsichtbare Gegner – zwei Hände voll Karten, die in der Luft schwebten.

»Sieh an, sieh an«, sagte Mr D, ohne aufzuschauen. »Unsere kleine Berühmtheit.«

Ich wartete.

»Tritt näher«, sagte Mr D, »und erwarte jetzt bloß nicht, dass ich mich vor dir zu Boden werfe, Sterblicher, nur, weil der alte Muschelbart dein Vater ist.«

Ein Netz aus Blitzen zerriss die Wolken. Donner rüttelte an den Fenstern im Haus.

»Meck – meck – meck«, sagte Dionysos.

Chiron täuschte Interesse an seinen Spielkarten vor. Grover lungerte vor dem Geländer herum und klapperte nervös mit den Hufen.

»Wenn es nach mir ginge«, sagte Dionysos, »dann würde ich deine Moleküle in Flammen aufgehen lassen. Wir würden die Asche zusammenfegen und hätten uns eine Menge Ärger erspart. Aber Chiron meint offenbar, das wäre ein Verstoß gegen meine Aufgabe in diesem verdammten Camp: euch Bälger sicher und unversehrt durchzubringen.«

»Spontanes Verbrennen ist eine Form der Versehrung, Mr D«, warf Chiron dazwischen.

»Unsinn«, sagte Dionysos. »Der Junge würde doch gar nichts merken. Aber egal, ich hab ja gesagt, dass ich mich zusammennehmen werde. Ich hätte Lust, dich in einen Delfin zu verwandeln und deinem Vater zurückzuschicken.«

»Mr D …«, mahnte Chiron.

»Ja, schon gut«, lenkte Dionysos ein. »Es gibt noch eine andere Möglichkeit. Aber die ist eine tödliche Torheit.« Er erhob sich und die Karten der unsichtbaren Spieler fielen auf den Tisch. »Ich muss zu einer Krisensitzung auf den Olymp. Wenn der Knabe bei meiner Rückkehr immer noch da ist, dann verwandele ich ihn doch in einen Delfin, ist das klar? Und, Perseus Jackson, wenn du auch nur einen Funken Grips hast, dann wirst du einsehen, dass das eine viel vernünftigere Wahl wäre als das, was Chiron mit dir vorhat.«

Dionysos hob eine Spielkarte hoch, drehte sie um und sie verwandelte sich in ein Plastikrechteck. Eine Kreditkarte? Nein, eine Dienstmarke.

Er schnippte mit den Fingern.

Die Luft schien sich um ihn zu falten und sich über ihn zu beugen. Er wurde zu einem Hologramm, dann zu einem Wind, dann war er verschwunden und hinterließ nur den Duft von frisch gepressten Trauben.

Chiron lächelte mich an, sah aber müde und überanstrengt aus. »Setz dich, Percy, bitte. Und Grover auch.«

Das taten wir.

Chiron legte seine Karten auf den Tisch, lauter Trümpfe, die er nicht hatte ausspielen können.

»Nun, Percy«, sagte er, »wie erklärst du dir die Sache mit dem Höllenhund?«

Schon bei dem Wort bekam ich eine Gänsehaut.

Chiron wollte sicher gern etwas hören wie: Ach, interessiert mich nicht. Höllenhunde schmier ich mir doch aufs Frühstücksbrot. Aber ich wollte nicht lügen.

»Er hat mir Angst gemacht«, sagte ich. »Wenn Sie ihn nicht erschossen hätten, wäre ich jetzt tot.«

»Dir werden noch schlimmere Dinge begegnen, Percy. Viel schlimmere, ehe du fertig bist.«

»Fertig … womit?«

»Mit deiner Aufgabe natürlich. Wirst du sie annehmen?«

Ich schaute zu Grover hinüber, der Daumen drückte.

»Hm, Sir«, sagte ich. »Sie haben mir noch nicht gesagt, wie diese Aufgabe aussieht.«

Donner rollte über das Tal. Die Sturmwolken hatten jetzt den Strand erreicht. Ich hatte den Eindruck, dass Himmel und See zusammen hochkochten.

»Poseidon und Zeus«, sagte ich. »Sie kämpfen um etwas Wertvolles … etwas, das gestohlen worden ist, oder?«

Chiron und Grover tauschten einen Blick.

Chiron beugte sich in seinem Rollstuhl vor. »Woher weißt du das?«

Mein Gesicht glühte. Ich wünschte, ich hätte den Mund gehalten. »Seit Weihnachten ist das Wetter so seltsam, als ob Meer und Himmel miteinander kämpfen. Ich habe mit Annabeth gesprochen und sie hat etwas von einem Diebstahl aufgeschnappt. Und … ich habe eben auch Träume.«

»Ich hab’s ja gewusst«, sagte Grover.

»Still, Satyr«, befahl Chiron.

»Aber das ist seine Aufgabe.« Grovers Augen leuchteten vor Aufregung. »So muss es sein!«

»Das kann nur das Orakel entscheiden.« Chiron strich sich den struppigen Bart. »Aber wie auch immer, Percy, du hast Recht. Dein Vater und Zeus sind schlimmer aneinandergeraten als seit Jahrhunderten. Sie kämpfen um einen Wertgegenstand, der gestohlen worden ist. Um genau zu sein: um einen Blitzstrahl.«

Ich lachte nervös. »Um was?«

»Nimm das nicht auf die leichte Schulter«, mahnte Chiron. »Ich rede hier nicht von einem mit Alufolie beklebten Zickzackdings aus dem Schultheater. Ich rede von einem sechzig Zentimeter langen Zylinder aus hochwertiger himmlischer Bronze, der an beiden Seiten mit Sprengstoff auf Götterniveau verschlossen ist.«

»Ach.«

»Zeus’ Herrscherblitz«, fügte Chiron hinzu. Er redete sich langsam in Rage. »Das Symbol seiner Macht, dem alle anderen Blitze nachgebildet sind. Die erste Waffe, die die Zyklopen für den Krieg gegen die Titanen geschmiedet hatten, der Blitzstrahl, der den Gipfel des Ätna gekappt und Kronos vom Thron geworfen hat, der Herrscherblitz, in dem eine Kraft steckt, die Wasserstoffbomben der Sterblichen wie Chinaböller wirken lässt.«