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»Und der ist verschwunden?«

»Er wurde gestohlen«, sagte Chiron.

»Von wen?«

»Von wem«, korrigierte Chiron. Einmal Lehrer, immer Lehrer. »Von dir.«

Mir klappte das Kinn runter.

»Jedenfalls«, Chiron hob eine Hand, »glaubt Zeus das. Zur Wintersonnenwende, beim letzten Götterrat, sind Zeus und Poseidon aneinandergeraten. Über den üblichen Quatsch: ›Mutter Rhea hat immer dich vorgezogen … Sturmkatastrophen machen mehr her als Seekatastrophen …‹ und so weiter. Danach merkte Zeus dann, dass sein Herrscherblitz verschwunden war, er war vor seiner Nase aus dem Thronsaal gestohlen worden. Sofort machte er Poseidon Vorwürfe. Allerdings darf ein Gott nicht selbst das Machtsymbol eines anderen an sich reißen – das verbietet das älteste aller göttlichen Gesetze. Aber Zeus glaubt, dass dein Vater einen menschlichen Helden überredet hat, das zu tun.«

»Aber ich habe doch nicht …«

»Hab Geduld und hör zu, Kind«, sagte Chiron. »Zeus hat guten Grund für sein Misstrauen. Die Schmieden der Zyklopen liegen auf dem Meeresgrund, und deshalb hat Poseidon einen gewissen Einfluss auf die Leute, die die Blitze seines Bruders herstellen. Zeus glaubt, dass Poseidon den Herrscherblitz an sich gerissen hat und jetzt in aller Heimlichkeit von den Zyklopen einen Vorrat an Raubkopien herstellen lässt, mit denen er vielleicht Zeus vom Thron stürzen will. Das Einzige, was Zeus nicht wusste, war, welcher Held für Poseidon den Blitz gestohlen hat. Jetzt hat Poseidon dich offiziell als seinen Sohn anerkannt. Du warst in den Weihnachtsferien in New York. Du hättest dich mit Leichtigkeit auf den Olymp schleichen können. Zeus glaubt, dass er seinen Dieb gefunden hat.«

»Aber ich war doch nie in meinem Leben auf dem Olymp. Zeus spinnt!«

Chiron und Grover schauten nervös zum Himmel hoch. Die Wolken schienen sich nicht über uns teilen zu wollen, wie Grover das versprochen hatte. Sie zogen sich über unserem Tal zusammen und riegelten es ab, wie ein Sargdeckel.

»Äh, Percy …?«, sagte Grover. »Wir benutzen solche Wörter nicht, wenn es um den Herrn des Himmels geht.«

»Paranoid könntest du ihn vielleicht nennen«, schlug Chiron vor. »Aber andererseits wäre es nicht Poseidons erster Versuch, Zeus zu entmachten. Ich glaube, das war Frage 38 in deiner letzten Klausur …« Er sah mich an, als erwarte er wirklich, dass ich mich an Frage 38 erinnern könnte.

Wie konnte irgendwer mir unterstellen, die Waffe eines Gottes gestohlen zu haben? Ich konnte ja nicht einmal bei Gabes Pokerrunden ein Stück Pizza klauen, ohne erwischt zu werden. Chiron wartete auf eine Antwort.

»War das etwas mit einem goldenen Netz?«, riet ich. »Poseidon und Hera und einige andere Gottheiten … die haben Zeus sozusagen gefangen genommen und wollten ihn erst wieder freilassen, wenn er versprochen hätte, ein besserer Herrscher zu werden, oder?«

»Richtig«, sagte Chiron. »Und Zeus hat Poseidon seither immer misstraut. Natürlich leugnet Poseidon, dass er den Herrscherblitz gestohlen hat. Er war überaus beleidigt über diesen Vorwurf. Die beiden streiten sich schon seit Monaten und drohen mit Krieg. Und jetzt bist du aufgetaucht – sozusagen als der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.«

»Aber ich bin doch noch ein Kind!«

»Percy«, schaltete Grover sich ein. »Wenn du Zeus wärst und glauben würdest, dass dein Bruder Intrigen spinnt, um dich zu entmachten, und wenn dein Bruder dann plötzlich zugeben müsste, dass er den heiligen Eid gebrochen hat, den er nach dem Zweiten Weltkrieg abgelegt hat, und dass er einen neuen Sterblichen gezeugt hat, der sich vielleicht als Waffe gegen dich einsetzen lässt … würde dir das nicht auch die Petersilie verhageln?«

»Aber ich habe doch nichts getan! Poseidon – mein Vater –, der hat diesen Herrscherblitz doch gar nicht stehlen lassen, oder?«

Chiron seufzte. »Die meisten vernünftigen Beobachter würden zustimmen, dass Diebstahl nicht gerade Poseidons Art ist. Aber der Meeresgott ist zu stolz, um Zeus davon zu überzeugen. Zeus hat verlangt, dass Poseidon den Blitz bis zur Sommersonnenwende zurückbringt. Also bis zum 21. Juni, in zehn Tagen. Poseidon verlangt bis dahin eine Entschuldigung dafür, dass er als Dieb bezeichnet worden ist. Ich hatte gehofft, dass sich die Sache mit Diplomatie lösen ließe, dass Hera oder Demeter oder Hestia die beiden Brüder zur Vernunft bringen würden. Aber dein Auftauchen hat Zeus wieder in Zorn versetzt. Und jetzt will keiner von beiden nachgeben. Falls also nicht irgendwer eingreift, falls der Herrscherblitz nicht gefunden und vor der Sonnenwende zu Zeus zurückgebracht wird, dann gibt es Krieg. Und kannst du dir vorstellen, wie ein solcher Krieg aussehen würde, Percy?«

»Schlimm?«, fragte ich.

»Stell dir eine ins Chaos gestürzte Welt vor. Natur, die gegen sich selber kämpft. Gottheiten, die sich zwischen Zeus und Poseidon entscheiden müssen. Vernichtung. Blutbäder. Millionen von Toten. Die abendländische Zivilisation verwandelt sich in ein Schlachtfeld, so groß, dass der Trojanische Krieg sich dagegen ausnimmt wie eine Kissenschlacht.«

»Schlimm«, sagte ich noch einmal.

»Und du, Percy Jackson, würdest Zeus’ Zorn als Erster zu spüren bekommen.«

Es fing an zu regnen. Die Volleyballspielenden unterbrachen ihre Partie und starrten verdutzt zum Himmel hoch.

Ich hatte diesen Sturm nach Half-Blood Hill geholt. Zeus bestrafte meinetwegen das gesamte Camp. Ich war wütend.

»Also muss ich diesen blöden Blitz finden«, sagte ich. »Und zu Zeus zurückbringen.«

»Welche bessere Friedensgabe könnte es geben«, sagte Chiron, »als dass Poseidons Sohn Zeus sein Eigentum zurückbringt?«

»Aber wenn Poseidon das Ding nicht hat, wo steckt es dann?«

»Ich glaube, ich weiß es.« Chiron machte ein düsteres Gesicht. »Das ist Teil einer Weissagung vor einigen Jahren … also, einige der Zeilen ergeben jetzt für mich einen Sinn. Aber ehe ich mehr sagen kann, musst du ganz offiziell die Aufgabe auf dich nehmen. Du musst den Rat des Orakels einholen.«

»Warum kannst du mir nicht vorher sagen, wo der Blitz steckt?«

»Weil du dann zu große Angst haben würdest, die Herausforderung anzunehmen.«

Ich schluckte. »Klingt überzeugend.«

»Du nimmst also an?«

Ich sah Grover an und der nickte ermutigend.

Er hatte gut reden. Ich war schließlich derjenige, den Zeus umbringen wollte.

»Na gut«, sagte ich. »Immer noch besser, als in einen Delfin verwandelt zu werden.«

»Dann solltest du jetzt das Orakel befragen«, sagte Chiron. »Geh nach oben, Percy Jackson, in die Mansarde. Wenn du wieder runterkommst und dann noch bei Verstand bist, reden wir weiter.«

Vier Treppen führten zu einer grünen Falltür.

Ich zog am Seil. Die Tür öffnete sich und eine grüne Leiter fiel klappernd heraus.

Die warme Luft oben roch nach Schimmel und faulem Holz und nach etwas anderem … ein Geruch, an den ich mich aus dem Biologieunterricht erinnern konnte. Reptilien. Der Gestank von Schlangen.

Ich hielt den Atem an und kletterte nach oben.

Auf dem Dachboden wimmelte es nur so von griechischem Heldenmülclass="underline" Mit Spinngewebe überzogene Gestelle für Rüstungen standen herum, ehemals funkelnde und jetzt von Rost zerfressene Schilde, alte lederne Seekisten, übersät mit Aufklebern von Ithaka, Circes Insel, dem Land der Amazonen. Ein langer Tisch war bedeckt mit Gläsern voller eingelegter Dinge – abgetrennte haarige Krallen, riesige gelbe Augen und andere Körperteile von Monstern. Eine eingestaubte, an der Wand angebrachte Trophäe sah aus wie ein riesiger Schlangenkopf, hatte jedoch Hörner und ein Haifischgebiss. Auf dem Schild darunter stand: Hydrakopf # 1, Woodstock, NY, 1969.

Vor dem Fenster saß auf einem hölzernen Dreifuß das Grausigste von allem: eine Mumie. Es war nicht die mit Binden umwickelte Sorte, sondern ein winzig klein geschrumpfter Frauenkörper. Sie trug ein Sommerkleid mit Batikmuster, jede Menge Ketten aus bunten Perlen und um ihre langen schwarzen Haare ein Stirnband. Ihre Gesichtshaut spannte sich dünn und ledern um ihren Schädel und ihre Augen waren glasige weiße Spalten, so als seien die echten Augen durch Murmeln ersetzt worden. Sie war schon sehr, sehr lange tot.