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Bei ihrem Anblick liefen mir kalte Schauer über den Rücken. Und zwar noch ehe sie sich auf ihrem Stuhl gerade gesetzt und den Mund aufgemacht hatte. Grüner Nebel quoll aus ihrem Mund und rollte und wogte über den Boden, wobei er zischte wie zwanzigtausend Schlangen. Ich fiel über meine eigenen Füße, als ich versuchte, die Falltür zu erreichen, aber die knallte zu. In meinem Kopf hörte ich eine Stimme, sie glitt in mein Ohr hinein und wickelte sich dann um mein Gehirn: Ich bin der Geist von Delphi, die Stimme der Weissagungen des Phoebus Apollo, der den mächtigen Python erschlagen hat. Tritt näher, Suchender, und frage.

Ich hätte gern gesagt: Nein, ’tschuldigung, hab mich in der Tür geirrt, wollte nur zur Toilette. Aber ich zwang mich dazu, tief Luft zu holen.

Die Mumie lebte nicht. Sie war eine Art schreckliches Gefäß für etwas anderes, für die Kraft, die jetzt in dem grünen Nebel um mich herumwirbelte. Aber ihre Anwesenheit kam mir nicht gefährlich vor, nicht wie die meiner dämonischen Mathelehrerin Mrs Dodds oder des Minotaurus. Sie kam mir eher vor wie die drei Moiren, die vor der Obstbude auf dem Highway ihr Garn verstrickt hatten. Uralt, mächtig und eindeutig nicht menschlich. Aber auch nicht sonderlich interessiert an meinem Tod.

Ich brachte den Mut auf zu fragen: »Was ist mein Schicksal?«

Der Nebel wurde noch dicker und schloss sich vor mir um den Tisch mit den eingemachten Monsterteilen. Plötzlich saßen an diesem Tisch vier Karten spielende Männer. Ihre Gesichter wurden deutlicher. Es waren Gabe der Stinker und seine Kumpel.

Ich ballte die Fäuste, obwohl ich wusste, dass es keine echte Pokerpartie sein konnte. Es war eine Illusion, aus dem Nebel erschaffen.

Gabe drehte sich zu mir um und sagte mit der schnarrenden Stimme des Orakels: Du gehst gen Westen, zu dem Gott, der sich gewendet.

Sein Kumpel zur Rechten schaute hoch und sagte mit derselben Stimme: Das, was gestohlen, legst du in die richt’gen Hände.

Der Typ links warf zwei Karten ab. Ein Freund begeht an dir Verrat, der bitter schmerzt.

Und schließlich lieferte Eddie, unser Hausmeister, die schlimmste Zeile: Und du versagst just dort, wo es betrifft dein Herz.

Dann lösten die Gestalten sich wieder auf. Zuerst war ich zu verblüfft, um überhaupt etwas zu sagen, doch als der Nebel sich zurückzog, zu einer langen grünen Schlange wurde und wieder in den Mund der Mumie glitt, rief ich: »Warte! Wie meinst du das? Was für ein Freund? Und wobei werde ich versagen?«

Der Schwanz der Schlange verschwand im Mumienmund. Die Mumie lehnte sich wieder an die Wand. Sie presste die Lippen aufeinander, als seien sie seit hundert Jahren nicht mehr geöffnet worden. Der Dachboden war wieder stumm, verlassen, nichts als ein Raum voller Erinnerungsstücke.

Ich hatte das Gefühl, dass ich hier stehen bleiben könnte, bis auch ich von Spinngeweben eingehüllt würde, ohne dabei noch mehr zu erfahren.

Mein Audienz beim Orakel war zu Ende.

»Na?«, fragte Chiron.

Ich ließ mich am Spieltisch in einen Sessel fallen. »Sie hat gesagt, dass ich das Gestohlene zurückholen werde.«

Grover beugte sich vor und kaute aufgeregt auf den Überresten einer Coladose herum. »Das ist doch toll!«

»Was genau hat das Orakel gesagt?«, drängte Chiron. »Das ist wichtig.«

In meinen Ohren hallte noch immer die Reptilienstimme wider. »Sie … sie hat gesagt, dass ich nach Westen gehen werde, zu einem Gott, der sich gewendet hat. Und dass ich das Gestohlene finde und sicher zurückbringe.«

»Ich hab’s ja gewusst«, sagte Grover.

Chiron schien nicht zufrieden zu sein.

»Sonst noch was?«

Ich wollte es ihm nicht sagen.

Welcher Freund würde mich verraten? Besonders viele hatte ich schließlich nicht.

Und die letzte Zeile – da, wo es mein Herz betraf, würde ich versagen. Was war das nur für ein Orakel, das mich ausziehen ließ, um eine Aufgabe zu erfüllen, und das dann sagte: »Ach, übrigens, du wirst versagen«?

Wie hätte ich das zugeben können?

»Nein«, sagte ich. »Das war es so ungefähr.«

Er musterte mein Gesicht. »Na gut, Percy. Aber du musst wissen: Die Worte des Orakels haben meistens mehrere Bedeutungen. Zerbrich dir nicht zu sehr den Kopf darüber. Die Wahrheit tritt oft erst im Laufe der Ereignisse klar hervor.«

Ich hatte das Gefühl, dass er wusste, dass ich ihm etwas Schlimmes verschwieg, und dass er mich trösten wollte.

»Na gut«, sagte ich, denn ich wollte dringend das Thema wechseln. »Aber wohin gehe ich jetzt? Wer ist der Gott im Westen?«

»Ach, denk doch mal nach, Percy«, sagte Chiron. »Wenn Zeus und Poseidon sich einander in einem Krieg schwächen, wer profitiert dann davon?«

»Irgendwer, der dann die Herrschaft übernehmen will?«, tippte ich.

»Ja, genau. Irgendwer, der ihnen grollt, der mit seinem Geschick hadert, seit vor Äonen die Welt aufgeteilt wurde, dessen Königreich durch den Tod von Millionen viel mächtiger werden würde. Jemand, der seine Brüder hasst, weil sie ihm den Eid aufgezwungen haben, keine Kinder mehr zu zeugen, einen Eid, den beide inzwischen gebrochen haben.«

Ich dachte an meine Träume, an die boshafte Stimme, die aus dem Erdinneren zu mir gesprochen hatte. »Hades.«

Chiron nickte. »Der Herr der Toten ist die einzige Möglichkeit.«

Aus Grovers Mund fiel ein Stück Aluminium. »He, Moment mal. W-was?«

»Eine Furie war hinter Percy her«, erinnerte Chiron ihn. »Sie hat ihn beobachtet, bis sie sich seiner Identität sicher war, dann hat sie versucht ihn umzubringen. Und Furien gehorchen nur einem Herrn: Hades.«

»Ja, aber – aber Hades hasst alle Helden«, warf Grover ein. »Vor allem, wenn er herausgefunden hat, dass Percy ein Sohn von Poseidon ist …«

»Ein Höllenhund ist in den Wald eingedrungen«, sagte Chiron ungerührt. »Und Höllenhunde können nur aus dem Hades geholt werden, und zwar von jemandem, der sich im Camp aufhält. Hades muss hier also einen Spion haben. Er muss annehmen, dass Poseidon versuchen wird, Percy zu benutzen, um seinen Namen reinzuwaschen. Hades würde dieses junge Halbblut also sehr gern umbringen, ehe Percy sich an die Aufgabe machen kann.«

»Klasse«, murmelte ich. »Dann wollen mich jetzt schon zwei Obergötter umbringen.«

»Aber eine Aufgabe dieser Art …« Grover schluckte. »Ich meine, könnte der Herrscherblitz nicht auch zum Beispiel nach Maine gebracht worden sein? In Maine ist es sehr nett um diese Jahreszeit.«

»Hades hat einen seiner Anhänger geschickt, um den Herrscherblitz zu stehlen«, widersprach Chiron. »Er hat ihn in der Unterwelt versteckt, weil er nur zu gut weiß, dass Zeus Poseidon verantwortlich machen wird. Ich will nicht behaupten, dass ich die Motive des Herrn der Toten so ganz verstehe oder weiß, warum er ausgerechnet jetzt einen Krieg vom Zaun brechen will, aber eins steht fest: Percy muss in die Unterwelt gehen, den Herrscherblitz holen und die Wahrheit ans Licht bringen.«

In meinem Bauch brannte ein seltsames Feuer. Und das Komische war: Angst war das nicht. Sondern Ungeduld. Und Rachedurst. Hades hatte bisher dreimal versucht mich umzubringen, durch die Furie, den Minotaurus und den Höllenhund. Er war daran schuld, dass meine Mutter in einer Kugel aus Licht verschwunden war. Jetzt wollte er mir und meinem Vater einen Diebstahl in die Schuhe schieben, den wir nicht begangen hatten.

Ich war bereit, es mit ihm aufzunehmen.

Und außerdem, wenn meine Mutter sich in der Unterwelt aufhielt …

Mensch, überleg doch mal, sagte der kleine Teil meines Gehirns, der noch bei Verstand war. Du bist ein Kind. Hades ist ein Gott.