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Ich murmelte etwas von größere Mühe geben, während Mr Brunner einen langen, traurigen Blick auf die Stele warf, als ob er bei der Beerdigung des Mädchens zugegen gewesen wäre.

Dann sagte er, ich sollte nach draußen gehen und meinen Sandwich essen.

Die Klasse hatte sich auf der Vordertreppe des Museums versammelt, wo wir den Verkehr auf der Fifth Avenue beobachten konnten.

Über uns braute sich ein gewaltiger Sturm zusammen, mit schwärzeren Wolken, als ich das jemals in der Stadt gesehen hatte. Ich nahm an, das lag an der Klimakatastrophe, denn im ganzen Staat New York war das Wetter seit Weihnachten schon komisch gewesen. Wir hatten heftige Schneestürme gehabt, Überschwemmungen und Lauffeuer, die durch Blitzeinschläge entstanden waren. Es hätte mich nicht im Geringsten überrascht, wenn hier ein Hurrikan heraufgezogen wäre.

Die anderen schienen nichts davon zu bemerken. Die Jungs bewarfen die Tauben mit Salzkräckern. Nancy Bobofit versuchte, etwas aus der Handtasche einer vorübergehenden Frau zu klauen, und Mrs Dodds kriegte natürlich rein gar nichts mit.

Grover und ich setzten uns auf den Brunnenrand, weit weg von den anderen. Wir dachten, dann würde vielleicht nicht alle Welt wissen, dass wir auf diese Schule gingen – die Schule für Versager, die nirgendwo anders zurechtkamen.

»Nachsitzen?«, fragte Grover.

»Nö«, sagte ich. »Das macht der Brunner doch nicht. Aber ich wünschte, er könnte mich mal in Ruhe lassen. Ich bin eben kein Genie.«

Grover schwieg eine Weile. Dann, als ich schon mit einem tiefsinnigen philosophischen Kommentar rechnete, der meine Laune verbessern sollte, fragte er: »Kann ich deinen Apfel haben?«

Ich hatte keinen besonderen Appetit, deshalb gab ich ihn ihm.

Ich sah mir die vielen Taxis auf der Fifth Avenue an und dachte an die Wohnung meiner Mom, die gar nicht weit entfernt lag. Ich hatte Mom seit Weihnachten nicht mehr gesehen. Ich hätte mich am liebsten in ein Taxi gesetzt, um nach Hause zu fahren. Mom hätte mich umarmt und sich gefreut, mich zu sehen, aber sie wäre auch enttäuscht gewesen. Sie hätte mich sofort nach Yancy zurückgeschickt und mich daran erinnert, dass ich mir größere Mühe geben müsste, dass das hier meine sechste Schule in sechs Jahren war und dass ich vermutlich wieder fliegen würde. Ich würde ihren traurigen Blick nicht ertragen.

Mr Brunner hielt in seinem Rollstuhl unten vor der Rollstuhlrampe. Er aß Sellerie und las in einem Taschenbuch. Ein roter Regenschirm ragte hinten aus seinem Stuhl auf und dadurch sah der Stuhl aus wie ein motorisierter Cafétisch.

Ich wollte gerade mein Butterbrot auspacken, als Nancy Bobofit mit ihren hässlichen Freundinnen vor mir auftauchte – sie hatte es wohl satt, Touristinnen zu beklauen – und die Reste ihres Proviants in Grovers Schoß fallen ließ.

»Huch.« Sie grinste mich an und zeigte dabei ihre schiefen Zähne. Ihre Sommersprossen waren so orange, als ob jemand ihr Gesicht mit flüssigen Cheetos besprüht hätte.

Ich versuchte, ganz cool zu bleiben. Das hatte der Schulpsychologe mir eine Million Mal geraten. »Zähl bis zehn, dann kriegst du deine Wut in den Griff.« Aber ich war so wütend, dass ich nicht mehr denken konnte. In meinen Ohren schien eine Welle zu brausen.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich sie angefasst habe, aber plötzlich saß Nancy im Brunnen auf ihrem Hintern und kreischte: »Percy hat mich geschubst!«

Sofort stand Mrs Dodds neben uns.

Ein paar von den anderen flüsterten: »Habt ihr gesehen …«

»… das Wasser …«

»… als ob es sie gepackt hätte …«

Ich hatte keine Ahnung, wovon sie redeten. Ich wusste nur, dass ich jetzt neuen Ärger hatte.

Kaum hatte Mrs Dodds sich davon überzeugt, dass die arme kleine Nancy nicht verletzt war, und ihr versprochen, ihr im Museumsladen ein neues Hemd zu kaufen und überhaupt und so weiter, machte sie sich über mich her. In ihren Augen brannte ein triumphierendes Feuer, als ob ich etwas getan hätte, auf das sie schon das ganze Schuljahr wartete. »So, mein Herzchen …«

»Ich weiß«, knurrte ich. »Einen Monat Bücher radieren.«

Das war nicht die passende Antwort.

»Komm mit«, sagte Mrs Dodds.

»Halt«, schrie Grover. »Ich war das. Ich hab sie geschubst.«

Ich starrte ihn verblüfft an. Ich konnte es nicht fassen, dass er versuchte mich zu retten. Grover hatte eine Sterbensangst vor Mrs Dodds.

Sie starrte ihn so wütend an, dass seine flaumigen Wangen zitterten.

»Das glaube ich nicht, Mr Underwood«, sagte sie.

»Aber …«

»Sie – bleiben – hier!«

Grover sah mich verzweifelt an.

»Schon gut, Mann«, sagte ich zu ihm. »Danke, dass du’s versucht hast.«

»Herzchen«, bellte Mrs Dodds mich an. »Sofort!«

Nancy Bobofit feixte.

Ich verpasste ihr mein Dich-bring-ich-nachher-um-Glotzen. Dann drehte ich mich zu Mrs Dodds um, aber die war nicht da. Sie stand vor dem Museumseingang, ganz oben auf der Treppe, und winkte mir ungeduldig zu.

Wie war sie da so schnell hingekommen?

Ich habe oft solche Momente, in denen mein Gehirn einschläft oder so was, und als Nächstes weiß ich dann, dass ich etwas verpasst habe – als sei ein Puzzlestück aus dem Universum gefallen und ich könne nur noch die leere Stelle dahinter anstarren. Der Schulpsychologe hat mir gesagt, dass das mit ADHD zu tun hat. Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Desaster. Mein Gehirn deutet alles Mögliche falsch.

Ich bin mir da nicht so sicher.

Ich lief hinter Mrs Dodds her.

Auf halber Höhe der Treppe drehte ich mich zu Grover um. Er sah blass aus und sein Blick jagte zwischen mir und Mr Brunner hin und her, als wolle er Mr Brunner darauf aufmerksam machen, was hier passierte. Aber Mr Brunner war in seinen Roman vertieft.

Ich schaute nach oben. Mrs Dodds war schon wieder verschwunden. Jetzt stand sie im Museum, hinten in der Eingangshalle.

Na gut, dachte ich. Bestimmt muss ich jetzt im Laden für Nancy ein neues Hemd kaufen.

Aber das hatte Mrs Dodds dann offenbar doch nicht vor.

Ich folgte ihr weiter ins Museum hinein. Als ich sie endlich eingeholt hatte, befanden wir uns wieder in der griechisch-römischen Abteilung.

Außer uns war niemand dort.

Mrs Dodds stand mit verschränkten Armen vor einem großen Marmorfries, der die griechischen Gottheiten darstellte. Sie stieß ein seltsam kehliges Geräusch aus, wie ein Knurren.

Auch ohne dieses Geräusch wäre ich nervös geworden. Es ist komisch, mit einem Lehrer oder einer Lehrerin allein zu sein, und das gilt vor allem für Mrs Dodds. Sie starrte den Fries auf eine so seltsame Weise an, als wollte sie ihn mit ihren Blicken zu Staub zermahlen …

»Du machst uns wirklich Probleme, Herzchen«, sagte sie.

Ich ging auf Nummer sicher. Ich sagte: »Ja, Ma’am.«

Sie zupfte an den Ärmeln ihrer Lederjacke. »Hast du wirklich gedacht, du würdest damit durchkommen?«

Ihr Blick war jetzt mehr als nur böse. Er war verrückt.

Sie ist eine Lehrerin, dachte ich nervös. Natürlich wird sie mir nichts tun.

Ich sagte: »Ich … ich werde mir noch größere Mühe geben, Ma’am.«

Donnerschläge ließen das Gebäude erbeben.

»Wir sind keine Trottel, Percy Jackson«, sagte Mrs Dodds. »Es war nur eine Frage der Zeit, bis wir dich finden würden. Gib alles zu und du wirst nicht so sehr leiden müssen.«

Ich wusste nicht, wovon sie redete.

Alles, was mir einfiel, war, dass die Lehrer offenbar herausgefunden hatten, dass ich in meinem Zimmer einen illegalen Süßigkeitenhandel betrieb. Vielleicht wussten sie auch, dass ich meinen Aufsatz über Tom Sawyer aus dem Internet abgeschrieben und das Buch nie gelesen hatte, und jetzt wollten sie mir eine schlechtere Note geben. Oder, schlimmer noch, mich zwingen es zu lesen.

»Na?«, fragte sie gebieterisch.

»Ma’am, ich weiß nicht …«

»Deine Zeit ist um«, fauchte sie und ihre Augen glühten wie Grillkohlen. Ihre Finger wurden länger und verwandelten sich in Krallen. Ihre Jacke zerschmolz zu großen, lederartigen Flügeln. Sie war kein Mensch. Sie war eine runzlige Hexe mit Fledermausflügeln und Krallen und einem Maul voller gelber Hauzähne und sie wollte mich in Fetzen reißen.