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Grover zitterte. Inzwischen fraß er Spielkarten, als wären es Kartoffelchips.

Der arme Kerl musste mit mir den Auftrag ausführen, um seine Suchlizenz zu erhalten, was immer das sein mochte. Aber wie konnte ich ihn dazu auffordern mitzukommen, wenn doch das Orakel schon gesagt hatte, dass ich versagen würde? Das wäre ja Selbstmord.

»Aber wenn wir doch wissen, dass es Hades war«, sagte ich zu Chiron, »warum können wir das den anderen Göttern nicht einfach sagen? Dann könnten Zeus oder Poseidon selbst in die Unterwelt gehen und ein paar Köpfe einschlagen.«

»Vermuten und wissen ist nicht dasselbe«, sagte Chiron. »Und selbst, wenn die übrigen Gottheiten Hades in Verdacht haben – und ich glaube, dass das bei Poseidon der Fall ist –, dann können sie den Blitz trotzdem nicht selbst zurückholen. Götter können nur auf persönliche Einladung hin das Territorium eines anderen Gottes betreten. Auch das ist eine uralte Regel. Helden dagegen besitzen bestimmte Privilegien. Sie können überallhin, sie können herausfordern, wen sie wollen, wenn sie nur kühn und stark genug sind. Kein Gott kann für die Taten eines Helden verantwortlich gemacht werden. Warum, glaubst du, lassen die Gottheiten immer Menschen für sich handeln?«

»Sie sagen also, dass ich benutzt werde.«

»Ich sage, es ist kein Zufall, dass Poseidon sich gerade jetzt zu dir bekannt hat. Es ist ein ziemlich riskantes Manöver, aber er befindet sich in einer verzweifelten Lage. Er braucht dich.«

Mein Vater brauchte mich.

In mir kullerten die Gefühle durcheinander wie Glasstückchen in einem Kaleidoskop. Ich wusste nicht, ob ich sauer sein sollte oder dankbar oder glücklich oder wütend. Zwölf Jahre lang hatte Poseidon mich ignoriert. Und jetzt brauchte er mich plötzlich.

Ich sah Chiron an. »Sie haben die ganze Zeit gewusst, dass ich Poseidons Sohn bin, oder?«

»Ich hatte so meinen Verdacht. Wie gesagt … auch ich habe mit dem Orakel gesprochen.«

Ich hatte das Gefühl, dass er mir einiges verschwieg, was diese Weissagung anging, aber ich beschloss, mir im Moment darüber nicht den Kopf zu zerbrechen. Schließlich hatte ich ihm auch nicht alles gesagt.

»Also, im Klartext«, sagte ich. »Ich soll in die Unterwelt gehen und den Herrn der Toten zur Rede stellen.«

»Genau«, sagte Chiron.

»Die mächtigste Waffe des Universums finden.«

»Genau.«

»Und sie rechtzeitig vor der Sommersonnenwende in zehn Tagen auf dem Olymp abliefern.«

»So in etwa.«

Ich schaute Grover an, der gerade ein Herz-Ass hinunterwürgte.

»Hab ich schon erwähnt, dass Maine um diese Jahreszeit sehr schön ist?«, fragte er verzweifelt.

»Du musst nicht mitkommen«, sagte ich. »Das kann ich nicht von dir verlangen.«

»Ach …« Er scharrte mit den Hufen. »Nein … es ist bloß, weißt du, Satyrn und unterirdische Orte … na ja …«

Er holte tief Luft, dann erhob er sich und wischte sich Spielkartenreste und Aluminiumstücke vom T-Shirt. »Du hast mir das Leben gerettet, Percy. Wenn … wenn du mich wirklich dabeihaben willst, dann werde ich dich nicht im Stich lassen.«

Ich war so erleichtert, dass ich am liebsten geweint hätte, obwohl das wohl nicht gerade heroisch gewesen wäre. Grover war der einzige Freund, den ich länger als zwei Monate gehabt hatte. Ich wusste nicht so recht, was ein Satyr gegen die Mächte des Todes ausrichten könnte, aber es war mir doch ein Trost, dass Grover mitkommen würde.

»Große Klasse, G-Man.« Dann wandte ich mich an Chiron. »Wohin gehen wir also? Das Orakel hat vom Westen gesprochen.«

»Der Eingang zur Unterwelt liegt immer im Westen. Er wandert im Laufe der Zeitalter, wie der Olymp. Im Moment liegt er also in den USA.«

»Und wo genau?«

Chiron machte ein überraschtes Gesicht. »Ich hatte gedacht, das sei ja wohl selbstverständlich. Der Eingang zur Unterwelt befindet sich in Los Angeles.«

»Ach«, sagte ich. »Natürlich. Also setzen wir uns einfach in ein Flugzeug …«

»Nein!«, kreischte Grover. »Percy, was redest du da? Bist du überhaupt schon einmal geflogen?«

Ich schüttelte verlegen den Kopf. Meine Mom hatte immer gesagt, wir könnten uns das nicht leisten. Außerdem waren ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen.

»Percy, überleg doch mal«, sagte Chiron. »Du bist der Sohn des Meeresgottes. Der erbittertste Rivale deines Vaters ist Zeus, der Herr des Himmels. Deine Mutter war schlau genug, dich nie einem Flugzeug anzuvertrauen. Damit würdest du dich in Zeus’ Gefilden aufhalten. Du würdest nie im Leben lebendig wieder nach unten kommen.«

Über uns zischten Blitze. Der Donner grollte.

»Na gut«, sagte ich, entschlossen, den Sturm keines Blickes zu würdigen. »Also auf dem Landweg.«

»Richtig«, sagte Chiron. »Und du kannst zwei Begleiter mitnehmen. Grover ist der eine. Eine mögliche Begleiterin hat sich bereits angeboten, wenn du bereit bist, ihre Hilfe zu akzeptieren.«

»Meine Güte«, sagte ich. »Wer könnte denn blöd genug sein, sich freiwillig zu so einem Einsatz zu melden?«

Die Luft hinter Chiron schimmerte.

Annabeth wurde sichtbar und stopfte ihre Yankees-Mütze in die Hosentasche.

»Ich warte schon sehr lange auf einen Auftrag, Algenhirn«, sagte sie. »Athene ist kein Fan von Poseidon, aber wenn du schon die Welt retten willst, dann kann ich bestimmt am ehesten verhindern, dass du ein Chaos anrichtest.«

»Wenn du meinst«, sagte ich. »Ich nehme an, du hast schon einen Plan, Neunmalklug?«

Ihre Wangen färbten sich. »Willst du meine Hilfe nun oder nicht?«

Tatsache war, ich wollte. Ich brauchte alle Hilfe, die ich kriegen konnte.

»Ein Trio«, sagte ich. »Das muss doch klappen.«

»Hervorragend«, meinte Chiron. »Heute Nachmittag können wir euch zum Busbahnhof in Manhattan bringen. Danach müsst ihr selber sehen, wie ihr fertig werdet.«

Blitze jagten über den Himmel. Regen ergoss sich über Wiesen, die von solchem Unwetter eigentlich verschont bleiben sollten.

»Wir haben keine Zeit zu verlieren«, sagte Chiron. »Ich finde, ihr solltet jetzt packen.«

Ich ruiniere einen voll funktionsfähigen Bus

Ich brauchte nicht lange zum Packen. Ich beschloss, das Minotaurushorn in meiner Hütte zu lassen, und so blieben mir nur meine zweite Garnitur Unterwäsche und eine Zahnbürste für den Rucksack, den Grover mir gebracht hatte.

Der Campkiosk lieh mir einhundert Dollar in sterblicher Währung und dazu zwanzig goldene Drachmen. Die Drachmen waren so groß wie Schokotaler und zeigten auf der einen Seite Bildnisse diverser griechischer Gottheiten und auf der anderen das Empire State Building. Die antiken sterblichen Drachmen waren aus Silber gewesen, erzählte uns Chiron, die olympischen Gottheiten aber benutzten immer nur reines Gold. Chiron sagte, die Drachmen könnten uns bei nichtsterblichen Transaktionen helfen, was immer er damit meinte. Er gab Annabeth und mir jeweils einen Kanister mit Nektar und einen Beutel voll viereckiger Ambrosia-Stücke, die wir nur im Notfall benutzen durften, zum Beispiel bei ernsthaften Verletzungen. Es handelte sich um ganz einzigartige Mittel, schärfte Chiron uns noch einmal ein. Sie könnten fast alle Wunden heilen, aber für Sterbliche wären sie tödlich. Zu viel davon könnte einem Halbblut arges Fieber bescheren. Und eine Überdosis würde uns einfach verbrennen.

Annabeth nahm ihre Tarnkappe mit dem Yankees-Emblem mit; ihre Mutter hatte sie ihr zum zwölften Geburtstag geschenkt, erzählte sie. Sie packte außerdem ein auf Altgriechisch geschriebenes Buch über berühmte klassische Architekturdenkmäler ein, in dem sie lesen wollte, wenn sie sich langweilte. Und sie versteckte in ihrem Hemdsärmel ein langes Bronzemesser. Ich war sicher, dass dieses Messer uns auffliegen lassen würde, sobald wir einen Metalldetektor passieren müssten.

Grover trug seine falschen Füße und seine Hose, um als Mensch durchzugehen. Auf dem Kopf hatte er eine grüne Rastamütze, denn bei Regen legten seine Locken sich flach und dann waren die Spitzen seiner Hörner zu sehen. Sein leuchtend orangefarbener Rucksack war vollgestopft mit Metallschrott und Äpfeln zum Knabbern. In seiner Tasche steckte eine Rohrflöte, die sein Vater für ihn geschnitzt hatte, auch wenn er nur zwei Stücke konnte, Mozarts Klavierkonzert Nr. 12 und »So Yesterday« von Hilary Duff. Beides klang auf der Rohrflöte ziemlich schrecklich.