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Wir winkten den anderen Campbewohnern zum Abschied zu, warfen einen letzten Blick auf die Erdbeerfelder, den Ozean und das Haupthaus, dann wanderten wir den Half-Blood Hill hinauf zu der hohen Fichte, die früher einmal Thalia gewesen war, die Tochter des Zeus.

Chiron erwartete uns in seinem Rollstuhl. Neben ihm stand der affige Surfer, den ich gesehen hatte, als ich im Krankenzimmer zu mir gekommen war. Grover hatte erzählt, dieser Typ sei der Sicherheitschef im Camp. Er hatte angeblich überall am Körper Augen, weshalb er niemals überrascht werden konnte. An diesem Tag trug er eine Chauffeuruniform, weshalb ich nur die Extraglupscher an seinen Händen, in seinem Gesicht und in seinem Nacken sehen konnte.

»Das ist Argus«, sagte Chiron. »Er wird euch in die Stadt fahren und, äh, alles im Auge behalten.«

Ich hörte Schritte hinter uns.

Luke kam den Hügel hochgerannt, er hielt ein Paar Basketballschuhe in der Hand.

»He«, keuchte er. »Gut, dass ich euch noch erwischt hab.«

Annabeth wurde rot, wie immer, wenn Luke in der Nähe war.

»Wollte euch nur schnell alles Gute wünschen«, sagte Luke zu mir. »Und ich dachte, na ja … vielleicht könntest du hiermit was anfangen.«

Er reichte mir die Schuhe, die ziemlich normal aussahen. Sie rochen sogar normal.

Luke sagte: »Maia.«

Weiße Flügel wuchsen aus den Hacken hervor, was mich dermaßen überraschte, dass ich die Schuhe losließ. Sie flatterten auf dem Boden herum, dann falteten die Flügel sich zusammen und waren verschwunden.

»Bemerkenswert«, sagte Grover.

Luke lächelte. »Die haben mir bei meinem Auftrag sehr geholfen. Geschenk von meinem Alten. Im Moment benutze ich sie natürlich nicht sehr oft …« Sein Gesicht sah traurig aus.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich fand es toll, dass Luke gekommen war, um sich von uns zu verabschieden. Ich hatte befürchtet, er könnte sauer sein, weil sich in den letzten Tagen alle Aufmerksamkeit auf mich gerichtet hatte. Und jetzt machte er mir auch noch ein magisches Geschenk … Ich lief fast ebenso rot an wie Annabeth.

»O Mann«, sagte ich. »Danke«.

»Hör mal, Percy.« Luke schien sich nicht wohl in seiner Haut zu fühlen. »Auf dich werden so große Hoffnungen gesetzt. Also … bring für mich ein paar Ungeheuer mit um, ja?«

Wir reichten uns die Hände. Luke streichelte Grover zwischen seinen Hörnern den Kopf, dann umarmte er Annabeth, die kurz vor einer Ohnmacht zu stehen schien.

Als Luke verschwunden war, sagte ich zu ihr: »Du hyperventilierst.«

»Tu ich nicht.«

»Du hast ihn beim Flaggenerobern gewinnen lassen, stimmt’s?«

»Himmel … wieso will ich überhaupt mit dir irgendwohin, Percy?«

Sie rannte auf der anderen Seite den Hügel hinunter. Unten am Straßenrand wartete ein weißer Geländewagen. Argus lief hinterher und ließ dabei die Wagenschlüssel klirren.

Ich hob die fliegenden Schuhe auf und hatte plötzlich ein schlechtes Gefühl. Ich sah Chiron an. »Die darf ich gar nicht benutzen, oder?«

Er schüttelte den Kopf. »Luke hat es gut gemeint, Percy. Aber in der Luft zu schweben … das wäre nicht klug von dir.«

Ich nickte enttäuscht, dann kam mir eine Idee. »He, Grover, Lust auf was Magisches?«

Seine Augen leuchteten auf. »Ich?«

Wir steckten seine Fußattrappen in die Turnschuhe und schon war der erste fliegende Ziegenknabe der Welt bereit zum Abheben.

»Maia!«, rief er.

Er stieg problemlos auf, dann aber kippte er zur Seite und sein Rucksack schleifte durch das Gras. Die geflügelten Schuhe sprangen mit ihm auf und ab wie kleine Mustangs.

»Training«, rief Chiron hinter ihm her. »Du brauchst einfach Training.«

»Aaaah!« Grover jagte wie ein besessener Rasenmäher seitwärts den Hügel hinunter und auf den Wagen zu.

Ehe ich hinterherlaufen konnte, packte Chiron mich am Arm. »Ich hätte dich besser trainieren müssen, Percy«, sagte er. »Wenn ich nur die Zeit gehabt hätte. Herkules, Jason – alle konnten viel länger trainieren.«

»Ist schon gut. Ich wünschte nur …«

Ich unterbrach mich, weil ich das Gefühl hatte, mich wie ein verzogenes Gör anzuhören. Ich hätte mir gewünscht, mein Dad würde mir irgendein cooles magisches Teil mit auf meinen Einsatz geben, etwas wie Lukes fliegende Schuhe oder Annabeths Tarnkappe.

»Wo bin ich denn bloß mit meinen Gedanken!«, rief Chiron. »Ohne das hier kann ich dich doch nicht losgehen lassen!«

Er zog einen Kugelschreiber aus der Manteltasche und reichte ihn mir. Es war ein ganz normaler Wegwerfkugelschreiber, schwarz, mit abnehmbarer Kappe. Hatte vermutlich dreißig Cent gekostet.

»Klasse«, sagte ich. »Danke.«

»Percy, das hier ist ein Geschenk von deinem Vater. Ich bewahre es seit Jahren auf. Ich wusste nicht, dass du derjenige bist, auf den ich warte. Aber jetzt habe ich die Weissagung verstanden. Du bist es.«

Ich dachte an unseren Ausflug ins Metropolitan Museum of Art, als ich Mrs Dodds in Dampf hatte aufgehen lassen. Damals hatte Chiron mir einen Kugelschreiber zugeworfen, der sich in ein Schwert verwandelt hatte. Konnte das hier …?

Ich drehte die Kappe ab und der Kugelschreiber in meiner Hand wuchs und wurde schwerer. Nach einer halben Sekunde hielt ich ein schimmerndes Bronzeschwert mit doppelschneidiger Klinge, einem mit Leder umwickelten Griff und einem flachen, mit Goldnägeln besetzten Heft in der Hand. Es war die erste Waffe, die mir wirklich gut in der Hand zu liegen schien.

»Dieses Schwert hat eine lange und tragische Geschichte, auf die wir jetzt nicht näher eingehen wollen«, sagte Chiron. »Es heißt Anaklysmos.«

»Springflut«, übersetzte ich und staunte darüber, wie leicht mir das Altgriechische fiel.

»Benutz es nur im absoluten Notfall«, sagte Chiron. »Und nur, wenn du es mit Ungeheuern zu tun hast. Kein Held sollte Sterbliche verwunden, außer natürlich im äußersten Notfall, aber dieses Schwert könnte ihnen ohnehin nichts anhaben.«

Ich musterte die ungeheuer scharfe Klinge. »Wieso könnte es Sterblichen nichts anhaben? Wie könnte sich das vermeiden lassen?«

»Dieses Schwert ist aus himmlischer Bronze. Geschmiedet von Zyklopen, im Berg Ätna gehärtet, im Fluss Lethe abgekühlt. Es ist tödlich für Ungeheuer und überhaupt für alle Geschöpfe aus der Unterwelt, falls sie dich nicht vorher umbringen. Aber durch Sterbliche wird die Klinge hindurchgleiten wie eine Illusion. Sie sind einfach nicht wichtig genug, als dass das Schwert sie töten würde. Und ich muss dich warnen: Als Demigottheit kannst du mit himmlischen und mit normalen Waffen umgebracht werden. Du bist doppelt verletzlich.«

»Gut zu wissen.«

»Und jetzt dreh die Kappe wieder drauf.«

Ich berührte die Schwertspitze mit der Kappe und sofort schrumpfte meine Waffe wieder zu einem Kugelschreiber zusammen. Ich steckte ihn in die Tasche, ein wenig besorgt, weil ich in der Schule meine Kugelschreiber immer verloren hatte.

»Das kannst du nicht«, sagte Chiron.

»Was kann ich nicht?«

»Du kannst den Kugelschreiber nicht verlieren«, sagte er. »Er ist verzaubert. Er wird immer wieder in deiner Tasche auftauchen. Versuch es mal.«

Ich war skeptisch, warf den Kugelschreiber aber, so weit ich konnte, den Hügel hinunter und sah ihn im Gras verschwinden.

»Es kann einen Moment dauern«, sagte Chiron. »Aber jetzt schau mal in deiner Tasche nach.«

Und wirklich, da steckte der Kugelschreiber.

»Okay, das ist wirklich klasse«, gab ich zu. »Aber was passiert, wenn ein Sterblicher sieht, wie ich ein Schwert ziehe?«

Chiron lächelte. »Nebel ist schon etwas Mächtiges, Percy.«