»Nebel?«
»Ja. Lies die Ilias. Da ist dauernd die Rede von Nebel. Wann immer göttliche oder monströse Wesen mit der Welt der Sterblichen zu tun haben, produzieren sie Nebel und das trübt die Sicht der Menschen. Du wirst die Dinge so sehen, wie sie sind, weil du ein Halbblut bist, aber Menschen werden alles ganz anders interpretieren. Es ist wirklich bemerkenswert, wie weit Menschen gehen, um die Dinge ihrer Version der Wirklichkeit anzupassen.«
Ich steckte Anaklysmos in meine Tasche.
Zum ersten Mal kam mir mein Auftrag real vor. Ich war dabei, Half-Blood Hill zu verlassen. Ich war unterwegs nach Westen, ohne von Erwachsenen beaufsichtigt zu werden, ohne Krisenplan, sogar ohne Mobiltelefon. (Chiron hatte mir gesagt, Monster könnten solche Telefone aufspüren, eins zu benutzen wäre also schlimmer, als ein Signalfeuer anzuzünden.) Ich hatte keine Waffe, die stärker war als ein Schwert, um damit Ungeheuer abzuwehren und ins Totenreich zu gelangen.
»Chiron«, sagte ich. »Als Sie gesagt haben, dass die Götter unsterblich sind … Ich meine, auch vor ihnen hat es schon eine Zeit gegeben, nicht wahr?«
»Natürlich. Davor war die Zeit der Titanen, die manchmal als Goldenes Zeitalter bezeichnet wird, was einwandfrei falsch ist. Unsere Zeit, das Zeitalter der abendländischen Zivilisation und der Herrschaft des Zeus, ist das fünfte.«
»Aber wie war es damals … vor den Göttern?«
Chiron schob die Lippen vor. »Nicht einmal ich bin alt genug, um mich daran erinnern zu können, Kind, aber ich weiß, dass es für die Sterblichen eine Zeit der Finsternis und der Barbarei war. Kronos, der Herr der Titanen, bezeichnete sein Zeitalter als golden, weil die Menschen in Unschuld und ohne jegliches Wissen lebten. Aber das war pure Propaganda. Den Titanenkönig interessierte deine Gattung nur als Appetithäppchen oder als Quelle für billige Vergnügungen. Erst zu Beginn der Herrschaft des Zeus, als Prometheus, der gute Titan, den Menschen das Feuer gebracht hat, fing deine Gattung überhaupt an, Fortschritte zu machen, und selbst damals wurde Prometheus als Anarchist beschimpft. Zeus hat ihn hart bestraft, das weißt du sicher. Natürlich haben die Götter sich irgendwann doch mit den Menschen angefreundet und das war der Beginn der abendländischen Zivilisation.«
»Aber die Gottheiten können jetzt nicht sterben, oder? Ich meine, solange die abendländische Zivilisation lebt, leben sie auch. Also … selbst, wenn ich versage, könnte nichts passieren, das so schlimm wäre, dass es alles ruiniert, nicht wahr?«
Chiron lächelte traurig. »Niemand weiß, wie lange das Zeitalter des Abendlandes noch dauern wird, Percy. Die Gottheiten sind unsterblich, ja. Aber das waren die Titanen auch. Sie existieren noch immer, sie stecken in allerlei Gefängnissen und müssen endlose Qualen und Strafen erdulden. Ihre Macht haben sie verloren, aber sie sind noch überaus lebendig. Mögen die Moiren verhindern, dass den Göttern jemals ein solch schreckliches Schicksal widerfährt oder dass wir jemals in die Finsternis und das Chaos der Vergangenheit zurückfallen. Alles, was wir tun können, Kind, ist, unserem Schicksal zu folgen.«
»Unser Schicksal … falls wir denn wissen, wie das aussieht.«
»Ganz ruhig bleiben«, sagte Chiron. »Klaren Kopf behalten. Und nicht vergessen, vielleicht kannst du den größten Krieg in der Geschichte der Menschheit verhindern.«
»Ganz ruhig bleiben«, wiederholte ich. »Ich bin ganz ruhig.«
Als ich unten am Hügel angekommen war, schaute ich mich um. Unter der Fichte, die einstmals Thalia gewesen war, die Tochter des Zeus, stand Chiron in seiner Pferdemenschengestalt und hob als Abschiedsgruß seinen Bogen. Ein ganz normaler Abschiedsgruß eines ganz normalen Zentauren in einem ganz normalen Sommercamp.
Argus fuhr mit uns über Land und dann durch das westliche Long Island. Es kam mir seltsam vor, wieder auf einem Highway unterwegs zu sein. Annabeth und Grover saßen neben mir, als sei das eine ganz normale Autofahrt. Nach zwei Wochen in Half-Blood Hill kam die wirkliche Welt mir vor wie eine Fantasie. Ich ertappte mich dabei, dass ich jeden McDonald’s anstarrte, jedes Kind, das hinten im Auto seiner Eltern saß, jede Reklamewand und jede Ladenpassage.
»So weit, so gut«, sagte ich zu Annabeth. »Zehn Kilometer und kein einziges Monster.«
Sie schaute mich genervt an. »Es bringt Unglück, so zu reden, Algenhirn.«
»Sag mal – warum hasst du mich eigentlich so?«
»Ich hasse dich doch nicht.«
»Hätte ich dir fast abgenommen.«
Sie faltete ihre Tarnkappe zusammen. »Hör zu … Es gehört sich eben nicht, dass wir uns verstehen, okay? Unsere Eltern sind Rivalen.«
»Wieso denn?«
Sie seufzte. »Wie viele Gründe soll ich dir nennen? Meine Mom hat Poseidon einmal mit seiner Freundin in ihrem Tempel erwischt, was eine gewaltige Beleidigung ist. Ein andermal wetteiferten Poseidon und Athene um das Amt der Schutzgottheit der Stadt Athen. Dein Dad hat als Geschenk irgendeine blöde Salzwasserquelle erfunden. Meine Mom dagegen den Olivenbaum. Die Leute sahen, dass ihr Geschenk das bessere war, und deshalb haben sie die Stadt nach ihr benannt.«
»Die haben offenbar gern Oliven gegessen.«
»Ach, vergiss es.«
»Also, wenn sie die Pizza erfunden hätte – das könnte ich noch verstehen.«
»Vergiss es, hab ich gesagt.«
Argus auf dem Vordersitz lächelte. Er sagte nichts, aber ein blaues Auge in seinem Nacken zwinkerte mir zu.
Im Verkehr von Queens wurden wir langsamer. Als wir Manhattan erreichten, ging die Sonne unter und es fing an zu regnen.
Argus setzte uns am Busbahnhof auf der Upper East Side ab, nicht weit entfernt von unserer Wohnung. An einem Briefkasten klebte ein regennasses Flugblatt mit meinem Foto: WER HAT DIESEN JUNGEN GESEHEN?
Ich riss es herunter, ehe Annabeth und Grover es bemerkt hatten.
Argus lud unser Gepäck aus, sah zu, wie wir Busfahrkarten kauften, und fuhr dann los. Das Auge auf seinem Handrücken öffnete sich und er beobachtete uns, als er den Parkplatz verließ.
Ich dachte daran, wie nah unsere alte Wohnung war. An einem normalen Tag wäre meine Mom jetzt schon von der Arbeit zu Hause gewesen. Vermutlich saß Gabe oben, spielte Poker und vermisste sie nicht einmal.
Grover schulterte seinen Rucksack. Er schaute die Straße hinunter, in die Richtung, in die auch ich blickte. »Willst du wissen, warum sie ihn geheiratet hat, Percy?«
Ich starrte ihn an. »Kannst du meine Gedanken lesen?«
»Nur deine Gefühle.« Er zuckte mit den Schultern. »Hab wohl vergessen, dir zu erzählen, dass Satyrn das können. Du hast an deine Mom und deinen Stiefvater gedacht, oder?«
Ich nickte und fragte mich, was Grover mir wohl noch zu erzählen vergessen hatte.
»Deine Mom hat Gabe deinetwegen geheiratet«, sagte Grover jetzt. »Du findest, er stinkt, aber du hast ja keine Ahnung. Dieser Kerl hat eine Aura … uääääh. Ich kann ihn von hier aus riechen. Ich rieche ihn noch immer an dir und dabei warst du schon seit Wochen nicht mehr in seiner Nähe.«
»Danke«, sagte ich. »Wo ist die nächste Dusche?«
»Du solltest dankbar sein, Percy. Dein Stiefvater stinkt dermaßen widerlich menschlich, dass er die Anwesenheit jeder Demigottheit tarnen könnte. Sowie ich einmal an seinem Camaro geschnuppert hatte, wusste ich: Gabe hat seit Jahren deinen Geruch überlagert. Wenn du nicht jeden Sommer bei ihm gewohnt hättest, dann hätten dich die Ungeheuer sicher schon längst aufgespürt. Deine Mom ist bei ihm geblieben, um dich zu beschützen. Das war clever von ihr. Sie muss dich sehr geliebt haben, wenn sie sich mit diesem Typen abgefunden hat – vielleicht fühlst du dich jetzt besser.«
Das tat ich nicht, ich zwang mich aber, es nicht zu zeigen. Ich werde sie wiedersehen, dachte ich. Sie ist nicht tot.
Ich fragte mich, ob Grover wohl noch immer meine Empfindungen lesen könnte, so verwirrt, wie ich war. Ich war froh darüber, dass er und Annabeth bei mir waren, aber ich fühlte mich auch schuldig, weil ich ihnen gegenüber nicht ehrlich gewesen war. Ich hatte ihnen nicht den wirklichen Grund genannt, warum ich diesen Auftrag angenommen hatte.