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Tatsache war: Es interessierte mich einen Dreck, ob ich Zeus’ Blitzstrahl finden oder die Welt retten oder sogar meinem Vater aus der Patsche helfen könnte. Je mehr ich darüber nachdachte, umso mehr ärgerte ich mich darüber, dass Poseidon mich nie besucht, dass er meiner Mom nicht geholfen, dass er nicht wenigstens einen blöden Unterhaltsscheck geschickt hatte. Er hatte sich nur zu mir bekannt, weil ich etwas für ihn erledigen sollte.

Ich interessierte mich ausschließlich für meine Mom. Es war nicht fair, dass Hades sie sich geholt hatte, und Hades würde sie wieder hergeben müssen.

Ein Freund begeht an dir Verrat, der bitter schmerzt, flüsterte das Orakel in meinen Gedanken. Und du versagst just dort, wo es betrifft dein Herz.

Halt die Klappe, sagte ich.

Es regnete noch immer.

Wir konnten nicht stillsitzen, während wir auf den Bus warteten, und spielten deshalb mit einem von Grovers Äpfeln. Annabeth war unglaublich. Sie konnte den Apfel auf ihrem Knie auftitschen lassen, auf ihrem Ellbogen, ihrer Schulter, überall. Ich war auch nicht schlecht.

Das Spiel war zu Ende, als ich Grover den Apfel zuwarf und er ein wenig zu nah an seinem Mund vorbeiflog. Mit einem einzigen riesigen Ziegenhaps verschwand unser Wurfgeschoss – mit Kerngehäuse, Stiel und allem Drum und Dran.

Grover wurde rot. Er wollte sich entschuldigen, aber Annabeth und ich schüttelten uns vor Lachen.

Endlich kam der Bus. Als wir vor der Tür Schlange standen, fing Grover an, sich umzusehen und in der Luft herumzuschnüffeln, so wie er früher in der Schulmensa sein Lieblingsessen erschnüffelt hatte – Enchiladas.

»Was ist los?«, fragte ich.

»Ich weiß nicht«, sagte er angespannt. »Vielleicht gar nichts.«

Aber ich merkte, dass es nicht »gar nichts« war. Auch ich sah mich jetzt immer wieder um.

Ich war erleichtert, als wir endlich an Bord waren und ganz hinten Sitze nebeneinander bekamen. Wir verstauten unsere Rucksäcke. Annabeth schlug sich nervös mit ihrer Yankees-Mütze auf den Oberschenkel.

Als die letzten Fahrgäste einstiegen, umklammerte Annabeth mit ihrer Hand mein Knie. »Percy.«

Soeben war eine alte Dame in den Bus gestiegen. Sie trug ein zerknittertes Samtkleid, Spitzenhandschuhe und einen unförmigen orangefarbenen Strickhut, der ihr Gesicht überschattete; in der Hand hielt sie eine große Handtasche mit Paisleymuster. Als sie den Kopf hob, funkelten ihre schwarzen Augen und mein Herz setzte einen Schlag aus.

Es war Mrs Dodds. Älter, runzliger, aber eindeutig dasselbe gemeine Gesicht.

Ich rutschte tiefer in meinen Sitz.

Hinter ihr kamen noch zwei alte Damen; eine mit einem grünen, eine mit einem lila Hut. Ansonsten sahen sie genauso aus wie Mrs Dodds – die gleichen knotigen Hände, die gleiche Paisleytasche, das gleiche zerknitterte Kleid. Eine dreifache dämonische Großmutter.

Sie setzten sich nach vorn, gleich hinter den Fahrer. Die beiden auf den Sitzen zum Gang kreuzten ihre Beine in der Mitte zu einem X. Es sah ganz lässig aus, aber die Botschaft war klar: Hier kommt niemand raus.

Der Bus startete und wir fuhren durch die eleganten Straßen von Manhattan. »Die ist ja nicht lange tot geblieben«, sagte ich und versuchte, meine Stimme nicht zittern zu lassen. »Hast du nicht gesagt, sie könnten für ein ganzes Leben aufgelöst werden?«

»Ich habe gesagt, wenn du Glück hast«, erwiderte Annabeth. »Und das hast du offenbar nicht.«

»Alle drei«, jammerte Grover. »Di immortales!«

»Schon gut«, sagte Annabeth und dachte ganz offensichtlich scharf nach. »Die Furien. Die drei übelsten Ungeheuer aus der Unterwelt. Kein Problem. Kein Problem. Wir lassen uns ganz einfach aus dem Fenster fallen.«

»Die Fenster lassen sich nicht öffnen«, stöhnte Grover.

»Ein Hinterausgang?«, schlug sie vor.

Es gab keinen. Und wenn es einen gegeben hätte, dann hätte uns das auch nicht geholfen. Wir hatten jetzt die Ninth Avenue erreicht und hielten auf den Lincoln-Tunnel zu.

»Vor Zeugen greifen sie uns sicher nicht an«, sagte ich. »Oder?«

»Sterbliche haben keine guten Augen«, erinnerte Annabeth mich. »Ihr Gehirn kann nur verarbeiten, was sie durch den Nebel sehen.«

»Sie werden drei alte Damen sehen, die uns umbringen, oder?«

Sie überlegte. »Schwer zu sagen. Aber wir können nicht mit der Hilfe von Sterblichen rechnen. Vielleicht ist im Dach eine Notluke?«

Wir erreichten den Lincoln-Tunnel und im Bus wurde alles dunkel, abgesehen von den Lichtern auf dem Boden des Mittelgangs. Ohne das Rauschen des Regens war alles unheimlich still.

Mrs Dodds stand auf. Mit tonloser Stimme, als ob sie es einstudiert hätte, teilte sie dem ganzen Bus mit: »Ich muss zur Toilette.«

»Ich auch«, sagte ihre Schwester.

»Ich auch«, sagte die dritte.

Alle drei gingen den Mittelgang entlang.

»Ich hab’s«, sagte Annabeth. »Percy, nimm meine Mütze.«

»Was?«

»Die haben es auf dich abgesehen. Mach dich unsichtbar und geh den Mittelgang hoch. Lass sie an dir vorbei. Vielleicht kannst du nach vorn gelangen und fliehen.«

»Aber was ist mit euch …«

»Es besteht die Chance, dass sie uns gar nicht bemerken«, sagte Annabeth. »Du bist der Sohn von einem der Großen Drei. Vielleicht überlagert dein Geruch alles andere.«

»Ich kann euch doch hier nicht sitzen lassen.«

»Mach dir keine Sorgen um uns«, sagte Grover. »Los.«

Meine Hände zitterten. Ich kam mir vor wie ein Feigling, nahm aber die Yankees-Mütze und setzte sie auf.

Als ich an mir herabschaute, war mein Körper nicht mehr vorhanden.

Langsam schlich ich mich durch den Mittelgang. Ich kam zehn Sitzreihen weit, dann duckte ich mich in einen leeren Sitz, als die Furien an mir vorbeiliefen.

Mrs Dodds blieb stehen, sie schnüffelte und sah mir ins Gesicht. Mein Herz hämmerte.

Offenbar sah sie nichts. Sie und ihre Schwestern gingen weiter.

Ich war frei. Ich stand jetzt vorn im Bus. Der Lincoln-Tunnel lag schon fast hinter uns. Ich wollte gerade die Notbremse ziehen, als ich von hinten entsetzliches Geheul hörte.

Die alten Damen waren keine alten Damen mehr. Sie hatten noch dieselben Gesichter – ich vermute, die konnten einfach nicht noch hässlicher werden –, aber ihre Körper waren zu ledrigen braunen Hexenleibern geschrumpft, mit Fledermausflügeln und Händen und Füßen wie die Krallen von Wasserspeiern. Ihre Handtaschen hatten sich in lodernde Peitschen verwandelt.

Die Furien drängten sich um Annabeth und Grover, ließen ihre Peitschen knallen und zischten: »Wo steckt es? Wo?«

Die anderen Fahrgäste schrien und duckten sich in ihren Sitzen. Irgendetwas sahen sie also auf jeden Fall.

»Er ist nicht hier!«, schrie Annabeth. »Er ist weg!«

Die Furien hoben ihre Peitschen.

Annabeth zog ihr Bronzemesser. Grover fischte eine Blechdose aus seinem Rucksack und machte sich bereit zum Wurf.

Das, was ich als Nächstes tat, war so spontan und gefährlich, dass ich zum hyperaktiven Kind des Jahres hätte ernannt werden können.

Der Busfahrer war abgelenkt und versuchte im Rückspiegel zu sehen, was hinten vor sich ging. Noch immer unsichtbar, griff ich nach dem Lenkrad und riss es nach links. Alle schrien auf, als sie nach rechts geschleudert wurden, und ich hoffte, dass der Knall, den ich hörte, von drei gegen die Fenster knallenden Furien herrührte.

»He!«, schrie der Fahrer. »He – Mann!«

Wir rangen um das Lenkrad. Der Bus schrammte an der Tunnelwand entlang, metallische Funken wurden meterweit nach hinten geschleudert.

Wir schlingerten aus dem Tunnel hinaus und landeten wieder im Regen. Menschen und Monster wurden im Bus herumgewirbelt und Autos wie Kegel durcheinandergeworfen.

Irgendwie erreichte der Fahrer eine Ausfahrt. Wir schossen vom Highway hinunter, überfuhren ein halbes Dutzend Ampeln und landeten dann auf einer Landstraße in New Jersey. Es ist kaum zu glauben, dass es gleich auf der anderen Seite des Hudson, gegenüber von New York, so viel Nichts geben kann. Links von uns befand sich ein Wald, rechts floss der Hudson und der Fahrer schien auf den Fluss zuzuhalten.