Die nächste großartige Idee: Ich zog die Notbremse.
Der Motor heulte auf, der Bus drehte sich auf dem nassen Asphalt einmal um sich selbst und knallte gegen die Bäume. Notlichter gingen an. Die Tür öffnete sich. Der Fahrer sprang als Erster hinaus, die Fahrgäste stürzten schreiend hinterher. Ich trat vor den Fahrersitz und ließ sie vorbei.
Die Furien waren wieder auf die Beine gekommen. Sie ließen vor Annabeth ihre Peitschen knallen. Die hatte ihr Messer gezückt und schrie auf Altgriechisch, sie sollten sie in Ruhe lassen. Grover warf mit Blechdosen.
Ich sah zu der offenen Tür. Ich hätte weglaufen können, aber ich wollte meine Freunde nicht im Stich lassen. Ich riss mir die Tarnkappe vom Kopf. »Heda!«
Die Furien fuhren herum und bleckten ihre gelben Zähne. Abzuhauen erschien mir plötzlich eine hervorragende Idee. Mrs Dodds kam durch den Mittelgang auf mich zu, wie früher in der Schule, wenn sie mir meine misslungene Matheklausur zurückgeben wollte. Jedes Mal, wenn sie ihre Peitsche knallen ließ, tanzten rote Flammen über das zerschundene Leder der Sitze.
Ihr beiden hässlichen Schwestern sprangen auf die Sitze neben ihr und krochen wie zwei große fiese Eidechsen auf mich zu.
»Perseus Jackson«, sagte Mrs Dodds mit einem Akzent, der einwandfrei von weiter her stammte als Georgia. »Du hast die Gottheiten beleidigt. Du wirst sterben.«
»Als Mathelehrerin haben Sie mir besser gefallen«, sagte ich zu ihr.
Sie knurrte.
Annabeth und Grover bewegten sich vorsichtig hinter den Furien her und warteten auf eine Gelegenheit, sie zu überholen.
Ich zog den Kugelschreiber aus der Tasche und drehte die Kappe ab. Springflut wuchs zu einem schimmernden zweischneidigen Schwert heran.
Die Furien zögerten.
Mrs Dodds hatte diese Klinge schon einmal zu spüren bekommen. Sie freute sich offenbar nicht über dieses Wiedersehen.
»Ergib dich«, zischte sie. »Dann wirst du keine ewigen Qualen erleiden müssen.«
»Netter Versuch«, entgegnete ich.
»Percy, aufpassen«, rief Annabeth.
Mrs Dodds ließ ihre Peitsche um meine Hand knallen, mit der ich das Schwert hielt, während die Furien von der Seite auf mich zusprangen.
Meine Hand schien in geschmolzenes Blei getaucht worden zu sein, aber es gelang mir trotzdem, das Schwert nicht fallen zu lassen. Ich traf die linke Furie mit dem Schwertgriff und sie kippte auf einen Sitz. Ich fuhr herum und durchbohrte die rechte Furie. Kaum hatte die Klinge ihren Hals berührt, schrie sie auf und explodierte zu einer Staubwolke. Annabeth hatte Mrs Dodds mit einem Catchergriff gepackt und riss sie nach hinten, während Grover ihr die Peitsche aus der Hand wand.
»Au!«, schrie er. »Au! Heiß! Heiß!«
Die Furie, die ich mit dem Schwertgriff getroffen hatte, kam wieder auf mich zu, die Krallen ausgefahren, aber ich zückte mein Schwert und sie zerfiel wie ein Kartenhaus.
Mrs Dodds versuchte, Annabeth abzuschütteln. Sie trat und schlug um sich, zischte und biss, aber Annabeth ließ nicht los, während Grover Mrs Dodds’ Beine mit ihrer eigenen Peitsche fesselte. Endlich schoben sie sie rückwärts in den Mittelgang. Mrs Dodds versuchte aufzustehen, aber sie hatte nicht genug Platz, um ihre Fledermausflügel auszubreiten, und fiel immer wieder um.
»Zeus wird dich vernichten«, versprach sie. »Hades holt sich deine Seele!«
»Bracas meas vescimini!«, schrie ich.
Ich wusste nicht, woher ich diesen lateinischen Satz kannte. Ich glaube, er bedeutete »Fresst meine Hosen!«.
Donner schüttelte den Bus. In meinem Nacken sträubten sich die Haare.
»Raus!«, schrie Annabeth mich an. »Sofort!« Weitere Aufforderungen brauchte ich nicht.
Wir stürzten aus dem Bus. Draußen taumelten die anderen Fahrgäste benommen umher, stritten sich mit dem Fahrer oder liefen im Kreis und schrien: »Wir müssen sterben!« Ein Tourist mit Kamera und Hawaiihemd knipste ein Bild von mir, ehe ich mein Schwert wieder zum Kugelschreiber machen konnte.
»Unser Gepäck!«, fiel Grover ein. »Wir haben unser …«
BUMMMMMM!
Die Busfenster explodierten und die Fahrgäste gingen in Deckung. Ein Blitz riss einen großen Krater ins Dach, aber ein wütendes Heulen von drinnen teilte mir mit, dass Mrs Dodds noch nicht tot war.
»Weg hier«, sagte Annabeth. »Sie ruft nach Verstärkung. Wir müssen weg hier!«
Wir verschwanden im Wald, über uns der strömende Regen, hinter uns der brennende Bus, vor uns tiefe Finsternis.
Wir besuchen das Emporium der Gartenzwerge
Eigentlich ist es nett zu wissen, dass es da draußen irgendwo griechische Götter gibt. Dann haben wir doch wenigstens jemanden, den wir verantwortlich machen können, wenn etwas schiefgeht. Wenn man zum Beispiel einen Bus verlässt, der soeben von Hexen aus der Unterwelt angegriffen und von Blitzen in die Luft gejagt worden ist, und wenn es dann auch noch regnet, dann sind die meisten Leute sicher geneigt, das für eine echte Pechsträhne zu halten; ein Halbblut dagegen begreift, dass irgendeine göttliche Macht ihm so richtig den Tag versauen will.
Da standen wir nun, Annabeth, Grover und ich. Wir gingen durch die Wälder an der Küste von New Jersey, hinter uns färbten die Lichter von New York City den Nachthimmel gelb und der Hudson stank.
Grover zitterte und meckerte. Seine großen Ziegenaugen waren zusammengekniffen, in ihnen stand Angst. »Drei Wohlgesinnte. Alle drei auf einmal.«
Auch ich stand ziemlich unter Schock. Die Explosion der Busfenster hallte mir noch immer in den Ohren wider. Aber Annabeth zog uns weiter und sagte: »Na los. Je weiter wir wegkommen, desto besser.«
»Unser ganzes Geld war im Bus«, sagte ich. »Proviant und Kleider. Alles.«
»Na, wenn du nicht beschlossen hättest, dich in den Kampf einzumischen …«
»Was hätte ich denn sonst tun sollen? Euch umbringen lassen?«
»Du hättest mich nicht zu beschützen brauchen, Percy. Ich hätte das auch so geschafft.«
»Sie wäre zerschnitten worden wie ein Toastbrot«, warf Grover ein. »Aber sie hätte es geschafft.«
»Halt die Klappe, Ziegenknabe«, sagte Annabeth.
Grover meckerte klagend. »Blechdosen … ein ganzer Rucksack voll Blechdosen!«
Wir schleppten uns über sumpfigen Boden, vorbei an seltsam krummen Bäumen, die stanken wie alte Socken.
Nach einigen Minuten ließ Annabeth sich von mir einholen. »Hör mal, ich …« Ihre Stimme versagte. »Ich find es toll, dass du zu uns zurückgekommen bist, okay? Das war wirklich tapfer.«
»Wir sind ein Team, klar?«
Sie schwieg einige Schritte lang. »Aber wenn du gestorben wärst … Abgesehen davon, dass das für dich echt blöd gewesen wäre, wäre unser Einsatz dann auch beendet gewesen. Und vielleicht ist dies meine einzige Chance, die wirkliche Welt zu sehen.«
Das Gewitter hatte sich endlich gelegt. Die Lichter der Stadt blieben hinter uns zurück und um uns herrschte fast vollständige Finsternis. Ich konnte von Annabeth nur das Schimmern ihrer blonden Haare sehen.
»Du hast Camp Half-Blood nicht mehr verlassen, seit du mit sieben dorthin gekommen bist?«, fragte ich.
»Nein … nur zu kurzen Ausflügen. Mein Dad …«
»Der Geschichtsprofessor.«
»Ja. Ich konnte zu Hause einfach nicht leben. Also, ich meine, natürlich ist Camp Half-Blood mein Zuhause.« Die Wörter sprudelten jetzt nur so aus ihrem Mund, als befürchte sie, irgendwer könnte sie am Reden hindern. »Im Camp wird eben die ganze Zeit trainiert. Und das ist ja auch gut und schön, aber die wirkliche Welt ist da, wo die Ungeheuer sind. Da lernt man, ob man etwas taugt oder nicht.«
Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich schwören können, in ihrer Stimme Zweifel gehört zu haben.