»Du kannst mit deinem Messer ziemlich gut umgehen«, sagte ich.
»Meinst du?«
»Ich finde es ziemlich gut, wenn jemand auf einer Furie huckepack reiten kann.«
Ich konnte es nicht sehen, aber ich hatte den Eindruck, dass sie lächelte.
»Weißt du«, sagte sie, »vielleicht sollte ich es dir sagen … vorhin im Bus, da war etwas Komisches …«
Was immer sie hatte sagen wollen, wurde von einem schrillen »Schuhuhuuuu« unterbrochen; es hörte sich an wie eine Eule, die gefoltert wird.
»Ha, meine Rohrflöte funktioniert noch«, rief Grover. »Wenn ich mich jetzt noch an eine Pfadfindermelodie erinnern könnte, dann würden wir vielleicht aus diesem Wald herausfinden.«
Er blies einige Noten, aber noch immer klang das Lied verdächtig nach Hilary Duff.
Statt einen Pfad zu finden, knallte ich gegen einen Baum und trug eine ziemlich große Beule davon.
Noch etwas, das auf die Liste der Fähigkeiten gehörte, die ich nicht besaß: Infrarotsicht.
Nachdem ich noch etwa einen Kilometer weitergestolpert war und geflucht und mich ganz einfach nur mies gefühlt hatte, sah ich vor uns ein Licht: die Farben einer Neonreklame. Ich konnte Essen riechen. Gebratenes, fettiges, wunderbares Essen. Mir ging auf, dass ich seit meinem Eintreffen in Half-Blood Hill, wo es nur Trauben, Brot, Käse und von Nymphen zubereitetes extra mageres Barbecuefleisch gab, nichts Ungesundes mehr gegessen hatte. Hier war ein doppelter Cheeseburger angesagt.
Wir gingen weiter, bis ich durch die Bäume eine verlassene zweispurige Straße sehen konnte. Auf der anderen Straßenseite entdeckte ich eine stillgelegte Tankstelle, ein zerfetztes Reklameplakat für einen Film aus den neunziger Jahren und einen Laden, der geöffnet war und von dem das Neonlicht und der köstliche Duft stammten.
Es war aber kein Imbiss, wie ich gehofft hatte. Es war einer von diesen seltsamen Kramläden an Landstraßen, in denen Flamingos für den Garten, hölzerne Indianer, Grizzlybären aus Zement und solche Dinge verkauft werden. Das Verkaufsgebäude war ein langes, niedriges Lagerhaus auf einem großen Grundstück voller Statuen. Ich konnte die Neonreklame über dem Eingang nicht entziffern, denn wenn es für meine Legasthenie etwas noch Schlimmeres gibt als normales Englisch, dann Englisch in roten, kursiven Neonbuchstaben.
Für mich sah es aus wie ATNET MES GTERAN WZRGE MEPROIUM.
»Was steht denn da?«, fragte ich.
»Weiß ich nicht«, sagte Annabeth
Sie las so gern, dass ich total vergessen hatte, dass sie ebenfalls Legasthenikerin war.
Grover übersetzte: »Tante Ems Garten Zwerg Emporium.«
Neben dem Eingang standen denn auch zwei Gartenzwerge aus Zement, hässliche, bärtige kleine Wichte, die lächelten und winkten, als könnten sie jeden Moment fotografiert werden.
Ich lief über die Straße, dem Geruch der Hamburger entgegen.
»He …«, rief Grover warnend.
»Da drinnen brennt Licht«, sagte Annabeth. »Vielleicht haben sie geöffnet.«
»Imbiss«, sagte ich hoffnungsvoll.
»Imbiss«, pflichtete sie mir bei.
»Spinnt ihr eigentlich?«, fragte Grover. »Hier stimmt doch irgendwas nicht!«
Wir achteten nicht auf ihn.
Vor dem Haus erhob sich ein Wald aus Statuen: Zementtiere, Zementkinder, sogar ein Zementsatyr mit einer Zementflöte, was Grover einfach fertigmachte.
»Meck-meck-meck!«, rief er. »Sieht aus wie mein Onkel Ferdinand!«
Wir blieben vor der Tür zum Lagerhaus stehen.
»Nicht klopfen«, flehte Grover. »Ich rieche Ungeheuer.«
»Die Furien haben deine Nase verwirrt«, meinte Annabeth. »Ich rieche nur Burger. Hast du keinen Hunger?«
»Fleisch«, sagte er verächtlich. »Ich bin Vegetarier.«
»Du isst Enchiladas und Blechdosen«, erinnerte ich ihn.
»Das ist Gemüse. Kommt jetzt. Gehen wir. Diese Statuen sind … Sie sehen mich an.«
Da öffnete sich quietschend die Tür und vor uns stand eine hochgewachsene Frau aus dem Nahen Osten – das glaubte ich zumindest, denn sie trug ein langes schwarzes Gewand, das außer ihren Händen ihren gesamten Körper bedeckte, und ihr Kopf war ganz und gar verschleiert. Ihre Augen funkelten hinter einem Vorhang aus schwarzem Musselin, aber mehr konnte ich beim besten Willen nicht sehen. Ihre kaffeebraunen Hände sahen alt aus, waren aber gepflegt und elegant, ich stellte mir also vor, dass ich es mit einer Großmutter zu tun hatte, die früher einmal eine schöne Frau gewesen war.
Auch ihr Akzent klang irgendwie arabisch. Sie sagte: »Kinder, es ist zu spät, um noch ganz allein unterwegs zu sein. Wo sind eure Eltern?«
»Die sind … äh …«, sagte Annabeth.
»Wir sind Waisen«, sagte ich.
»Waisen?«, fragte die Frau. Das Wort klang fremd in ihrem Mund. »Aber ihr Armen! Das kann doch nicht sein!«
»Wir haben unseren Wohnwagen verloren«, sagte ich. »Unseren Zirkuswohnwagen. Der Zirkusdirektor wollte bei der Tankstelle auf uns warten, wenn wir uns verirren, aber vielleicht hat er das vergessen oder vielleicht hat er eine andere Tankstelle gemeint. Auf jeden Fall haben wir uns verirrt. Riecht es hier wirklich nach Essen?«
»Aber ihr Lieben«, sagte die Frau. »Ihr müsst hereinkommen, ihr armen Kinder. Ich bin Tante Em. Geht nach hinten ins Lager, bitte. Da gibt es einen Imbissbereich.«
Wir bedankten uns und gingen ins Haus.
Annabeth flüsterte mir zu: »Zirkuswohnwagen?«
»Immer eine Strategie zur Hand haben, war es nicht so?«
»Du hast doch nur Algen im Kopf.«
Im Lagerhaus gab es noch mehr Statuen – Menschen in allen möglichen Haltungen, alle waren unterschiedlich gekleidet und hatten unterschiedliche Gesichtsausdrücke. Ich überlegte, dass man einen ganz schön großen Garten haben müsste, um auch nur eine von diesen Statuen aufzustellen, denn sie waren allesamt lebensgroß. Vor allem aber dachte ich an Essen.
Ihr könnt mich gern als Trottel bezeichnen, weil ich einfach so in den Laden einer fremden Frau gegangen bin, nur weil ich Hunger hatte, aber manchmal handele ich eben so impulsiv. Und ihr habt noch nie Tante Ems Burger gerochen. Der Duft war wie Lachgas, wenn man beim Zahnarzt auf dem Stuhl sitzt – er vertrieb alles andere. Ich achtete kaum noch auf Grovers nervöses Jammern oder darauf, dass die Blicke der Statuen mir zu folgen schienen, oder die Tatsache, dass Tante Em die Tür hinter uns abgeschlossen hatte.
Ich wollte jetzt nur noch den Imbissbereich finden. Und da war er auch schon, hinten im Lagerhaus, ein Tresen mit einem Grill, mit Limohähnen, einem Brezelofen und einem Nachokäsespender. Alles, was man sich wünschen konnte, und davor einige stählerne Gartentische.
»Bitte, setzt euch«, sagte Tante Em.
»Wahnsinn«, sagte ich.
»Äh«, sagte Grover widerstrebend. »Wir haben kein Geld, Ma’am.«
Ehe ich ihm einen Rippenstoß versetzen konnte, sagte Tante Em: »Nicht doch, Kinder. Kein Geld. Das hier ist ein Sonderfall, nicht wahr? Ich lade euch gern ein, ihr armen Waisenkinder.«
»Danke, Ma’am«, sagte Annabeth.
Tante Em erstarrte, als hätte Annabeth etwas falsch gemacht, aber gleich darauf wirkte die alte Dame wieder ganz locker, und deswegen nahm ich an, dass ich es mir nur eingebildet hatte.
»Gern geschehen, Annabeth«, sagte sie. »Was hast du nur für schöne graue Augen, Kind.« Ich fragte mich erst später, woher sie Annabeths Namen kannte. Wir hatten uns gar nicht vorgestellt.
Unsere Gastgeberin verschwand hinter dem Tresen und machte sich ans Werk. Ehe wir pieps sagen konnten, brachte sie uns Plastiktabletts, die übervoll waren mit doppelten Cheeseburgern, Vanilleshakes und riesigen Pommesportionen.
Ich hatte meinen Burger schon halb auf, ehe ich zum ersten Mal Atem holte.
Annabeth schlürfte ihren Shake.
Grover stocherte in seinen Pommes herum und starrte auf das Wachspapier, mit dem das Tablett belegt war, als wolle er sich lieber darüber hermachen, sah aber noch immer zu nervös zum Essen aus.
»Was ist das für ein Zischen?«, fragte er.
Ich horchte, hörte aber nichts. Annabeth schüttelte den Kopf.