»Zischen?«, fragte Tante Em. »Vielleicht hörst du das Öl in der Fritteuse. Du hast scharfe Ohren, Grover.«
»Ich nehme Vitamine. Für meine Ohren.«
»Das ist wirklich lobenswert«, sagte sie. »Aber bitte, entspannt euch doch.«
Tante Em aß nichts. Sie hatte nicht einmal beim Grillen ihren Schleier abgenommen und jetzt beugte sie sich vor, verschränkte die Hände und sah uns beim Essen zu. Es machte mich ein wenig nervös, so von ihr angestarrt zu werden, wo ich doch ihr Gesicht nicht sehen konnte, aber ich war nach dem Burger so zufrieden, wenn auch ein bisschen schläfrig, dass ich fand, ich müsste zumindest den Versuch machen, mit unserer Gastgeberin zu plaudern.
»Sie verkaufen also Zwerge«, sagte ich und versuchte mich interessiert anzuhören.
»O ja«, sagte Tante Em. »Und Tiere. Und Menschen. Alles für den Garten. Auf Bestellung. Solche Statuen sind sehr beliebt, musst du wissen.«
»Ist hier auf der Straße viel los?«
»Nicht mehr so recht. Seit der Highway gebaut worden ist … Die meisten Autos kommen nicht mehr hier vorbei. Da muss ich mich um jeden Kunden bemühen.«
Mein Nacken prickelte, als sehe irgendwer mich an. Ich drehte mich um, aber da stand nur die Statue eines jungen Mädchens mit einem Korb. Sie war ungeheuer detailliert modelliert, viel genauer, als man das bei den meisten Statuen sieht. Aber mit ihrem Gesicht stimmte etwas nicht. Sie sah verwirrt, wenn nicht sogar verängstigt aus.
»Ach«, sagte Tante Em traurig. »Ihr seht schon, einige von meinen Werken sind nicht so geglückt. Sie lassen sich nicht verkaufen. Beim Gesicht kann man so leicht etwas falsch machen. Immer beim Gesicht.«
»Sie machen diese Statuen selbst?«, fragte ich.
»Aber sicher. Früher hatte ich zwei Schwestern, die mir dabei geholfen haben, aber die sind nicht mehr da und Tante Em ist allein. Ich habe nur meine Statuen. Deshalb stelle ich sie her, wisst ihr. Sie sind meine Gesellschaft.« Die Traurigkeit in ihrer Stimme schien so tief und echt zu sein, dass ich einfach Mitleid mit ihr haben musste.
Annabeth hatte aufgehört zu essen. Sie beugte sich vor und fragte: »Zwei Schwestern?«
»Es ist eine schreckliche Geschichte«, sagte Tante Em. »Eigentlich nichts für Kinder. Weißt du, Annabeth, vor langer Zeit, als ich jung war, war eine böse Frau eifersüchtig auf mich. Ich hatte einen … einen Freund, du weißt schon, und diese böse Frau wollte uns unbedingt auseinanderbringen. Sie verursachte ein entsetzliches Unglück. Meine Schwestern blieben bei mir. Sie teilten mein trauriges Schicksal, solange sie konnten, aber dann ging es eben nicht mehr. Sie sind nicht mehr da. Ich allein habe überlebt, aber um welchen Preis! Um welchen Preis!«
Ich wusste nicht genau, was sie meinte, aber sie tat mir sehr leid. Meine Augenlider wurden immer schwerer, mein voller Bauch machte mich müde. Die arme alte Dame! Wie konnte jemand einer so lieben Frau etwas antun wollen?
»Percy?« Annabeth schüttelte mich. »Vielleicht sollten wir gehen. Ich meine, der Zirkusdirektor wartet doch auf uns.«
Ihre Stimme klang angespannt. Ich wusste nicht so recht, warum. Grover aß jetzt das Wachspapier von seinem Tablett, aber falls Tante Em das seltsam fand, dann verlor sie jedenfalls kein Wort darüber.
»Was für schöne graue Augen«, sagte Tante Em noch einmal zu Annabeth. »Ach, ich habe schon sehr lange keine grauen Augen wie deine mehr gesehen.«
Sie streckte die Hand aus, wie um Annabeths Wange zu streicheln, aber Annabeth sprang auf.
»Wir müssen jetzt wirklich los.«
»Ja!« Grover schluckte das letzte Stück Wachspapier hinunter und stand auf. »Der Zirkusdirektor wartet. Genau.«
Ich wollte nicht gehen. Ich war satt und zufrieden. Tante Em war so nett. Ich wollte noch eine Weile bei ihr bleiben.
»Bitte, ihr Lieben«, bat Tante Em. »Ich bin so selten mit Kindern zusammen. Ehe ihr geht, wollt ihr mir nicht wenigstens kurz sitzen?«
»Sitzen?«, fragte Annabeth misstrauisch.
»Für ein Foto. Ich nehme es dann als Vorlage für neue Statuen. Kinder sind so beliebt, wisst ihr? Alle lieben Kinder.«
Annabeth trat von einem Fuß auf den anderen. »Ich glaube, das geht nicht, Ma’am. Komm jetzt, Percy …«
»Natürlich geht das«, sagte ich. Es ärgerte mich, dass Annabeth mich herumkommandieren wollte und dass sie so unhöflich zu einer alten Dame war, die uns eben erst zum Essen eingeladen hatte. »Es ist doch nur ein Foto, Annabeth. Was kann das schon schaden?«
»Genau, Annabeth«, schnurrte die alte Dame. »Was kann das schaden?«
Ich merkte, dass Annabeth das alles gar nicht behagte, aber sie ging mit uns hinter Tante Em her, zurück zur Eingangstür und dann in den Garten mit den Statuen.
Tante Em führte uns zu einer Parkbank neben dem steinernen Satyrn. »So«, sagte sie. »Jetzt muss ich euch nur noch richtig hinsetzen. Die junge Dame in die Mitte, finde ich, und die Herren auf beiden Seiten neben ihr.«
»Ist es nicht zu dunkel für ein Foto?«, fragte ich.
»Nicht doch«, sagte Tante Em. »Solange wir uns noch gegenseitig sehen können?«
»Wo ist Ihre Kamera?«, fragte Grover.
Tante Em trat zurück, wie um die Szene zu bewundern. »Das Gesicht ist wirklich das Schwierigste. Bitte, würdet ihr alle einmal für mich lächeln? Ein freundliches Lächeln?«
Grover betrachtete den Zementsatyrn neben sich und murmelte: »Der sieht wirklich aus wie Onkel Ferdinand.«
»Grover«, sagte Tante Em tadelnd. »Hierherblicken, Lieber.«
Sie hielt noch immer keine Kamera in der Hand.
»Percy«, sagte Annabeth.
Irgendein Instinkt sagte mir, ich solle auf Annabeth hören, aber ich kämpfte noch immer gegen meine Schläfrigkeit, gegen die behagliche Müdigkeit, die durch das Essen und die Stimme der alten Dame hervorgerufen wurde.
»Es dauert nur einen Moment«, sagte Tante Em. »Wisst ihr, durch diesen verflixten Schleier kann ich euch nicht so gut sehen und …«
»Percy, hier stimmt etwas nicht«, sagte Annabeth eindringlich.
»Etwas stimmt nicht?«, wiederholte Tante Em und hob die Hand, um sich von ihrem Schleier zu befreien. »Aber nicht doch, Liebes. Ich habe heute Abend dermaßen vornehme Gesellschaft. Was soll denn da nicht stimmen?«
»Das ist Onkel Ferdinand«, keuchte Grover.
»Seht sie nicht an!«, rief Annabeth. Sie setzte sich die Yankees-Mütze auf den Kopf und war verschwunden. Ihre unsichtbaren Hände stießen Grover und mich von der Bank.
Ich lag auf dem Boden und starrte Tante Ems Sandalen an.
Ich konnte hören, wie Grover in die eine Richtung davonlief und Annabeth in die andere. Ich war zu benommen, um mich zu bewegen.
Dann hörte ich über mir ein seltsames, scharrendes Geräusch. Meine Blicke wanderten zu Tante Ems Händen hoch, die jetzt knotig und mit Warzen besetzt waren und scharfe Bronzekrallen hatten, wo vorher die Fingernägel gewesen waren.
Ich hätte fast noch weiter nach oben geblickt, aber irgendwo zu meiner Linken schrie Annabeth: »Nicht! Nicht hinschauen!«
Noch mehr Scharren – und das Zischen winziger Schlangen, genau über mir, von … von dort, wo eigentlich Tante Ems Kopf sitzen müsste.
»Lauf«, meckerte Grover. Ich hörte, wie er über den Kiesweg rannte und dabei »Maia« schrie, um seine fliegenden Turnschuhe anzuwerfen.
Ich konnte mich nicht bewegen. Ich starrte Tante Ems knotige Krallen an und versuchte, gegen den benommenen Zustand anzukämpfen, in den die alte Frau mich versetzt hatte.
»Wie schade, so ein hübsches junges Gesicht zerstören zu müssen«, sagte sie mit sanfter Stimme zu mir. »Bleib bei mir, Percy. Du brauchst bloß nach oben zu sehen.«
Ich kämpfte gegen den Drang zu gehorchen. Ich schaute zur Seite und sah eine dieser Glaskugeln, die es in vielen Gärten gibt, eine Kristallkugel. Ich konnte im orangefarbenen Glas Tante Ems dunkles Spiegelbild sehen; ihr Schleier war verschwunden und entblößte ihr Gesicht, einen schimmernden bleichen Kreis. Ihre Haare bewegten sich, sie wanden sich wie Schlangen.
Tante Em.
Tante »M«.