Wie hatte ich nur so dumm sein können?
Nachdenken, ermahnte ich mich. Wie ist Medusa im Mythos gestorben?
Aber ich konnte nicht denken. Mir war, als habe Medusa in der Sage geschlafen, als sie von meinem Namensvetter Perseus angegriffen worden war. Jetzt schlief sie aber ganz und gar nicht. Wenn sie gewollt hätte, hätte sie sofort ihre Krallen ausfahren und mein Gesicht zerfleischen können.
»Das hat die Grauäugige mir angetan, Percy«, sagte Medusa und hörte sich überhaupt nicht wie ein Ungeheuer an. Ihre Stimme bat mich, aufzuschauen, Mitleid mit einer armen alten Oma zu haben. »Annabeths Mutter, die verfluchte Athene, hat mich aus einer schönen Frau in das hier verwandelt.«
»Hör nicht auf sie!«, brüllte Annabeths Stimme irgendwo zwischen den Statuen. »Lauf, Percy!«
»Still!«, fauchte Medusa. Dann wurde ihre Stimme wieder zu einem schmeichelnden Schnurren. »Du wirst doch einsehen, dass ich dieses Mädchen vernichten muss, Percy. Sie ist die Tochter meiner Feindin. Ich werde ihre Statue zu Staub zerschlagen. Aber du, mein lieber Percy, du brauchst nicht zu leiden.«
»Nein«, murmelte ich. Ich versuchte meine Beine zu bewegen.
»Willst du den Gottheiten denn wirklich helfen?«, fragte Medusa. »Weißt du, was dich bei diesem törichten Einsatz erwartet, Percy? Was passieren wird, wenn du in der Unterwelt eintriffst? Lass dich von den Olympiern nicht zur Spielfigur machen, mein Lieber. Als Statue wärst du besser dran. Weniger Schmerzen. Weniger Schmerzen.«
»Percy!« Hinter mir hörte ich ein Brummen, wie von einer zweihundert Pfund schweren Hummel im Sturzflug. Grover schrie: »Duck dich!«
Ich fuhr herum und da sah ich ihn, Grover, vor dem Nachthimmel, er kam mit flatternden Schuhen angeflogen und hatte einen Ast in der Größe eines Baseballschlägers in der Hand. Er hatte die Augen zusammengekniffen und sein Kopf wackelte hin und her. Er navigierte allein nach Geruch und Gehör.
»Runter«, schrie er noch einmal. »Ich hol sie mir!«
Das ließ mich endlich aktiv werden. Ich kannte Grover und wusste, dass er Medusa verpassen und mich aufspießen würde. Ich presste mich auf den Boden.
Twack!
Zuerst dachte ich, Grover sei gegen einen Baum geknallt. Dann schrie Medusa wütend auf.
»Du mieser kleiner Satyr«, brüllte sie. »Du kommst in meine Sammlung!«
»Das war für Onkel Ferdinand!«, schrie Grover zurück.
Ich kroch davon und versteckte mich zwischen den Statuen, während Grover zum nächsten Angriff ansetzte.
Ka-wack!
»Argh!«, kreischte Medusa und ihre Schlangenhaare zischten und spuckten.
Gleich neben mir sagte Annabeths Stimme: »Percy!«
Ich fuhr so schnell hoch, dass meine Füße fast einen Gartenzwerg vom Sockel gefegt hätten. »Mensch! Lass das!«
Annabeth nahm ihre Yankees-Mütze ab und wurde wieder sichtbar. »Du musst ihr den Kopf abhacken.«
»Was? Spinnst du? Komm, wir machen, dass wir wegkommen!«
»Medusa ist eine Gefahr. Sie ist böse. Ich würde sie ja selbst umbringen, aber …« Annabeth schluckte, als ob ihr dieses Eingeständnis schwerfiele. »Aber du hast die bessere Waffe. Und ich würde nicht an sie herankommen. Sie würde mich zerfleischen, wegen dieser Sache mit meiner Mutter. Du … du hast eine Chance.«
»Was? Ich kann doch nicht …«
»Willst du denn, dass sie noch mehr unschuldige Menschen in Statuen verwandelt?«
Sie zeigte auf das Standbild eines Liebespaares, eines Mannes und einer Frau, die die Arme umeinandergelegt hatten und die von dem Ungeheuer in Stein verwandelt worden waren.
Annabeth schnappte sich eine grüne Glaskugel von einem nahe stehenden Sockel. »Ein polierter Schild wäre besser.« Sie musterte die Kugel kritisch. »Die Konvexität wird zu einer gewissen Verzerrung führen. Die Größe des Spiegelbildes müsste um einen Faktor von …«
»Kannst du bitte eine Sprache sprechen, die ich verstehe?«
»Tu ich doch!« Sie warf mir die Glaskugel zu. »Schau sie nur im Glas an. Du darfst ihr niemals ins Gesicht blicken.«
»He, Leute«, rief irgendwo über uns Grover. »Ich glaube, sie hat das Bewusstsein verloren!«
»Grrrrrrr!«
»Vielleicht doch noch nicht«, berichtigte Grover sich. Er machte sich für einen weiteren Angriff mit seinem Ast bereit.
»Beeil dich«, sagte Annabeth. »Grover hat einen tollen Geruchssinn, aber am Ende wird er doch einen Unfall bauen.«
Ich zog meinen Kugelschreiber heraus und drehte die Kappe herunter. Die Bronzeschneide wuchs in meiner Hand.
Ich folgte dem Zischen und Spucken der Medusenhaare.
Ich starrte die ganze Zeit in die Glaskugel, um nur das Spiegelbild zu sehen, nicht die echte Medusa. Und dann erblickte ich sie in dem getönten Glas.
Grover unternahm einen weiteren Angriff, aber diesmal flog er ein wenig zu niedrig. Medusa packte den Ast und riss ihn zur Seite. Grover taumelte durch die Luft und knallte mit einem schmerzhaften »Ummphhh« gegen einen steinernen Grizzlybären.
Medusa wollte sich schon über ihn hermachen, da schrie ich: »Heda!«
Ich näherte mich ihr, was nicht leicht war, weil ich doch ein Schwert und eine Glaskugel in den Händen hielt. Wenn sie mich angegriffen hätte, wäre mir die Verteidigung schwergefallen.
Aber sie ließ mich herankommen – sechs Meter, drei.
Jetzt konnte ich das Spiegelbild ihres Gesichts sehen. So hässlich war sie gar nicht. Sicher verzerrte es die grüne Kugel und ließ es schlimmer aussehen, als es war.
»Du würdest einer alten Frau doch nichts antun, Percy«, säuselte sie. »Ich weiß, dass du dazu nicht fähig wärst.«
Ich zögerte, fasziniert von dem Gesicht, das sich im Glas widerspiegelte – den Augen, die durch das Grün zu brennen schienen und meine Arme schwach werden ließen.
Von dem Zementgrizzly her stöhnte Grover: »Percy, nicht auf sie hören!«
Medusa krächzte: »Zu spät!«
Sie griff mich mit ihren Krallen an.
Ich riss mein Schwert hoch, hörte ein scheußliches »Schlock!«, dann ein Zischen, wie Wind, der durch einen Spalt entweicht – so hört es sich an, wenn ein Monster sich in Luft auflöst.
Etwas fiel vor meinen Füßen auf den Boden. Ich musste all meine Willenskraft aufwenden, um nicht hinzusehen. Ich konnte eine heiße Flüssigkeit spüren, die in meine Socken sickerte, und winzige sterbende Schlangen zupften an meinen Schnürsenkeln.
»Igitt«, sagte Grover. Er kniff die Augen noch immer zu, aber ich konnte mir denken, dass er das Gurgeln und Zischen hörte. »Superigitt.«
Annabeth trat neben mich und starrte zum Himmel hoch. Sie hielt den schwarzen Schleier der Medusa in der Hand. Sie sagte: »Nicht bewegen.«
Ganz, ganz vorsichtig, ohne nach unten zu schauen, ging sie in die Knie und wickelte den Kopf des Ungeheuers in das schwarze Tuch, dann hob sie es hoch. Grüne Flüssigkeit tropfte heraus.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte sie mit zitternder Stimme.
»Ja«, entschied ich, obwohl ich gern meinen doppelten Cheeseburger ausgekotzt hätte. »Warum hat … warum hat der Kopf sich nicht in Dampf aufgelöst?«
»Sowie du ihn abgehackt hast, wird er zu einer Kriegsbeute«, sagte sie. »Wie dein Minotaurushorn. Aber du darfst den Kopf bloß nie auswickeln. Der kann dich noch immer zu Stein erstarren lassen.«
Grover stöhnte, als er von dem Grizzlybären kletterte. Auf seiner Stirn prangte eine dicke Beule. Seine grüne Rastamütze baumelte an einem seiner kleinen Ziegenhörner und er hatte seine Fußattrappen verloren. Die Zauberturnschuhe kreisten ziellos um seinen Kopf.
»Der Rote Baron«, sagte ich. »Gute Arbeit, Mann.«
Er brachte ein verlegenes Grinsen zu Stande. »Das war wirklich nicht lustig. Na ja, sie mit dem Ast zu schlagen, das hat schon Spaß gemacht. Aber gegen einen Betonbären zu knallen? Absolut unlustig.«
Er fing die Schuhe aus der Luft. Ich drehte die Kappe auf mein Schwert. Dann stolperten wir drei auf das Lagerhaus zu.
Wir fanden einige alte Plastiktüten hinter dem Tresen und wickelten den Medusenkopf hinein. Dann legten wir ihn auf den Tisch, an dem wir gegessen hatten, und setzten uns dazu; wir waren zu erschöpft, um etwas sagen zu können.