Dann wurde alles noch seltsamer.
Mr Brunner, der noch eine Minute zuvor vor dem Museum gesessen hatte, kam mit einem Kugelschreiber in der Hand durch die Galerie gerollt.
»Waffen, ho, Percy«, rief er und warf den Kugelschreiber durch die Luft.
Mrs Dodds sprang auf mich zu.
Ich schrie auf, duckte mich und fühlte, wie Krallen neben meinem Ohr durch die Luft sausten. Ich fing den Kugelschreiber auf, doch als er meine Hand berührte, war er kein Kugelschreiber mehr. Sondern ein Schwert. Mr Brunners Bronzeschwert, das er immer bei Schulwettbewerben schwenkte.
Mrs Dodds fuhr mit mörderischem Blick zu mir herum.
Meine Knie waren wie aus Pudding. Meine Hände zitterten dermaßen, dass mir das Schwert fast runtergefallen wäre.
Sie fauchte: »Stirb, Herzchen!«
Und dann flog sie auf mich zu.
Mich durchfuhr ein Gefühl absoluten Entsetzens. Ich tat das Einzige, was mir natürlich vorkam: Ich schwang mein Schwert.
Die Metallklinge traf ihre Schulter und durchschnitt ihren Körper wie Wasser. Ssssssss.
Mrs Dodds war eine Sandburg, die in einen Ventilator geraten war. Sie explodierte zu gelbem Staub und verdampfte auf der Stelle, und nichts blieb von ihr übrig außer Schwefelgestank und einem kalten Gefühl von Bosheit in der Luft, als starrten ihre glühend roten Augen mich noch immer an.
Ich war allein.
Ich hielt einen Kugelschreiber in der Hand.
Mr Brunner war nicht da. Niemand war da außer mir.
Meine Hände zitterten noch immer. Offenbar hatte mein Proviant Magic Mushrooms oder so was enthalten.
Hatte ich mir das alles nur eingebildet?
Ich ging wieder nach draußen.
Es regnete.
Grover saß vor dem Brunnen und hatte sich einen Plan des Museums über den Kopf gelegt. Nancy Bobofit stand nach ihrem Bad im Brunnen noch immer triefend da und knurrte ihre hässlichen Freundinnen an. Als sie mich sah, sagte sie: »Ich hoffe, Mrs Kerr hat dir den Arsch versohlt.«
Ich fragte: »Wer?«
»Unsere Lehrerin. Du Idiot!«
Ich kniff die Augen zusammen. Wir hatten keine Lehrerin namens Mrs Kerr. Ich fragte Nancy, wovon sie redete.
Sie verdrehte nur die Augen und ließ mich stehen.
Ich fragte Grover, wo Mrs Dodds stecke.
Er fragte: »Wer?«
Aber vorher zögerte er kurz und er sah mich nicht an. Ich dachte, er wollte mich auf den Arm nehmen.
»Reiß hier keine Witze, Mann«, sagte ich. »Das ist ernst.«
Über uns grollte der Donner.
Ich sah Mr Brunner unter seinem roten Schirm sitzen, er las sein Buch, als ob er sich keinen Zentimeter bewegt hätte.
Ich ging zu ihm hinüber.
Er schaute auf und wirkte ein wenig zerstreut. »Ach, das ist sicher mein Kugelschreiber. Bitte bringen Sie in Zukunft eigene Schreibgeräte mit, Mr Jackson.«
Ich reichte ihm den Kugelschreiber. Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass ich ihn noch immer in der Hand hielt.
»Sir«, fragte ich. »Wo ist Mrs Dodds?«
Er starrte mich verständnislos an. »Wer?«
»Die Lehrerin, die mitgekommen ist. Mrs Dodds. Unsere Mathematiklehrerin.«
Er runzelte die Stirn und beugte sich mit leicht besorgter Miene vor. »Percy, hier ist keine Mrs Dodds mitgekommen. Soviel ich weiß, hat es an der Yancy Academy nie eine Mrs Dodds gegeben. Bist du vielleicht krank?«
Drei alte Damen stricken die Socken des Todes
An seltsame Erlebnisse ab und zu war ich ja gewöhnt, aber meistens gingen die schnell vorbei. Aber diese Wahnsinnshalluzination war zu viel für mich. Das ganze restliche Schuljahr über schienen alle mich nur noch auf den Arm nehmen zu wollen. Die anderen benahmen sich, als seien sie durch und durch davon überzeugt, dass Mrs Kerr – eine lebhafte blonde Frau, die ich zum ersten Mal in meinem Leben gesehen hatte, als sie am Ende des Ausflugs in unseren Bus gestiegen war – schon seit vor Weihnachten bei uns Mathe unterrichtet hätte.
Immer wieder erwähnte ich den anderen gegenüber Mrs Dodds, in der Hoffnung, ihnen einen Kommentar zu entlocken, aber sie starrten mich an wie einen Superpsycho.
Fast hätte ich ihnen am Ende geglaubt – es hatte niemals eine Mrs Dodds gegeben.
Fast.
Aber Grover konnte mich nicht an der Nase herumführen. Wenn ich ihm gegenüber den Namen Dodds nannte, zögerte er, um dann zu behaupten, nie von ihr gehört zu haben. Aber ich wusste, dass er log.
Irgendetwas lief hier ab. Irgendetwas war im Museum passiert.
Tagsüber hatte ich nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, aber nachts ließen mich Visionen von Mrs Dodds mit Krallen und Lederflügeln in kaltem Schweiß gebadet aus dem Bett auffahren.
Das Wetter blieb weiterhin seltsam, was meine Stimmung nicht gerade hob. Eines Nachts blies der Wind die Fenster aus unserem Schlafsaal. Einige Tage später wütete der größte jemals im Tal des Hudson beobachtete Tornado knappe fünfundsiebzig Kilometer von der Yancy Academy entfernt. Und ein aktuelles Thema, das wir im Sozialkundeunterricht besprachen, war die ungewöhnlich hohe Anzahl von Sportflugzeugen, die in diesem Jahr bei plötzlichen Windböen in den Atlantik gestürzt waren.
Ich war meistens gereizt und genervt. Meine Noten wurden immer schlechter. Dauernd geriet ich mit Nancy Bobofit und ihren Freundinnen aneinander. In fast jeder Unterrichtsstunde wurde ich auf den Gang geschickt.
Als mich dann Mr Nicoll, unser Englischlehrer, zum millionsten Mal fragte, wieso ich zu faul sei, um für die Rechtschreibtests zu lernen, drehte ich durch. Und nannte ihn einen alten Hahnrei. Ich wusste nicht mal, was das bedeutete, aber es hörte sich gut an.
In der folgenden Woche schickte der Rektor meiner Mom einen Brief, in dem es offiziell verkündet wurde: Im nächsten Schuljahr war ich nicht mehr Schüler der Yancy Academy.
Schön, sagte ich mir. Mir nur recht.
Ich hatte Heimweh.
Ich wollte bei meiner Mom in unserer kleinen Wohnung in der Upper East Side sein, auch wenn ich dann auf eine öffentliche Schule gehen und mich mit meinem widerlichen Stiefvater und seinen blödsinnigen Pokerrunden abfinden müsste.
Aber trotzdem … es gab in Yancy Dinge, die mir fehlen würden. Der Blick vom Schlafsaalfenster auf die Wälder, der Hudson River in der Ferne, der Duft der Fichten. Grover würde mir fehlen. Er war ein guter Freund gewesen, wenn er auch ein wenig seltsam war. Ich fragte mich besorgt, wie er ohne mich das kommende Schuljahr überleben sollte.
Und der Lateinunterricht würde mir fehlen – Mr Brunners verrückte Wettbewerbe und seine Überzeugung, dass ich gute Leistungen erbringen könnte.
Als die Examenswoche näher rückte, büffelte ich nur für die Lateinklausur. Ich hatte nicht vergessen, dass Mr Brunner mir gesagt hatte, für mich sei das ein lebenswichtiges Thema. Ich wusste nicht, warum, aber inzwischen glaubte ich ihm.
Am Abend vor der Klausur war ich so frustriert, dass ich mein Lexikon der griechischen Mythologie quer durch den Schlafsaal schleuderte. Die Wörter begannen von der Seite zu rutschen, sie wirbelten vor meinen Augen hin und her, die Buchstaben fuhren Achten wie mit einem Skateboard. Es war einfach unmöglich, sich den Unterschied zwischen Chiron und Charon oder zwischen Polydektes und Polydeukes zu merken. Und die Konjugation der lateinischen Verben? Vergesst es.
Ich lief im Zimmer hin und her und hatte das Gefühl, dass unter meinem Hemd Ameisen herumkrochen.
Ich dachte an Mr Brunners ernste Miene, an seine tausend Jahre alten Augen. Ich werde von dir nur das Beste akzeptieren, Percy Jackson.
Ich holte tief Luft. Dann hob ich das Lexikon auf.
Ich hatte noch nie einen Lehrer um Hilfe gebeten. Aber wenn ich Mr Brunner fragte, würde er mir vielleicht ein paar Tipps geben. Und ich könnte mich schon mal für die miese Note entschuldigen, die ich in seiner Klausur fabrizieren würde. Ich wollte ihn nicht in dem Glauben zurücklassen, ich hätte es nicht versucht.