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»Percy«, sagte Annabeth. »Ich hab den Pudel begrüßt. Du wirst den Pudel begrüßen.«

Der Pudel knurrte.

Ich begrüßte den Pudel.

Grover erzählte, dass er Gladiola im Wald begegnet sei und sie ins Gespräch gekommen waren. Der Pudel war einer reichen Familie in der Nähe weggelaufen, die 200 Dollar Finderlohn für ihn ausgesetzt hatte. Gladiola wollte eigentlich nicht zurück zu dieser Familie, war aber bereit dazu, wenn er Grover damit helfen konnte.

»Woher weiß Gladiola von dem Finderlohn?«, fragte ich.

»Er hat die Plakate gelesen«, sagte Grover. »Dussel.«

»Natürlich«, sagte ich. »Blöd von mir.«

»Also bringen wir Gladiola zurück«, sagte Annabeth mit ihrer besten Strateginnenstimme. »Wir kriegen das Geld und kaufen uns Fahrkarten nach Los Angeles. Ganz einfach.«

Ich dachte an meinen Traum – an die flüsternden Stimmen der Toten, an das Wesen im Abgrund, an das Gesicht meiner Mutter, das sich schimmernd in Gold auflöste. Das alles wartete vielleicht im Westen auf mich.

»Nicht wieder mit dem Bus«, sagte ich vorsichtig.

»Nein«, stimmte Annabeth mir zu.

Sie zeigte den Hang hinunter, auf Schienen, die ich nachts in der Dunkelheit nicht hatte sehen können. »Einen Kilometer in dieser Richtung liegt ein Bahnhof. Und Gladiola sagt, dass der Zug nach Westen um zwölf Uhr fährt.«

Ich stürze mich in den Tod

Wir verbrachten zwei Tage im Zug und fuhren westwärts, durch Gebirge, über Flüsse, vorbei an bernsteingelben Getreidefeldern.

Wir wurden kein einziges Mal angegriffen, aber ich blieb doch angespannt. Ich hatte das Gefühl, in einer Vitrine zu reisen, von oben und vielleicht auch von unten beobachtet zu werden, während irgendetwas auf die richtige Gelegenheit wartete.

Ich versuchte mich im Hintergrund zu halten, denn mein Name und mein Bild tauchten in mehreren Ostküstenzeitungen auf. Die Trenton Register-News brachte ein Foto, das ein Tourist gemacht hatte, als ich aus dem Bus gesprungen war. Ich schaute mit wildem Ausdruck um mich. Mein Schwert war ein metallisches Funkeln in meinen Händen. Es hätte sich auch um einen Baseballschläger oder einen Lacrosse-Stock handeln können.

Unter dem Bild stand:

Der 12-jährige Percy Jackson, der im Zusammenhang mit dem Verschwinden seiner Mutter vor zwei Wochen auf Long Island gesucht wird, flieht hier aus dem Bus, in dem er mehrere ältere weibliche Fahrgäste belästigt hat. Der Bus ist im Osten von New Jersey am Straßenrand explodiert, als Jackson gerade verschwunden war. Aufgrund von Augenzeugenberichten nimmt die Polizei an, dass der Junge möglicherweise mit zwei gleichaltrigen Komplizen unterwegs ist. Sein Stiefvater, Gabe Ugliano, hat eine Geldsumme für alle Informationen ausgesetzt, die zu seiner Festnahme führen.

»Mach dir keine Sorgen«, sagte Annabeth. »Sterbliche Polizei wird uns nie und nimmer finden.« Aber sie hörte sich nicht recht überzeugt an.

Den Rest des Tages lief ich entweder im Zug hin und her (weil mir das Stillsitzen schwerfiel) oder ich schaute aus dem Fenster.

Einmal sah ich eine Zentaurenfamilie über ein Weizenfeld galoppieren, die Bogen in der Hand, als machten sie Jagd auf ihr Mittagessen. Ihr kleiner Sohn, der so groß war wie ein Zweitklässler auf einem Pony, fing meinen Blick auf und winkte mir zu. Ich schaute mich im Wagen um, aber niemand außer mir hatte etwas bemerkt. Alle erwachsenen Fahrgäste waren über Laptops oder Zeitschriften gebeugt.

Ein andermal, gegen Abend, sah ich etwas Riesiges, das sich durch den Wald bewegte. Ich hätte schwören können, dass es sich um einen Löwen handelte, nur gibt es in Amerika keine wilden Löwen und dieses Wesen war noch dazu so groß wie ein Panzer. Sein Fell funkelte golden im Abendlicht. Dann sprang es durch die Bäume und war verschwunden.

Der Finderlohn für Gladiola brachte uns nur bis Denver. Es gab keine freien Plätze mehr im Schlafwagen und deshalb nickten wir auf unseren Sitzen ein. Ich bekam einen steifen Nacken. Ich versuchte nicht zu sabbern, weil Annabeth neben mir saß.

Grover schnarchte und meckerte und weckte mich immer wieder auf. Einmal scharrte er mit den Hufen und verlor dabei einen Fuß. Annabeth und ich mussten ihn rasch wieder feststecken, ehe die anderen Fahrgäste etwas bemerkten.

»Also«, fragte Annabeth mich, als wir Grovers Huf wieder in den Schuh gesteckt hatten. »Wer braucht deine Hilfe?«

»Wie meinst du das?«

»Eben im Schlaf hast du gemurmelt: ›Ich helfe dir nicht.‹ Von wem hast du da geträumt?«

Ich wollte nichts sagen. Zum zweiten Mal hatte ich von der bösen Stimme in der Grube geträumt. Aber der Traum machte mir dermaßen zu schaffen, dass ich es ihr doch erzählte.

Annabeth schwieg sehr lange. »Das klingt nicht nach Hades. Der sitzt immer auf einem schwarzen Thron und lacht nie.«

»Er hat mir im Tausch meine Mutter angeboten. Wer könnte das sonst tun?«

»Schwer zu sagen … Vielleicht hat er gemeint: ›Hilf mir, mich aus der Unterwelt zu erheben!‹ Weil er Krieg mit den Olympiern will. Aber warum sollte er dich um den Herrscherblitz bitten, wenn er ihn doch längst hat?«

Ich schüttelte den Kopf und wünschte, ich wüsste die Antwort. Ich dachte an das, was Grover mir erzählt hatte, über die Furien im Bus, die offenbar etwas gesucht hatten.

Wo steckt es? Wo?

Vielleicht nahm Grover meine Empfindungen wahr. Er schnaubte im Schlaf, murmelte etwas über Gemüse und drehte den Kopf zur Seite.

Annabeth rückte seine Mütze gerade, damit sie seine Hörner bedeckte. »Percy, mit Hades kannst du nicht feilschen. Das weißt du, oder? Er ist tückisch, herzlos und gierig. Es ist mir egal, ob die Wohlgesinnten diesmal nicht so aggressiv waren …«

»Diesmal?«, fragte ich. »Soll das heißen, dass sie dir schon einmal über den Weg gelaufen sind?«

Sie hob die Hand zu ihrem Halsband und betastete eine glasierte weiße Perle, auf die eine Fichte gemalt war, eines ihrer Abzeichen. »Sagen wir einfach, ich liebe den Herrn des Todes nicht gerade. Du kannst keinen Handel um deine Mutter abschließen.«

»Was würdest denn du machen, wenn es um deinen Dad ginge?«

»Ganz einfach«, sagte sie. »Ihn verfaulen lassen.«

»Das meinst du doch nicht im Ernst?«

Annabeth richtete ihre grauen Augen auf mich. Sie sah so aus wie damals im Wald, als sie ihr Schwert gegen den Höllenhund gezogen hatte. »Mein Vater lehnt mich seit meiner Geburt ab, Percy«, sagte sie. »Er wollte überhaupt kein Kind. Als ich bei ihm abgeliefert wurde, hat er Athene aufgefordert, mich zu holen und auf dem Olymp großzuziehen, weil seine Arbeit ihm wichtiger sei. Sie war entsetzt. Sie hat ihm gesagt, dass Kinder wie wir vom sterblichen Elternteil aufgezogen werden müssen.«

»Aber wie … ich meine, du bist vermutlich nicht in einem Krankenhaus geboren worden, oder?«

»Ich bin in einer goldenen Wiege auf der Türschwelle meines Vaters aufgetaucht. Zephyr, der Westwind, hat mich vom Olymp hinuntergetragen. Man könnte doch meinen, dass das für meinen Dad wie ein Wunder aussehen musste, oder? Und dass er vielleicht ein paar Fotos gemacht hätte oder so! Aber er hat über mein Eintreffen immer geredet, als sei ihm niemals etwas so ungelegen gekommen. Als ich fünf war, hat er geheiratet und Athene total vergessen. Er hat jetzt eine normale sterbliche Frau und zwei normale sterbliche Kinder und er versucht meine Existenz zu ignorieren.«

Ich starrte aus dem Zugfenster. Die Lichter einer schlafenden Stadt zogen vorüber. Ich hätte Annabeth gern getröstet, aber ich wusste nicht, wie.

»Meine Mom hat einen wirklich schrecklichen Kerl geheiratet«, erzählte ich ihr. »Grover sagt, sie habe mich damit beschützen, mich im Geruch einer normalen Familie verstecken wollen. Vielleicht wollte dein Dad das auch.«

Annabeth spielte weiter an ihrem Halsband herum. Sie schloss die Finger um den goldenen Collegering, der zwischen den Perlen hing. Sicher stammte der Ring von ihrem Vater. Ich hätte gern gewusst, warum sie den Ring trug, wenn sie ihren Vater so sehr hasste.