»Ich bin ihm egal«, sagte sie. »Seine Frau – meine Stiefmutter – hat mich behandelt wie eine Missgeburt. Ich durfte nie mit ihren Kindern spielen. Mein Dad hat nicht eingegriffen. Wann immer etwas Gefährliches passierte – du weißt schon, irgendwas mit Ungeheuern –, schauten sie mich beide ganz vorwurfsvoll an, so als wollten sie sagen: ›Wie kannst du unsere Familie in Gefahr bringen?‹ Und irgendwann hab ich’s kapiert. Sie wollten mich nicht. Also bin ich weggelaufen.«
»Wie alt warst du?«
»So alt, wie ich war, als ich ins Camp gekommen bin. Sieben.«
»Aber … du kannst doch unmöglich allein den ganzen Weg nach Half-Blood Hill geschafft haben.«
»Nicht allein, nein. Athene hat über mich gewacht, hat mich dahin gelenkt, wo es Hilfe gab. Ich habe auch unerwartet Freunde gefunden, die sich um mich gekümmert haben, für eine kurze Zeit jedenfalls.«
Ich hätte gern gewusst, was passiert war, aber Annabeth schien ganz ihren traurigen Erinnerungen nachzuhängen. Also hörte ich Grover beim Schnarchen zu und schaute aus den Zugfenstern, während die dunklen Felder von Ohio vorüberrasten.
Gegen Ende des zweiten Tags im Zug, am 13. Juni, acht Tage vor der Sommersonnenwende, fuhren wir über einige goldene Hügel, dann überquerten wir den Mississippi und hatten St. Louis erreicht.
Annabeth reckte den Hals, um den Brückenbogen zu sehen, der wie ein riesiger Henkel über der Stadt aufzuragen schien.
»Das möchte ich auch«, sagte sie seufzend.
»Was denn?«, fragte ich.
»So was bauen. Hast du schon mal den Parthenon gesehen, Percy?«
»Nur auf Bildern.«
»Irgendwann will ich ihn sehen. Ich werde das größte Monument für die Götter bauen, das die Welt je gesehen hat. Etwas, das tausend Jahre überdauert.«
Ich lachte. »Du? Architektin?«
Ich weiß nicht, warum, aber das fand ich witzig, die bloße Vorstellung, dass Annabeth den ganzen Tag still dasaß und zeichnete.
Ihre Wangen wurden rot. »Ja, Architektin. Athene erwartet, dass ihre Kinder Dinge erschaffen, statt sie zu zerstören, anders als das ein bestimmter Gott der Erdbeben tut, den ich hier erwähnen könnte.«
Ich schaute nach unten ins wilde braune Wasser des Mississippi.
»Tut mir leid«, sagte Annabeth. »Das war gemein.«
»Können wir nicht ein bisschen zusammenarbeiten?«, bat ich. »Haben Athene und Poseidon das nie gemacht?«
Annabeth musste überlegen. »Ich glaube … bei der Kutsche«, sagte sie nachdenklich. »Meine Mom hat sie erfunden, aber Poseidon hat dann aus Wellenschaum Pferde gemacht. Also mussten sie wohl zusammenarbeiten, um dieses Werk zu vollenden.«
»Dann können wir das auch, oder?«
Wir fuhren in die Stadt hinein und Annabeth sah zu, wie der Brückenbogen hinter einem Hotel verschwand.
»Ja, glaub schon«, sagte sie endlich.
Wir hielten im Bahnhof. Eine Lautsprecherstimme kündigte drei Stunden Aufenthalt an, ehe es nach Denver weiterging.
Grover reckte sich. Noch ehe er richtig aufgewacht war, sagte er: »Essen.«
»Komm jetzt, Ziegenknabe«, sagte Annabeth. »Sightseeing.«
»Sightseeing?«
»Der Brückenbogen«, sagte sie. »Vielleicht bekomme ich nie wieder die Gelegenheit hochzufahren. Kommt ihr mit oder nicht?«
Grover und ich sahen uns an.
Ich wollte nein sagen, aber ich dachte, wenn Annabeth unbedingt hinwollte, könnten wir sie nicht alleinlassen.
Grover zuckte mit den Schultern. »Wenn es da einen Imbiss ohne Monster gibt!«
Der Bogen war ungefähr einen Kilometer vom Bahnhof entfernt. Spät, wie es schon war, gab es keine Warteschlangen. Wir wanderten durch das unterirdische Museum und sahen uns Planwagen und anderen Müll aus dem neunzehnten Jahrhundert an. Es war nicht gerade aufregend, aber Annabeth erzählte uns lauter interessante Dinge aus der Zeit, in der der Bogen errichtet worden war, und Grover gab mir immer wieder Gummibärchen, also konnte ich mich nicht beklagen.
Ich schaute mir die anderen Leute im Museum an. »Riechst du irgendwas?«, fragte ich Grover leise.
Er hob seine Nase gerade lange genug aus der Gummibärchentüte, um einmal zu schnüffeln. »Untergrund«, sagte er angeekelt. »Untergrundluft riecht immer nach Monstern. Hat vermutlich nichts zu bedeuten.«
Aber ich hatte das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich hatte das Gefühl, dass wir nicht hier sein dürften.
»Leute«, sagte ich. »Kennt ihr die Symbole der Götter für Macht?«
Annabeth hatte gerade etwas über die Baumaschinen gelesen, die bei der Errichtung des Brückenbogens verwendet worden waren, aber sie schaute auf. »Ja?«
»Also, Hade…«
Grover räusperte sich. »Nicht in der Öffentlichkeit … Du meinst unseren Freund unten?«
»Äh, richtig«, sagte ich. »Unser Freund ganz unten. Hat er nicht so eine Mütze wie Annabeth?«
»Du meinst die Hadeskappe, den Helm der Finsternis?«, fragte Annabeth. »Ja, das ist sein Machtsymbol. Ich hab ihn zur Wintersonnenwende auf der Ratsversammlung neben seinem Sessel liegen sehen.«
»Er war also da?«, fragte ich.
Sie nickte. »Er darf nur an diesem einen Tag den Olymp besuchen – am dunkelsten Tag des Jahres. Aber sein Helm ist viel mächtiger als meine Tarnkappe, wenn das, was ich gehört habe, stimmt …«
»Er kann damit zur Finsternis werden«, bestätigte Grover. »Er kann mit den Schatten verschmelzen oder durch Mauern gleiten. Er kann nicht berührt oder gesehen oder gehört werden. Und er kann so starke Angst ausstrahlen, dass sie dich in den Wahnsinn treiben oder dein Herz zum Stillstand bringen kann. Warum, glaubst du, fürchten sich alle vernunftbegabten Wesen vor der Dunkelheit?«
»Aber … woher wollen wir dann wissen, dass er nicht hier ist und uns beobachtet?«, fragte ich.
Annabeth und Grover tauschten einen Blick.
»Das können wir nicht wissen«, sagte Grover.
»Danke, das ist mir ein großer Trost«, sagte ich. »Gibt’s noch blaue Gummibärchen?«
Ich hatte meine blanken Nerven fast unter Kontrolle gebracht, als ich den winzigen Fahrstuhl sah, mit dem wir nach oben in den Bogen fahren sollten, und da wusste ich, dass es Ärger geben würde. Ich hasse enge Räume. Sie machen mich wahnsinnig.
Wir wurden zusammen mit einer fetten Frau und ihrem Hund in den Fahrstuhl gequetscht, einem Chihuahua mit strassbesetztem Halsband. Ich stellte mir vor, dass es vielleicht ein Chihuahua mit magischem Blick war, weil kein Museumswächter ein Wort dazu gesagt hatte, dass ein Hund im Museum war.
Dann ging es nach oben in den Bogen. Ich war noch nie mit einem Fahrstuhl gefahren, der eine Kurve beschrieb, und mein Magen fand das gar nicht lustig.
»Keine Eltern?«, fragte uns die fette Frau.
Sie hatte Augen wie Glasperlen, spitze Zähne mit Kaffeeflecken und trug einen schlaffen Hut aus Jeansstoff und ein Jeanskleid, das sich überall ausbeulte und sie wie einen Jeanskloß aussehen ließ.
»Die warten unten«, sagte Annabeth. »Höhenangst.«
»Ach, die armen Herzchen!«
Der Chihuahua knurrte. Die Frau sagte: »Aber, aber, Söhnchen, benimm dich.« Der Hund hatte Perlenaugen wie seine Besitzerin, intelligent und tückisch.
Ich sagte: »Heißt er wirklich Söhnchen?«
»Nein«, antwortete die Frau.
Sie lächelte, als sei damit alles erklärt.
Die oben im Bogen gelegene Aussichtsplattform kam mir vor wie eine Konservendose mit Teppichen. Viele kleine Fenster schauten auf der einen Seite auf die Stadt und auf der anderen auf den Fluss. Der Ausblick war schon in Ordnung, aber wenn ich etwas noch mehr hasse als enge Räume, dann sind das enge Räume hundertfünfzig Meter hoch in der Luft. Ich wollte ganz schnell wieder nach unten.
Annabeth redete unablässig über Stützpfeiler und dass sie größere Fenster eingebaut und einen durchsichtigen Bogen entworfen hätte. Sie hätte sicher stundenlang hier oben bleiben können, aber zu meinem Glück teilte der Museumswächter nun mit, dass die Aussichtsplattform in wenigen Minuten geschlossen werden würde.