Aber das hier war nicht das Meer. Es war der Mississippi, mitten in den USA. Hier gab es keinen Meeresgott.
»Stirb, Ungläubiger!«, schnarrte Echidna und die Chimäre spie mir eine Flammensäule ins Gesicht.
»Vater, hilf mir«, betete ich.
Ich drehte mich um und sprang. Meine Kleider brannten, Gift jagte durch meine Adern und ich stürzte dem Fluss entgegen.
Ich werde zum prominenten Flüchtling
Ich würde euch gern erzählen, dass ich auf dem Weg nach unten tiefe Erkenntnisse hatte, dass ich mich mit meiner Sterblichkeit versöhnte, dass ich dem Tod ins Gesicht lachte und überhaupt.
Aber in Wahrheit? In Wahrheit dachte ich nur:
Aaaaarrrrgggghhhh!
Der Fluss kam mit der Geschwindigkeit eines LKW auf mich zu. Wind riss mir den Atem aus der Lunge. Kirchtürme und Wolkenkratzer und Brücken taumelten in mein Blickfeld und verschwanden wieder.
Und dann: Flaaa-bummm!
Weiße Leere voller Blasen. Ich sank durch trübes Wasser, überzeugt davon, dass ich unter einer dreißig Meter dicken Schlammschicht begraben werden und für immer verschwunden bleiben würde.
Aber der Aufprall auf das Wasser hatte nicht wehgetan. Ich fiel jetzt langsamer, Blasen quollen zwischen meinen Fingern hindurch. Lautlos traf ich auf den Boden des Flusses auf. Ein Wels von der Größe meines Stiefvaters verzog sich in die Dunkelheit. Wolken aus Schlammpartikeln und allerlei widerlicher Müll – Bierflaschen, alte Schuhe, Plastiktüten – stoben in meiner Umgebung hoch.
Und dann gingen mir einige Dinge auf: Erstens, ich war nicht zu einem Pfannkuchen zermatscht worden. Ich war nicht gegrillt worden. Ich spürte nicht einmal mehr das Chimärengift in meinen Adern. Ich lebte und das war schon mal gut.
Zweite Erkenntnis: Ich war nicht nass. Das heißt, ich merkte natürlich, wie kalt das Wasser war. Ich konnte an meinen Kleidern sehen, wo die Flammen gelöscht worden waren. Aber als ich mein Hemd anfasste, fühlte es sich knochentrocken an.
Ich betrachtete den vorübertreibenden Müll und schnappte mir ein altes Feuerzeug.
Kann ja nicht klappen, dachte ich.
Ich knipste das Feuerzeug an. Es brannte. Eine winzige Flamme leuchtete auf, unten auf dem Grund des Mississippi.
Ich fischte eine durchnässte Hamburgertüte aus der Strömung und sofort trocknete das Papier. Ich konnte es problemlos anzünden. Als ich es losließ, erloschen die Flammen. Die Tüte verwandelte sich wieder in einen glitschigen Fetzen. Seltsam.
Aber das Merkwürdigste ging mir ganz zuletzt auf: Ich atmete. Ich befand mich unter Wasser, atmete aber ganz normal.
Ich stand bis zur Taille im Schlamm. Meine Beine zitterten. Meine Hände bebten. Ich hätte eigentlich tot sein müssen. Die Tatsache, dass ich das nicht war, kam mir vor wie … na ja, wie ein Wunder. Ich glaubte, eine Frauenstimme zu hören, eine Stimme, die ein wenig wie die meiner Mutter klang: Percy, was sagt ein braver Junge?
Ähem … danke. Unter Wasser klang ich wie eine Tonbandaufnahme, wie ein viel älterer Junge. Danke … Vater.
Keine Antwort. Nur der Abfall, der flussabwärts trieb, der riesige Wels, der vorüberglitt, das Glitzern des Sonnenuntergangs an der Wasseroberfläche hoch über mir, der alles in die Farbe von weichem Toffee tunkte.
Warum hatte Poseidon mich gerettet? Je mehr ich darüber nachdachte, umso mehr schämte ich mich. Ein paarmal vorher hatte ich schon Glück gehabt. Aber gegen ein Wesen wie die Chimäre hätte ich im Leben keine Chance gehabt. Die armen Leute oben im Brückenbogen waren vermutlich in Toast verwandelt worden. Ich hatte sie nicht beschützen können. Ich war kein Held. Vielleicht sollte ich einfach hier unten bei dem Wels bleiben und auf dem Grund des Flusses meine Nahrung suchen.
Fump-fump-fump. Über mir drehte sich die Schiffsschraube eines Flussdampfers und wirbelte Dreck und Schlamm auf.
Und dann sah ich, keine zwei Meter von mir entfernt, mein Schwert. Der funkelnde Bronzegriff ragte aus dem Schlamm.
Wieder hörte ich die Frauenstimme: Percy, nimm das Schwert. Dein Vater glaubt an dich. Diesmal wusste ich, dass die Stimme nicht meiner Fantasie entstammte. Ich hatte sie wirklich gehört. Die Worte schienen von überall her zu kommen, sie durchdrangen das Wasser wie Schallwellen von Delfinen.
»Wo bist du?«, rief ich laut.
Und dann sah ich sie – eine Frau in der Farbe des Wassers, ein Geist in der Strömung, sie schwebte über dem Schwert. Sie hatte lange wogende Haare und ihre kaum sichtbaren Augen waren grün wie meine.
Ich spürte einen Kloß im Hals. Ich fragte: »Mom?«
Nein, Kind, nur eine Botin, auch wenn das Schicksal deiner Mutter nicht so hoffnungslos ist, wie du glaubst. Geh zum Strand von Santa Monica.
»Was?«
So wünscht es dein Vater. Ehe du in die Unterwelt hinabsteigst, musst du zum Strand von Santa Monica gehen. Bitte, Percy, ich kann nicht lange hier bleiben. Dieser Fluss ist viel zu schmutzig.
»Aber …« Ich war so sicher, dass es sich bei dieser Frau um meine Mutter handelte oder wenigstens um ihre Erscheinung. »Wer – wie bist du …«
Ich wollte so viele Fragen stellen, aber sie blieben mir im Hals stecken.
Ich kann nicht bleiben, du Tapferer, sagte die Frau. Sie streckte die Hand aus und ich spürte, wie die Strömung meine Wange liebkoste. Du musst nach Santa Monica gehen! Und, Percy, vertraue den Geschenken nicht …
Ihre Stimme verhallte.
»Den Geschenken?«, fragte ich. »Welchen Geschenken? Warte!«
Sie machte noch einen Versuch zu sprechen, aber es war nichts mehr zu hören. Ihr Bild löste sich auf. Wenn es meine Mutter gewesen war, dann hatte ich sie abermals verloren.
Ich hätte mich ertränken mögen. Das Problem war nur: Das war mir unmöglich.
Dein Vater glaubt an dich, hatte sie gesagt.
Und sie hatte mich tapfer genannt … falls sie damit nicht den Wels gemeint hatte.
Ich watete zu meinem Schwert und packte den Griff. Die Chimäre mit ihrer fetten Schlangenmutter konnte ja noch immer da oben auf mich warten, um mich endgültig zu erledigen. Auf jeden Fall aber würde die sterbliche Polizei warten und wissen wollen, wer das Loch in den Brückenbogen gesprengt hatte. Wenn sie mich fänden, würden sie mir sicher einige Fragen stellen wollen.
Ich drehte die Kappe auf das Schwert und verstaute den Kugelschreiber in meiner Tasche. »Danke, Vater«, sagte ich noch einmal in das trübe Wasser hinein.
Dann stieß ich mich im Schlamm ab und schwamm an die Wasseroberfläche.
Ich ging neben einem McDonald’s auf einer Pontonbrücke an Land.
Einen Block weiter hatten sich alle Einsatzfahrzeuge von St. Louis um den Brückenbogen versammelt. Polizeihubschrauber schwebten darüber. Die Schar der Zuschauer erinnerte mich an den Times Square zu Silvester.
Ein kleines Mädchen sagte: »Mama! Der Junge da ist aus dem Fluss gekommen!«
»Wie hübsch, Herzchen«, sagte die Mutter und reckte den Hals, um die Krankenwagen sehen zu können.
»Aber er ist trocken!«
»Wie hübsch, Herzchen.«
Eine Nachrichtenreporterin sprach in die Kamera: »Vermutlich kein Terrorangriff, wird uns mitgeteilt, aber Genaues ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt. Der Schaden ist, wie Sie sehen können, beträchtlich. Wir versuchen, mit einigen Überlebenden zu sprechen, um die Bestätigung von Augenzeugenberichten zu erhalten, dass jemand aus dem Brückenbogen gestürzt ist.«
Überlebende. Eine Welle der Erleichterung überkam mich. Vielleicht hatten der Wächter und die Familie sich in Sicherheit bringen können. Ich hoffte, dass es Annabeth und Grover gut ging.
Ich versuchte, mich durch die Menge zu drängen, um zu sehen, was hinter der Polizeiabsperrung passierte.