»Was?«, fragte Grover. »Aber …«
»Gib Percy den Schlauch und komm mit.«
Grover murmelte etwas wie, Mädchen seien schwerer zu begreifen als das Orakel von Delphi, dann reichte er mir den Schlauch und lief hinter Annabeth her.
Ich hielt den Schlauch gerade, damit der Regenbogen weiter bestand und ich Luke sehen konnte.
»Chiron musste in einen Kampf eingreifen«, brüllte Luke mich durch die laute Musik an. »Die Lage hier ist ziemlich angespannt, Percy. Die Sache mit der Zeus-Poseidon-Kiste hat sich rumgesprochen. Wir wissen immer noch nicht, wie – vermutlich war es derselbe Arsch, der den Höllenhund gerufen hat. Und jetzt beziehen die Campbewohner Stellung. Sieht aus wie ein neuer Trojanischer Krieg. Aphrodite, Ares und Apollo halten mehr oder weniger zu Poseidon. Athene hält zu Zeus.«
Ich bekam eine Gänsehaut bei der Vorstellung, dass Clarisse’ Hütte zu meinem Vater halten könnte. Von nebenan hörte ich, wie Annabeth und irgendein Typ sich miteinander stritten, dann wurde die Musik um einiges leiser gedreht.
»Und wie sieht’s bei euch aus?«, fragte Luke. »Es wird Chiron sehr leidtun, dass er euch verpasst hat.«
Ich erzählte ihm so ziemlich alles, auch meine Träume. Es tat so gut, ihn zu sehen, für ein paar Minuten das Gefühl zu haben, wieder im Camp zu sein, dass ich gar nicht wusste, wie lange ich schon geredet hatte, als die Schlauchanlage klingelte und mir aufging, dass in einer Minute das Wasser abgestellt werden würde.
»Ich wünschte, ich könnte bei euch sein«, sagte Luke. »Von hier aus können wir euch nicht sehr viel helfen, fürchte ich … Hör mal, bestimmt hat Hades den Herrscherblitz geklaut. Er war doch zur Wintersonnenwende auf dem Olymp. Ich hab damals die Exkursion geleitet und ihn gesehen.«
»Aber Chiron sagt doch, dass die Götter sich nicht gegenseitig ihre magischen Dinge wegnehmen können.«
»Stimmt schon«, sagte Luke mit besorgter Miene. »Aber trotzdem … Hades hat seinen Helm der Finsternis. Und wie sollte sich sonst jemand in den Thronsaal schleichen und den Herrscherblitz stehlen? Da müsste man doch unsichtbar sein!«
Wir schwiegen beide, dann ging Luke auf, was er gerade gesagt hatte.
»Moment«, rief er sofort. »Ich rede hier nicht von Annabeth. Sie und ich kennen uns seit ewigen Zeiten. Sie würde nie im Leben … ich meine, sie ist doch für mich wie eine kleine Schwester.«
Ich fragte mich, ob Annabeth diese Darstellung wohl zu schätzen wissen würde. In der Box nebenan verstummte die Musik jetzt vollständig. Ein Mann schrie vor Angst auf, Autotüren knallten und der Lincoln jagte aus der Waschstraße.
»Sieh lieber mal nach, was da los ist«, sagte Luke. »Hör mal, trägst du eigentlich die fliegenden Schuhe? Mir wäre schon wohler, wenn ich wüsste, dass ich wenigstens ein wenig helfen kann.«
»Öh … oh, ja!« Ich versuchte nicht zu klingen wie ein ertappter Lügner. »Ja, die sind wirklich nützlich.«
»Echt?« Er grinste. »Sie passen, und überhaupt?«
Das Wasser versiegte. Der Nebel löste sich auf.
»Na dann, gebt da unten in Denver gut acht auf euch«, rief Luke. Seine Stimme wurde leiser. »Und sag Grover, dass diesmal alles besser laufen wird. Niemand wird in eine Fichte verwandelt, wenn er nur …«
Aber der Nebel war verschwunden und Lukes Bild löste sich in nichts auf. Ich stand allein auf einem nassen, leeren Autowaschplatz.
Annabeth und Grover kamen lachend um die Ecke, blieben aber stehen, als sie mein Gesicht sahen. Annabeths Lächeln verflog. »Was ist los, Percy? Was hat Luke gesagt?«
»Nicht viel«, log ich und mein Magen fühlte sich so leer an wie eine Hütte der Großen Drei. »Los, treiben wir was zu essen auf.«
Einige Minuten darauf saßen wir in einer Nische eines chromglänzenden Imbisses. Überall in unserer Umgebung aßen Familien Burger und tranken Shakes und Limos.
Endlich kam die Kellnerin zu uns herüber. Sie hob skeptisch die Augenbrauen. »Na?«
Ich sagte: »Äh, wir würden gern was zu essen bestellen.«
»Habt ihr denn Geld zum Bezahlen?«
Grovers Unterlippe zitterte. Ich hatte schon Angst, er könnte losmeckern oder, schlimmer noch, das Linoleum annagen. Annabeth schien vor Hunger jeden Moment in Ohnmacht zu fallen.
Ich versuchte gerade, mir für die Kellnerin eine tränentriefende Geschichte auszudenken, als ein Dröhnen das Gebäude erzittern ließ. Ein Motorrad von der Größe eines Elefantenbabys war auf den Bordstein gefahren.
Alle Gespräche im Lokal verstummten. Der vordere Scheinwerfer des Motorrads glühte rot. Sein Benzintank war mit Flammen bemalt, auf jeder Seite war ein Holster angebracht, in dem Pistolen steckten. Der Sitz war aus Leder – aber das Leder sah aus wie … na ja, wie helle Menschenhaut.
Der Typ auf dem Motorrad hätte jeden Profiringer dazu bringen können, nach seiner Mama zu rufen. Er trug ein rotes Muskelshirt, schwarze Jeans und einen schwarzen Ledermantel, an seinen Oberschenkel hatte er sich ein Jagdmesser geschnallt. Er hatte eine rote Panoramasonnenbrille auf und das gemeinste, brutalste Gesicht, das ich je gesehen hatte – er sah zwar irgendwie gut aus, aber fies –, und er hatte ölige, kurz geschorene Haare und von vielen Kämpfen zernarbte Wangen. Das Komische war, dass ich das Gefühl hatte, dieses Gesicht schon mal irgendwo gesehen zu haben.
Er betrat den Imbiss und ein heißer, trockener Wind fegte durch das Lokal. Alle sprangen wie hypnotisiert auf, aber der Motorradfahrer bewegte nur lässig die Hand und schon sanken alle auf ihre Sitze und nahmen ihre Gespräche wieder auf. Die Kellnerin zwinkerte, als ob eben irgendwer den Rückspulknopf für ihr Gehirn betätigt hätte. Sie fragte uns noch einmaclass="underline" »Habt ihr denn Geld zum Bezahlen?«
Der Motorradfahrer sagte: »Das geht auf mich.« Er glitt in unsere Nische, die viel zu eng für ihn war, und presste Annabeth gegen das Fenster.
Er schaute zu der Kellnerin auf, die ihn mit offenem Mund anstarrte, und fragte: »Immer noch hier?«
Dann zeigte er mit dem Finger auf sie und sie erstarrte, wirbelte herum und verschwand in der Küche.
Der Motorradfahrer blickte mich an. Ich konnte seine Augen hinter der roten Sonnenbrille nicht sehen. Alle möglichen negativen Gefühle kochten in mir hoch. Wut, Rachedurst, Verbitterung. Ich hätte am liebsten gegen eine Wand geschlagen. Ich wollte Streit. Für wen hielt dieser Typ sich eigentlich?
Er grinste mich boshaft an. »Du bist also der Kleine vom alten Seetang, ja?«
Ich hätte überrascht oder verängstigt sein müssen, aber ich hatte eher das Gefühl, meinem Stiefvater Gabe gegenüberzusitzen. Ich hätte dem Typen gern den Kopf abgerissen. »Was geht dich das an?«
Annabeths Augen leuchteten auf. »Percy«, sagte sie warnend, »das ist …«
Der Motorradfahrer hob die Hand.
»Schon gut«, sagte er. »Ein bisschen Selbstvertrauen find ich gar nicht schlecht. Solange ihr nicht vergesst, wer der Boss ist. Du weißt doch, wer ich bin, kleiner Vetter?«
Und dann wusste ich, warum der Typ mir so bekannt vorkam. Er feixte genauso gemein wie einige von den Leuten aus Camp Half-Blood, nämlich die aus Hütte 5.
»Du bist der Vater von Clarisse«, sagte ich. »Ares, der Gott des Krieges.«
Ares grinste und nahm seine Sonnenbrille ab. Statt Augen hatte er nur leere Höhlen, in denen Feuer glühten wie kleine Atomexplosionen. »Richtig, du Missgeburt. Ich hab gehört, dass du Clarisse’ Speer zerbrochen hast.«
»Das hatte sie nicht anders verdient.«
»Kann ich mir denken. Coole Sache. Ich trage nicht die Kämpfe meiner Kinder aus, weißt du? Weshalb ich gekommen bin – ich habe gehört, dass ihr hier in der Stadt seid. Ich hab einen kleinen Vorschlag für euch.«
Die Kellnerin brachte voll beladene Tabletts: Cheeseburger, Pommes, Zwiebelringe und Schokoshakes.
Ares reichte ihr einige goldene Drachmen.
Sie schaute die Münzen nervös an. »Aber das ist kein …«
Ares zog sein langes Messer und fing an, sich die Fingernägel zu reinigen. »Irgendwelche Probleme, Süße?«