Die Kellnerin schluckte und steckte die Drachmen ein.
»Das geht doch nicht«, sagte ich zu Ares. »Du kannst die Leute nicht einfach mit dem Messer bedrohen.«
Ares lachte. »Machst du Witze? Ich liebe dieses Land. Seit Sparta hat’s keinen besseren Aufenthaltsort gegeben. Hast du keine Waffe, du Missgeburt? Solltest du aber. Gefährlich da draußen. Und damit wäre ich bei meinem Vorschlag. Du musst mir einen Gefallen tun.«
»Und was könnte ich einem Gott für einen Gefallen tun?«
»Es geht um etwas, wofür einem Gott die Zeit fehlt. Keine große Sache. Ich habe meinen Schild in einem stillgelegten Wasserpark hier in der Stadt vergessen. Ich hatte da ein … ein kleines Date mit meiner Freundin. Und dabei sind wir gestört worden. Ich hab meinen Schild vergessen. Und den sollst du jetzt für mich holen.«
»Und warum machst du das nicht selbst?«
Das Feuer in seinen Augenhöhlen glühte ein wenig mehr.
»Warum verwandele ich dich nicht in einen Kojoten und überfahre dich mit meiner Harley? Weil ich keine Lust habe. Ein Gott gibt dir die Möglichkeit, dich selbst zu beweisen, Percy Jackson. Willst du dich als Feigling blamieren?« Er beugte sich vor. »Oder traust du dich nur zu kämpfen, wenn du in einen Fluss tauchen kannst, wo dein Daddy dich beschützt?«
Ich hätte diesem Typen gern eine gescheuert, aber ich wusste, dass er nur darauf wartete. Ares’ Macht brachte mich in Rage. Er wäre glücklich gewesen, wenn ich ihn angegriffen hätte. Aber diese Freude wollte ich ihm nicht machen.
»Das interessiert uns nicht«, sagte ich. »Wir haben schon einen Auftrag.«
In Ares’ feurigen Augen sah ich Dinge, die ich nicht sehen wollte – Blut und Rauch und Tote auf einem Schlachtfeld. »Ich weiß alles über euren Auftrag, du Missgeburt. Als dieses Dings gestohlen worden war, hat Zeus seine besten Leute auf die Suche danach geschickt: Apollo, Athene, Artemis und mich natürlich. Wenn ich eine dermaßen mächtige Waffe nicht ausfindig machen kann …« Er leckte sich die Lippen, als mache ihn schon der bloße Gedanke an den Herrscherblitz hungrig. »Na ja … wenn ich sie nicht finden konnte, dann besteht für dich keine Hoffnung. Aber warten wir ruhig ab, man weiß ja nie. Dein Dad und ich aber haben uns schon immer verstanden. Immerhin hab ich ihm von meinem Verdacht in Bezug auf den alten Leichenhauch erzählt.«
»Du hast ihm gesagt, dass Hades den Blitz gestohlen hat?«
»Sicher. Irgendwen beschuldigen, um einen Krieg vom Zaun zu brechen. Ältester Trick überhaupt. Hab ich sofort begriffen. In gewisser Hinsicht kannst du dich für deinen kleinen Auftrag also bei mir bedanken.«
»Danke«, murmelte ich.
»Nicht doch, ich bin ja großzügig. Tu mir den kleinen Gefallen, dann helf ich dir weiter. Ich werd die Tour nach Westen für dich und deine Freunde arrangieren.«
»Wir kommen sehr gut allein zurecht.«
»Ja, das seh ich. Kein Geld. Kein Fortbewegungsmittel. Keine Ahnung, was euch bevorsteht. Hilf mir, dann erzähl ich dir vielleicht etwas, das du wissen solltest. Etwas über deine Mom.«
»Meine Mom?«
Er grinste. »Jetzt hörst du also zu! Der Wasserpark liegt eineinhalb Kilometer westlich von hier in Richtung Delancy. Ihr könnt ihn nicht verpassen. Sucht den Liebestunnel.«
»Was hat dein Date denn gestört?«, fragte ich. »Hat dir irgendwas Angst gemacht?«
Ares zeigte seine Zähne, aber diese Drohgebärde kannte ich schon von Clarisse. Sie wirkte irgendwie unecht, fast als wäre er nervös.
»Du hast Glück, dass ich dir begegnet bin, Missgeburt, und kein anderer Olympier. Die nehmen Unhöflichkeiten nicht so gelassen hin wie ich. Wir treffen uns hier, wenn ihr fertig seid. Und enttäuscht mich nicht.«
Danach bin ich offenbar in Ohnmacht oder in eine Trance gefallen, denn als ich meine Augen wieder öffnete, war unsere Nische leer. Ich dachte, vielleicht war alles nur ein Traum, aber die Gesichter von Annabeth und Grover erzählten mir etwas anderes.
»Nicht gut«, sagte Grover. »Ares hat dich aufgesucht. Das ist nicht gut.«
Ich schaute aus dem Fenster. Das Motorrad war verschwunden.
Wusste Ares wirklich etwas über meine Mom oder spielte er nur mit mir? Jetzt, wo er verschwunden war, war mein ganzer Zorn verflogen. Mir ging auf, dass Ares offenbar gern die Gefühle anderer verwirrte. Darin bestand seine Macht – er brachte unsere Leidenschaften dermaßen in Wallung, dass das Denkvermögen gestört wurde.
»Sicher irgendein Trick«, sagte ich. »Vergessen wir Ares. Machen wir, dass wir fortkommen.«
»Das geht nicht«, sagte Annabeth. »Hör mal, ich hasse Ares genauso wie du, aber du kannst die Götter nicht ignorieren, wenn du dir keinen richtig üblen Ärgern einhandeln willst. Die Drohung, dich zu verwandeln, hat er wirklich ernst gemeint.«
Ich starrte meinen Cheeseburger an, der plötzlich gar nicht mehr verlockend aussah. »Warum braucht er uns?«
»Vielleicht handelt es sich um ein Problem, bei dem Intelligenz gefordert ist«, sagte Annabeth. »Ares ist stark. Mehr aber auch nicht. Und sogar Stärke muss der Weisheit manchmal unterliegen.«
»Aber dieser Wasserpark … er schien ja fast Angst zu haben. Was könnte einen Kriegsgott in die Flucht schlagen?«
Annabeth und Grover tauschten einen nervösen Blick.
Annabeth sagte: »Das werden wir herausfinden müssen, fürchte ich.«
Die Sonne versank hinter den Bergen, als wir den Wasserpark gefunden hatten. Dem Plakat vor dem Eingang nach hatte er früher einmal WATERLAND geheißen, aber jetzt waren einige Buchstaben verschwunden und es hieß nur noch WAT R A D.
Der Haupteingang war verrammelt und mit Stacheldraht bewehrt. Drinnen gab es überall hohe trockene Rutschbahnen und Rohre und Tunnel, die in leere Becken führten. Alte Eintrittskarten und Reklamezettel flogen auf dem Asphalt herum. Jetzt, bei Anbruch der Dunkelheit, sah hier alles traurig und gespenstisch aus.
»Wenn Ares sich hier mit seiner Freundin trifft«, sagte ich und starrte zum Stacheldraht hoch, »dann möchte ich lieber nicht wissen, wie sie aussieht.«
»Percy«, mahnte Annabeth. »Nicht so respektlos.«
»Wieso? Ich dachte, du hasst Ares.«
»Er ist trotzdem ein Gott. Und seine Freundin hat sehr viel Temperament.«
»Sag also lieber nichts Beleidigendes über ihr Aussehen«, fügte Grover hinzu.
»Aber wer ist sie denn nun? Echidna?«
»Nein, Aphrodite«, sagte Grover irgendwie entrückt. »Die Göttin der Liebe.«
»Ist die nicht mit irgendwem verheiratet?«, fragte ich. »Mit Hephaistos?«
»Ja, und?«, fragte er.
»Ach.« Plötzlich wollte ich gern das Thema wechseln. »Wie kommen wir also rein?«
»Maia!« An Grovers Schuhen wuchsen Flügel.
Er flog über den Zaun, schlug in der Luft ungeplant einen Purzelbaum und kam dann auf der anderen Seite stolpernd zum Stehen. Er klopfte sich den Staub von der Jeans und gab vor, das sei alles geplant gewesen. »Kommt ihr?«
Annabeth und ich mussten auf altmodische Weise klettern. Als wir oben angekommen waren, hielten wir füreinander den Stacheldraht auseinander.
Die Schatten wurden lang, als wir durch den Park wanderten und uns die Attraktionen ansahen. Es gab eine Knöchelbeißerinsel, ein Kopfüber in den Spalt und Dussel, wo ist meine Badehose?.
Kein Ungeheuer griff uns an. Wir hörten nicht das leiseste Geräusch.
Wir stießen auf einen Andenkenladen, der offen stand. Noch immer lag Krimskrams in den Regalen: Schneekugeln, Kugelschreiber, Postkarten und jede Menge …
»Klamotten«, sagte Annabeth. »Saubere Klamotten.«
»Ja«, sagte ich. »Aber wir können doch nicht einfach …«
»Ach nein?«
Sie schnappte sich einen ganzen Arm voll Sachen und verschwand in der Umkleidekabine. Einige Minuten darauf erschien sie in Waterland-Shorts mit Blumenmuster, einem weiten roten Waterland-T-Shirt und Waterland-Surfschuhen. Ein Waterland-Rucksack hing über ihrer Schulter und den hatte sie offenbar mit weiteren Kostbarkeiten vollgestopft.