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»Was soll’s?«, sagte Grover und zuckte mit den Schultern. Bald sahen wir alle drei aus wie wandelnde Reklametafeln für den stillgelegten Vergnügungspark.

Wir suchten den Liebestunnel. Ich hatte das Gefühl, dass der ganze Park den Atem anhielt. »Ares und Aphrodite«, sagte ich, um nicht daran denken zu müssen, dass es bald ganz dunkel sein würde, »die haben also was miteinander?«

»Das ist doch uralter Klatsch, Percy«, sagte Annabeth. »Dreitausend Jahre alter Klatsch.«

»Und was ist mit Aphrodites Mann?«

»Na ja«, sagte sie, »Hephaistos. Der Schmied. Er wurde als Baby zum Krüppel, als Zeus ihn vom Olymp geworfen hat. Also sieht er nicht gerade gut aus. Sehr geschickt, klar, aber Aphrodite steht nun mal nicht auf Grips und Geschicklichkeit, weißt du.«

»Sie mag Motorradfahrer.«

»Scheint so.«

»Weiß Hephaistos Bescheid?«

»Klar doch«, sagte Annabeth. »Er hat sie einmal zusammen erwischt. Ich meine, er hat sie gefangen, in einem goldenen Netz, und dann hat er alle anderen Götter eingeladen, sie sich anzusehen und auszulachen. Hephaistos versucht immer, sie lächerlich zu machen. Deshalb treffen sie sich an abgelegenen Orten wie …«

Sie verstummte und starrte vor sich hin. »So wie hier.«

Vor uns lag ein leeres Becken, das wunderbar zum Skateboarden geeignet gewesen wäre. Es war fast fünfzig Meter breit und geformt wie eine Schüssel.

Am Rand standen etwa ein Dutzend Standbilder des Cupido, mit ausgebreiteten Flügeln und schussbereitem Bogen. Auf der gegenüberliegenden Seite klaffte ein Tunnel, vermutlich strömte dort Wasser hinein, wenn das Becken gefüllt war. Über dem Tunnel stand: ERREGENDE LIEBESTOUR: DAS IST KEIN LIEBESTUNNEL, WIE EURE ELTERN IHN GEKANNT HABEN!

Grover kroch auf den Rand zu. »Schaut mal, Leute.«

Unten im Becken lag ein gestrandetes zweisitziges Boot mit einem Baldachin, das über und über mit kleinen Herzen bemalt war. Auf dem linken Sitz blitzte Ares’ Schild im letzten Tageslicht, es war eine polierte Bronzescheibe.

»Das ist zu einfach«, sagte ich. »Wir gehen einfach hin und holen ihn uns, oder was?«

Annabeth fuhr mit den Fingern über den Sockel des nächststehenden Cupido.

»Hier steht ein griechischer Buchstabe«, sagte sie. »Eta. Ich frage mich …«

»Grover«, sagte ich. »Riechst du irgendwelche Monster?«

Er schnüffelte in den Wind. »Nichts.«

»Nichts wie im Brückenbogen, wo du Echidna nicht riechen konntest, oder wirklich nichts?«

Grover sah verletzt aus. »Ich hab doch gesagt, unter der Erde funktioniert es nicht.«

»Schon gut, tut mir leid.« Ich holte tief Atem. »Ich steig jetzt runter.«

»Ich komm mit.« Grover hörte sich nicht gerade begeistert an, aber ich hatte das Gefühl, dass er die Sache in St. Louis wiedergutmachen wollte.

»Nein«, sagte ich. »Du bleibst mit deinen fliegenden Schuhen hier oben. Du bist der Rote Baron, klar? Ich verlasse mich auf deine Hilfe, falls irgendwas schiefgeht.«

Grover blies seine Brust ein wenig auf. »Klar. Aber was könnte denn schiefgehen?«

»Keine Ahnung. Nur so ein Gefühl. Annabeth, komm mit …«

»Machst du Witze?« Sie schaute auf mich herab, als sei ich soeben vom Mond gefallen. Ihre Wangen waren leuchtend rot.

»Was ist denn jetzt schon wieder los?«, fragte ich.

»Ich soll mit dir zum … zur erregenden Liebestour? Das ist doch oberpeinlich! Wenn mich hier irgendwer sieht?«

»Wer soll dich denn sehen?« Aber jetzt glühte auch mein Gesicht. Mädchen machen eben alles kompliziert. »Gut«, sagte ich. »Dann mach ich’s allein.« Aber als ich ins Becken klettern wollte, kam sie hinterher und murmelte etwas davon, dass Jungs eben immer alles kompliziert machen müssten.

Wir erreichten das Boot. Der Schild lag auf dem einen Sitz, auf dem anderen lag ein Damenschal aus Seide. Ich versuchte, mir Ares und Aphrodite hier vorzustellen, Gott und Göttin in einem schrottigen Vergnügungspark. Warum? Dann fiel mir etwas auf, das ich vom Beckenrand her nicht gesehen hatte. Überall am Beckenrand gab es Spiegel. Wir konnten uns sehen, egal in welche Richtung wir blickten. Das musste es sein. Während Ares und Aphrodite hier mit Knutschen beschäftigt waren, konnten sie die betrachten, die sie am meisten liebten: sich selbst.

Ich hob den Schal hoch. Er schimmerte rosa und sein Parfüm war unbeschreiblich: Es roch nach Rosen oder Berglorbeer. Nach etwas Gutem. Ich lächelte verträumt und wollte mir schon mit dem Schal über die Wange streichen, als Annabeth ihn mir aus der Hand riss und in die Tasche stopfte. »Nein, das tust du nicht. Hände weg von diesem Liebeszauber.«

»Was?«

»Nimm den Schild, Algenhirn, und dann machen wir, dass wir wegkommen.«

In dem Moment, in dem ich den Schild berührte, wusste ich, dass jetzt der Ärger losging. Meine Hand durchbrach etwas, das den Schild mit dem Schaltpult des Bootes verbunden hatte. Spinngewebe, dachte ich, aber dann sah ich eine Faser auf meiner Hand, eine Art Metallfaden, so dünn, dass er fast unsichtbar war. Ein Stolperdraht.

»Warte«, sagte Annabeth.

»Zu spät.«

»Hier steht noch ein griechischer Buchstabe, hier auf dem Boot. Noch ein Eta. Das ist eine Falle.«

Um uns herum brach Tumult aus. Eine Million Gangschaltungen schienen betätigt zu werden, als verwandele das gesamte Becken sich in eine riesige Maschine.

Grover schrie: »He, ihr!«

Die Cupidos am Beckenrand hoben die Bogen. Noch ehe ich »In Deckung!« rufen konnte, schossen sie, aber nicht auf uns. Sondern aufeinander, quer über das Becken hinweg. An den Pfeilen, die über das Becken flogen und sich bei der Landung verankerten hingen Seidenfäden, die einen großen goldenen Stern formten. Dann verwoben sich dünnere Metallfäden mit den Hauptsträhnen und bildeten so ein Netz.

»Wir müssen raus hier«, sagte ich.

»Was du nicht sagst«, sagte Annabeth.

Ich packte den Schild und wir rannten los, aber es war nicht so leicht, aus dem glatten Becken zu klettern wie hinein.

»Los jetzt«, brüllte Grover.

Er versuchte ein Loch im Netz für uns offen zu halten, aber wann immer er es berührte, wickelten die goldenen Fäden sich um seine Hände.

Die Köpfe der Cupidos öffneten sich. Videokameras kamen darin zum Vorschein. Überall um das Becken herum wurden Scheinwerfer ausgefahren, die uns mit ihrem Licht blendeten, und eine Lautsprecherstimme schrie: »Live zum Olymp in einer Minute … neunundfünfzig Sekunden, achtundfünf…«

»Hephaistos!«, schrie Annabeth. »Was bin ich blöd. Eta ist sein Anfangsbuchstabe. Er hat eine Falle gebaut, um seine Frau mit Ares zu erwischen. Jetzt werden wir live auf den Olymp übertragen und stehen wie die Vollidioten da!«

Wir hatten den Beckenrand fast erreicht, als die Spiegel aufsprangen und Tausende von winzigen Metall…dingen herausfielen.

Annabeth schrie auf.

Es war eine Armee aus Aufziehkriechern: Bronzerümpfe, Spinnenbeine, winzige Zangenmünder, und sie kamen wie eine Woge aus klirrendem, klapperndem Metall auf uns zu.

»Spinnen«, sagte Annabeth. »Sp… Sp… aaah!«

Ich hatte sie noch nie so erlebt. Sie fiel vor Entsetzen rückwärts um und wäre fast von den Spinnenrobotern überrannt worden. In letzter Sekunde konnte ich sie auf die Füße und zurück zum Boot ziehen.

Die Spinnen kamen jetzt von überall her, es waren Millionen, und alle strömten auf die Beckenmitte zu und hatten uns im Nu umzingelt. Ich sagte mir, dass sie vermutlich nicht auf Töten programmiert waren, sie sollten uns einfach nur umstellen und kneifen und blöd aussehen lassen. Aber diese Falle war für Gottheiten bestimmt. Und wir waren keine.

Annabeth und ich kletterten ins Boot. Ich trat nach den Spinnen, die hinter uns herkamen. Ich brüllte Annabeth an, sie solle mir helfen, aber sie war dermaßen außer sich vor Angst, dass sie nur schreien konnte.

»Dreißig, neunundzwanzig«, rief der Lautsprecher.

Die Spinnen spuckten Metallfäden aus, um uns damit zu fesseln. Zuerst war es leicht, die Fäden zu zerreißen, aber es waren so viele und die Spinnen wurden immer mehr. Ich trat eine von Annabeths Wade und ihre Zangen rissen ein Stück aus meinem neuen Turnschuh.