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Grover schwebte in seinen fliegenden Schuhen über dem Becken und versuchte, das Netz wegzuziehen, aber das bewegte sich nicht.

Denk nach, sagte ich mir. Denk nach.

Der Eingang zum Liebestunnel befand sich unter dem Netz. Wir hätten ihn als Ausgang benutzen können, nur war er von einer Million Spinnenrobotern blockiert.

»Fünfzehn, vierzehn«, rief der Lautsprecher.

Wasser, dachte ich. Woher kommt hier das Wasser?

Und dann sah ich sie: riesige Wasserrohre hinter den Spiegeln, aus denen die Spinnen gekommen waren. Und über dem Netz, gleich neben einem Cupido, befand sich ein Verschlag mit Glasfenstern, in dem sicher früher der Aufseher gesessen hatte.

»Grover«, schrie ich. »In den Verschlag. Such den Schalter für das Wasser!«

»Aber …«

»Mach schon!« Es war verrückt, aber es war unsere einzige Chance. Die Spinnen wimmelten jetzt überall im Boot herum. Annabeth schrie verzweifelt. Ich musste uns hier rausholen.

Grover stand im Verschlag und schlug auf die Knöpfe ein.

»Fünf, vier …«

Grover schaute mich hoffnungslos an. Er hob die Hände, um mir mitzuteilen, dass er auf jeden Knopf gedrückt hatte, dass aber trotzdem nichts passierte.

Ich schloss die Augen und dachte an Wellen, an fließendes Wasser, an den Mississippi. Ich spürte ein vertrautes Ziehen in meinem Bauch. Ich versuchte mir vorzustellen, dass ich den Ozean bis nach Denver zog.

»Zwei, eins, null!«

Wasser schoss aus den Rohren. Es dröhnte in das Becken und fegte die Spinnen weg. Ich zog Annabeth neben mich auf den Sitz und konnte gerade noch ihren Sicherheitsgurt schließen, dann erfasste die Flutwelle unser Boot, schlug über uns zusammen und durchnässte uns ganz und gar, aber immerhin kenterten wir nicht. Das Boot drehte sich um sich selbst, wurde von der Welle hochgehoben und wirbelte durch das Becken.

Im Wasser wimmelte es von Spinnen mit Kurzschluss. Einige knallten mit solcher Wucht gegen den Beckenrand aus Beton, dass sie platzten.

Die Scheinwerfer leuchteten auf uns herab. Die Cupidcams bewegten sich, sie übertrugen live zum Olymp.

Ich musste mich darauf konzentrieren, das Boot unter Kontrolle zu behalten. Ich wollte es mit der Strömung treiben lassen, fort von der Wand. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber das Boot schien zu reagieren. Zumindest zerbrach es nicht in eine Million Stücke. Wir drehten uns ein letztes Mal um uns selbst, und das Wasser stand jetzt fast hoch genug, um uns an dem Netz aus Metall zu zerreiben. Da drehte das Boot seinen Bug dem Tunnel zu und wir jagten hinein in die Dunkelheit.

Annabeth und ich klammerten uns aneinander, wir kreischten beide, als das Boot um die Kurven schoss und an Bildern von Romeo und Julia und anderem Valentinskram vorbeischrammte.

Dann lag der Tunnel hinter uns, die Nachtluft pfiff durch unsere Haare und das Boot raste auf den Ausgang zu.

Wenn alles richtig funktioniert hätte, dann wären wir auf einer Rampe zwischen goldenen Liebestoren gelandet und wohlgeborgen wieder im Ausgangsbecken angekommen. Aber es gab ein Problem. Die Liebestore waren mit einer Kette verschlossen. Zwei Boote, die vor uns aus dem Tunnel gespült worden waren, lagen vor dem Tor – das eine unter Wasser, das andere in zwei Teile zerbrochen.

»Mach deinen Gurt los«, schrie ich Annabeth an.

»Spinnst du?«

»Oder willst du zerschmettert werden?« Ich schnallte mir Ares’ Schild an den Arm. »Wir müssen abspringen.«

Meine Idee war schlicht und irrsinnig. Wenn das Boot gegen das Tor prallte, würden wir es als Sprungbrett nutzen können und hinüberspringen. Ich hatte von Leuten gehört, die auf diese Weise Autounfälle überlebt hatten, wobei sie dreißig Meter und mehr von der Unfallstätte fortgeschleudert worden waren. Mit etwas Glück würden wir im Becken landen.

Annabeth schien verstanden zu haben. Sie griff nach meiner Hand, als das Tor näher kam.

»Wenn ich los sage«, sagte ich.

»Nein, wenn ich los sage.«

»Was?«

»Simple Physik!«, rief sie. »Kraft und Absprungwinkel …«

»Schon gut«, brüllte ich. »Wenn du los sagst.«

Sie zögerte … zögerte … dann schrie sie: »Los!«

Krack!

Annabeth hatte Recht gehabt. Wenn wir in dem Moment gesprungen wären, den ich für richtig gehalten hatte, wären wir in das Tor geknallt. Ihre Berechnung verschaffte uns ein Maximum an Hubkraft.

Leider sogar etwas mehr, als wir brauchten. Unser Boot knallte gegen das Tor und wir flogen los, über das Tor, über das Becken und weiter in Richtung Asphalt.

Etwas packte mich von hinten.

Annabeth schrie.

Grover!

Er schoss durch die Luft und packte mein Hemd und Annabeths Arm, um uns vor dem Aufprall zu retten, aber wir hatten zu viel Schwung.

»Ihr seid zu schwer!«, schrie Grover. »Wir sacken ab!«

Wir näherten uns dem Boden und Grover gab sich alle Mühe, unseren Fall zu verlangsamen.

Wir knallten gegen eine Fotowand. Grovers Kopf bohrte sich in das Loch, durch das Parkbesucher ihre Gesichter hielten um sich als Nunu, der freundliche Wal, ablichten zu lassen. Annabeth und ich krachten zu Boden, zerschlagen, aber am Leben. Ares’ Schild hing locker an meinem Arm.

Als wir wieder zu Atem gekommen waren, zogen Annabeth und ich Grover aus der Fotowand. Wir dankten ihm, dass er uns das Leben gerettet hatte. Ich schaute zurück zum Liebestunnel. Das Wasser sank wieder. Unser Boot war am Tor zerborsten. Hundert Meter weiter, am Eingangsbecken, filmten die Cupidos immer noch. Die Statuen hatten sich gedreht, damit ihre Kameras uns einfangen konnten, und die Scheinwerfer leuchteten uns ins Gesicht.

»Ende der Vorstellung«, schrie ich. »Vielen Dank. Gute Nacht!«

Die Cupidos drehten sich zurück in ihre Ausgangsposition. Die Lichter erloschen. Der Park war wieder still und dunkel, abgesehen vom sanften Plätschern des Wassers, das in das Becken am Ende des Tunnels sickerte. Ich hätte gern gewusst, ob der Olymp jetzt einen Werbeblock einschob und ob wir eine gute Einschaltquote erzielt hatten.

Ich fand es schrecklich, dermaßen hereingelegt worden zu sein. Ich fand es schrecklich, an der Nase herumgeführt worden zu sein. Und ich verfügte über ausreichend Erfahrung mit Typen, die das versucht hatten. Ich zurrte den Schild an meinem Arm fester und drehte mich zu den anderen um. »Und jetzt reden wir mal eine Runde mit Ares.«

Wir bringen ein Zebra nach Vegas

Der Kriegsgott wartete auf dem Parkplatz vor dem Imbiss auf uns.

»Sieh an, sieh an«, sagte er. »Ihr habt ja überlebt.«

»Du hast gewusst, dass das eine Falle war«, sagte ich.

Ares grinste fies. »Der Krüppelschmied hat sicher nicht schlecht gestaunt, als ihm zwei blöde Kinder ins Netz gegangen sind. Ihr habt euch in der Glotze richtig gut gemacht.«

Ich schob ihm den Schild hin. »Mistkerl.«

Annabeth und Grover hielten den Atem an.

Ares schnappte sich den Schild und ließ ihn durch die Luft wirbeln wie Pizzateig. Der Schild änderte seine Form und verwandelte sich in eine kugelsichere Weste. Ares warf sie über seinen Rücken.

»Seht ihr den LKW dahinten?« Er zeigte auf einen Lastwagen mit achtzehn Reifen, der auf der anderen Straßenseite stand. »Mit dem fahrt ihr. Der bringt euch direkt nach L. A., mit kurzem Halt in Vegas.«

Der LKW hatte hinten eine Aufschrift, die ich nur lesen konnte, weil sie in Spiegelschrift und weiß auf schwarz dastand, eine gute Kombination für einen Legastheniker: TIERLIEBE INTERNATIONAL: HUMANER TIERTRANSPORT. WARNUNG: LEBENDE WILDE TIERE!

Ich sagte: »Du machst Witze.«

Ares schnippte mit den Fingern. Die hintere Klappe des LKW öffnete sich. »Gratisfahrt gen Westen, Missgeburt. Also jammer nicht rum. Und hier ist ein kleiner Finderlohn für den Schild.«

Er zog einen blauen Nylonrucksack von seinem Lenker und warf ihn mir zu.