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In dem Rucksack fand ich saubere Kleidung für uns alle, zwanzig Dollar, einen Beutel voller Drachmen und eine Tüte Schokokekse.

Ich sagte: »Ich will deine blöden …«

»Danke sehr, Herr Ares«, fiel Grover mir ins Wort und bedachte mich mit seinem besten Warnblick. »Vielen Dank.«

Ich knirschte mit den Zähnen. Es war vermutlich eine tödliche Beleidigung, die Gabe eines Gottes zu verschmähen, aber ich wollte nichts, was Ares angefasst hatte. Widerwillig warf ich mir den Rucksack über die Schulter. Ich wusste, dass meine Wut durch die Nähe des Kriegsgottes ausgelöst wurde, aber ich hätte ihm noch immer zu gern eins auf die Nase gegeben. Er erinnerte mich an alle Quälgeister, die mir je über den Weg gelaufen waren: Nancy Bobofit, Clarisse, Gabe den Stinker, sarkastische Lehrer … an jeden Mistkerl, der mich in der Schule als dumm bezeichnet oder gelacht hatte, wenn ich gefeuert wurde.

Ich schaute mich nach dem Imbiss um, in dem jetzt nur noch einige wenige Gäste saßen. Die Kellnerin, die uns bedient hatte, schaute besorgt aus dem Fenster, sie schien zu befürchten, dass Ares uns etwas tun könnte. Sie zerrte den Koch aus der Küche, damit der ihn sich ebenfalls ansah. Dann sagte sie etwas zu ihm. Er nickte, hob eine kleine Einmalkamera hoch und machte ein Bild von uns.

Klasse, dachte ich. Dann sind wir morgen wieder in der Zeitung.

Ich stellte mir die Schlagzeile vor: ZWÖLFJÄHRIGER ROWDY SCHLÄGT WEHRLOSEN MOTORRADFAHRER ZUSAMMEN.

»Du bist mir noch etwas schuldig«, sagte ich zu Ares und versuchte, meine Stimme ganz ruhig klingen zu lassen. »Du wolltest mir etwas über meine Mutter sagen.«

»Sicher, dass du das vertragen kannst?« Er trat sein Motorrad an. »Sie ist nicht tot.«

Der Boden unter mir schien zu schwanken. »Was soll das heißen?«

»Das heißt, dass sie von dem Minotaurus weggerissen wurde, ehe sie sterben konnte. Sie wurde in einen goldenen Regen verwandelt. Das ist eine Metamorphose. Kein Tod. Sie wird aufbewahrt.«

»Aufbewahrt. Warum?«

»Du solltest dich mit der Kriegskunst vertraut machen, Missgeburt. Geiseln. Du brauchst Leute, um andere Leute zu kontrollieren.«

»Mich kontrolliert niemand.«

Er lachte. »Ach ja? Bis die Tage, Kleiner.«

Ich ballte die Fäuste. »Du bist verdammt selbstgefällig für einen Typen, der vor Cupidostatuen wegläuft, Herr Ares.«

Hinter seiner Sonnenbrille glühte das Feuer. Ein heißer Wind fuhr durch meine Haare. »Wir sehen uns wieder, Percy Jackson. Und wenn du das nächste Mal in einen Kampf gerätst, dann sieh dich vor!«

Er wendete seine Harley, dann dröhnte er über die Delancy Street davon.

Annabeth sagte: »Das war nicht gerade clever, Percy.«

»Mir egal.«

»Aber einen Gott zum Feind zu haben ist nicht lustig. Schon gar nicht, wenn es sich um diesen Gott handelt.«

»He, Leute«, sagte Grover. »Ich unterbrech euch ja nicht gern, aber …«

Er zeigte auf den Imbiss. Gerade bezahlten die letzten Gäste, zwei Männer in identischen schwarzen Overalls mit einer weißen Aufschrift auf dem Rücken, die aussah wie die auf dem TIERLIEBE INTERNATIONAL-Wagen.

»Wenn wir den Zoo-Express nehmen wollen«, sagte Grover, »dann sollten wir uns beeilen.«

Mir war gar nicht wohl dabei, aber wir hatten keine andere Wahl. Und von Denver hatte ich nun wirklich genug gesehen.

Als Erstes bemerkte ich den Gestank. Es roch wie das größte Katzenklo aller Zeiten.

Im Wagen war es stockdunkel, bis ich die Kappe von Anaklysmos drehte. Die Schwertschneide zeigte uns in ihrem schwachen Bronzeschein einen überaus traurigen Anblick. In verdreckten Metallkäfigen saßen drei der elendesten Zootiere, die ich jemals gesehen hatte: ein Zebra, ein Albinolöwe und ein seltsames Antilopentier, dessen Namen ich nicht wusste.

Irgendwer hatte dem Löwen einen Sack voll Rüben hingeworfen, den der offenbar nicht fressen mochte. Sowohl Zebra als auch Antilope hatten einen Styroporbehälter mit Hackfleisch bekommen. Die Mähne des Zebras war mit Kaugummi verklebt, als ob irgendwer sich seine Freizeit damit vertrieben hätten, es auszuspucken. An einem Horn der Antilope war ein blödsinniger silberner Luftballon festgebunden, auf dem »Über die Hügel« stand.

Offenbar hatte niemand sich dicht genug an den Löwen herangetraut, um auch ihm irgendeine Gemeinheit anzutun, aber der arme Kerl lief auf verdreckten Decken in einem viel zu kleinen Käfig hin und her und schnappte in der stickigen Hitze des LKW nach Luft. Fliegen summten um seine rosa Augen herum und durch sein weißes Fell waren seine Rippen zu sehen.

»Das soll Tierliebe sein?«, schrie Grover. »Humane Tiertransporte?«

Er wollte sofort wieder aussteigen, um die LKW-Besatzung mit seiner Rohrflöte zu verprügeln, und ich hätte ihm gern geholfen, aber in diesem Moment erwachte der Motor brüllend zum Leben und wir mussten uns setzen, wenn wir nicht hinfallen wollten.

Wir drückten uns in der Ecke auf ein paar angeschimmelten Säcken zusammen und versuchten, den Gestank und die Hitze und die Fliegen zu ignorieren. Grover redete mit einem Schwall Ziegengemecker auf die Tiere ein, aber die starrten ihn nur traurig an. Annabeth schlug vor, die Käfige aufzubrechen und die Tiere sofort freizulassen, aber ich war der Meinung, dass das nicht sehr viel helfen würde, solange der LKW nicht anhielt. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass wir dem Löwen wesentlich appetitlicher vorkamen als die Rüben.

Ich fand einen Krug mit Wasser und füllte die Trinknäpfe der Tiere, dann zog ich mit Hilfe von Anaklysmos das Futter aus den Käfigen. Der Löwe bekam das Hackfleisch, das Zebra und die Antilope die Rüben.

Grover beruhigte die Antilope, während Annabeth mit ihrem Messer den Ballon von ihren Hörnern schnitt. Sie wollte auch das Kaugummi aus der Zebramähne schneiden, aber es war doch zu gefährlich, weil der Wagen ziemlich holprig fuhr. Wir baten Grover, den Tieren zu versprechen, dass wir ihnen am Morgen helfen würden, dann machten wir uns bereit für die Nacht.

Grover rollte sich auf einem Rübensack zusammen, Annabeth öffnete unsere Tüte mit den Schokokeksen und knabberte halbherzig daran herum und ich versuchte mich mit dem Gedanken aufzuheitern, dass wir schon den halben Weg nach Los Angeles geschafft hatten. Den halben Weg zu unserem Ziel. Es war erst der 14. Juni. Und die Sommersonnenwende war am 21. Wir hatten also noch jede Menge Zeit.

Andererseits wusste ich absolut nicht, womit wir als Nächstes rechnen mussten. Die Gottheiten spielten offenbar mit mir. Immerhin hatte Hephaistos den Anstand besessen, das ganz offen zu tun – er hatte Kameras aufgebaut und mich als Unterhaltungsfuzzi vermarktet. Aber auch ohne laufende Kameras hatte ich das Gefühl, dass mein Einsatz beobachtet wurde. Ich war für die Gottheiten eine Quelle der Erheiterung.

»He«, sagte Annabeth. »Tut mir leid, dass ich im Wasserpark so durchgeknallt bin, Percy.«

»Schon gut.«

»Es war nur …«, ihr schauderte noch immer. »Spinnen.«

»Wegen der Sache mit Arachne«, tippte ich. »Sie wurde in eine Spinne verwandelt, weil sie deine Mom zu einem Wettweben herausgefordert hatte, stimmt’s?«

Annabeth nickte. »Seither haben Arachnes Kinder sich immer wieder an Athenes Kindern gerächt. Wenn es im Umkreis von einem Kilometer irgendwo eine Spinne gibt, dann findet sie mich bestimmt. Ich hasse diese kleinen Viecher! Jedenfalls bin ich dir großen Dank schuldig.«

»Wir sind doch ein Team?«, fragte ich. »Und die Flugnummer hat ja Grover hingelegt.«

Ich hatte gedacht, er sei eingeschlafen, aber er murmelte aus seiner Ecke: »Ich war ganz schön toll, was?«

Annabeth und ich lachten.

Sie brach einen Keks durch und reichte mir die eine Hälfte. »Bei der Iris-Message … hat Luke wirklich nichts gesagt?«

Ich kaute auf meinem Keks herum und dachte über eine passende Antwort nach. Dieses Regenbogentelefonat belastete mich nun schon den ganzen Abend. »Luke hat gesagt, dass er dich schon ewig kennt. Er hat auch gesagt, dass Grover diesmal nicht versagen wird. Niemand wird in eine Fichte verwandelt, sagt er.«