Ich ging nach unten zu den Arbeitszimmern der Lehrer. Die meisten waren dunkel und leer, aber Mr Brunners Tür stand offen, das Licht aus dem Fenster seiner Tür fiel in den Gang.
Ich war drei Schritte von der Türklinke entfernt, als ich aus dem Zimmer Stimmen hörte. Mr Brunner stellte eine Frage. Eine Stimme, die einwandfrei Grover gehörte, sagte: »… Sorgen um Percy, Sir.«
Ich erstarrte.
Ich lausche sonst nicht an Türen, aber ich wette, ihr würdet auch zuhören, wenn euer bester Freund sich mit einem Erwachsenen über euch unterhält.
Ich schlich mich näher an die Tür.
»… allein in diesem Sommer«, sagte Grover gerade. »Ich meine, eine Wohlgesinnte hier in der Schule! Jetzt wissen wir es mit Sicherheit und sie wissen es auch.«
»Wir würden alles nur noch schlimmer machen, wenn wir ihn zur Eile antrieben«, sagte Mr Brunner. »Der Junge muss erst noch reifer werden.«
»Aber vielleicht hat er keine Zeit mehr. Die Sommersonnenwende ist Stichtag und …«
»Wir müssen ohne ihn entscheiden, Grover. Soll er seine Unwissenheit genießen, solange das noch möglich ist.«
»Sir, er hat sie gesehen …«
»Einbildung«, sagte Mr Brunner eindringlich. »Die Undurchsichtigkeit des Ganzen wird ihn davon überzeugen.«
»Sir, ich … ich darf nicht noch einmal meine Pflicht vernachlässigen.« Grovers Stimme bebte. »Sie wissen, was das bedeuten würde.«
»Du hast deine Pflicht nicht vernachlässigt«, sagte Mr Brunner freundlich. »Ich hätte sie gleich durchschauen müssen. Aber jetzt wollen wir uns den Kopf darüber zerbrechen, wie wir Percy bis zum nächsten Herbst am Leben erhalten können …«
Das Lexikon der griechischen Mythologie rutschte mir aus der Hand und knallte auf den Boden.
Mr Brunner verstummte.
Mit hämmerndem Herzen hob ich das Buch auf und schlich rückwärts den Gang entlang.
Ein Schatten glitt über das bunte Glas in Mr Brunners Arbeitszimmertür, der Schatten von etwas viel Größerem als meinem an den Rollstuhl gefesselten Lehrer, etwas, das dem Bogen eines Schützen zum Verwechseln ähnlich sah.
Ich öffnete die nächstbeste Tür und verschwand in einem Zimmer.
Einige Sekunden darauf hörte ich ein langsames Klapper-di-klapp, wie von mit Stoff umwickelten Holzklötzen, und dann schien direkt vor der Tür ein Tier herumzuschnüffeln. Eine große dunkle Gestalt blieb vor dem Türfenster stehen und ging endlich weiter.
Ein Bächlein aus Schweißtropfen lief über meinen Nacken.
Irgendwo auf dem Gang hörte ich Mr Brunner. »Nichts«, murmelte er. »Seit der Wintersonnenwende bin ich mit den Nerven zu Fuß.«
»Ich auch«, sagte Grover. »Aber ich hätte schwören können …«
»Geh wieder auf dein Zimmer«, sagte Mr Brunner zu ihm. »Morgen hast du einen langen Tag voller Klausuren.«
»Erinnern Sie mich bloß nicht daran.«
Das Licht erlosch.
Ich wartete in der Dunkelheit, eine Ewigkeit, wie mir schien.
Endlich schlüpfte ich hinaus auf den Gang und ging nach oben in den Schlafsaal.
Grover lag auf seinem Bett und büffelte Latein, als ob er den ganzen Abend nichts anderes getan hätte.
»Hallo«, sagte er und sah mich mit roten Augen an. »Meinst du, du schaffst die Klausur?«
Ich gab keine Antwort.
»Du siehst schrecklich aus.« Er runzelte die Stirn. »Ist irgendwas passiert?«
»Bin nur … müde.«
Ich drehte mich um, damit er mein Gesicht nicht sehen konnte, und tat so, als wollte ich einschlafen.
Ich begriff nicht, was ich da gerade gehört hatte. Ich hätte gern geglaubt, dass ich mir das alles nur einbildete.
Aber eins stand fest: Grover und Mr Brunner redeten hinter meinem Rücken über mich. Und sie glaubten, dass mir irgendeine Gefahr drohte.
Am nächsten Nachmittag kam ich aus der dreistündigen Lateinklausur und meine Augen trieften von den vielen griechischen und römischen Namen, die ich falsch geschrieben hatte. Da rief Mr Brunner mich noch einmal herein.
Einen Moment lang hatte ich Angst, er könnte herausgefunden haben, dass ich ihn am Vorabend belauscht hatte, aber das schien nicht der Fall zu sein.
»Percy«, sagte er. »Nimm es dir nicht so zu Herzen, dass du Yancy verlassen musst. Es ist … es ist besser so.«
Er hörte sich freundlich an, aber seine Worte waren mir doch peinlich. Obwohl er leise sprach, konnten die anderen, die gerade mit der Klausur fertig wurden, ihn hören. Nancy Bobofit feixte und machte mit dem Mund spöttische kleine Kussbewegungen.
Ich murmelte: »Schon gut, Sir.«
»Ich meine …« Mr Brunner rollte seinen Stuhl vor und zurück und schien nicht recht zu wissen, was er sagen sollte. »Das ist nicht der richtige Ort für dich. Es war nur eine Frage der Zeit.«
Meine Augen brannten.
Hier erzählte mir mein Lieblingslehrer vor den Ohren der ganzen Klasse, dass ich nicht gut genug sei. Nachdem er das ganze Schuljahr behauptet hatte, an mich zu glauben, gab er jetzt zu, dass ich den Rausschmiss verdient hätte.
»Na gut«, sagte ich zitternd.
»Nein, nein«, sagte Mr Brunner. »Ach, verflixt noch mal. Was ich zu sagen versuche … Du bist nicht normal, Percy. Das ist kein Grund zur …«
»Danke«, platzte es aus mir heraus. »Vielen Dank, Sir, dass Sie mich daran erinnern.«
»Percy …«
Aber ich war schon nicht mehr da.
Am letzten Schultag stopfte ich meine Klamotten in meinen Koffer.
Die anderen Jungs juxten herum und redeten über ihre Ferienpläne. Einer würde in der Schweiz wandern gehen. Ein anderer wollte für einen Monat auf Karibikkreuzfahrt. Sie waren Problemjugendliche wie ich, aber sie waren reiche Problemjugendliche. Ihre Papis waren Geschäftsführer oder Botschafter oder Promis. Ich war ein Niemand und kam aus einer Familie von Niemanden.
Sie fragten mich, was ich im Sommer machen würde, und ich sagte, ich wollte zurück in die Stadt.
Was ich ihnen nicht sagte, war, dass ich mir einen Sommerjob suchen müsste. Ich würde Hunde ausführen oder Zeitschriftenabos verkaufen und mir in meiner Freizeit darüber den Kopf zerbrechen, wo ich eine neue Schule für den Herbst finden würde.
»Ach«, sagte ein Typ. »Klingt klasse.«
Dann redeten sie weiter, als ob es mich niemals gegeben hätte.
Der Einzige, bei dem es mir vor dem Abschied grauste, war Grover, aber dann stellte sich heraus, dass das nicht nötig gewesen wäre. Er wollte mit demselben Bus wie ich nach Manhattan fahren und da saßen wir wieder zusammen, unterwegs in die Stadt.
Die ganze Busfahrt über starrte Grover nervös den Mittelgang und die übrigen Fahrgäste an. Mir ging auf, dass er immer nervös und fahrig war, wenn wir Yancy verließen. Er schien mit irgendeinem Unglück zu rechnen. Bisher hatte ich angenommen, er habe Angst davor, schikaniert zu werden. Aber hier im Bus war niemand, der ihn schikanieren könnte.
Endlich hielt ich es nicht mehr aus.
Ich fragte: »Hältst du Ausschau nach Wohlgesinnten?«
Grover wäre fast an die Decke gegangen. »Wa… wovon redest du?«
Ich gestand, dass ich in der Nacht vor der Klausur ihn und Mr Brunner belauscht hatte.
Grovers Augenlider zuckten. »Wie viel hast du gehört?«
»Ach … nicht viel. Was bedeutet das mit der Sommersonnenwende als Stichtag?«
Er wand sich. »Hör mal, Percy … Ich hab mir einfach Sorgen um dich gemacht, verstehst du? Ich meine, wo du Halluzinationen von dämonischen Mathelehrerinnen hast …«
»Grover …«
»Und ich habe Mr Brunner gesagt, dass du vielleicht übermäßig unter Stress stehst. Es gibt schließlich gar keine Mrs Dodds und …«
»Grover, du bist ein richtig mieser Lügner.«
Seine Ohren wurden rosa.
Dann fischte er eine schmuddelige Visitenkarte aus seiner Hemdtasche. »Behalt die einfach, ja? Falls du mich in diesem Sommer irgendwann brauchst.«
Die Karte war in Schnörkelschrift bedruckt, der pure Mord für meine legasthenischen Augen, aber endlich konnte ich so ungefähr Folgendes lesen: