Im trüben Bronzelicht der Schwertschneide war es schwer, die Gesichter der anderen zu erkennen.
Grover stieß ein trauriges Meckern aus.
»Ich hätte dir von Anfang an die Wahrheit sagen müssen.« Seine Stimme zitterte. »Aber ich dachte, wenn du wüsstest, was ich für ein Versager bin, würdest du mich nicht mitnehmen wollen.«
»Du warst der Satyr, der versucht hat, Thalia zu retten, die Tochter des Zeus.«
Er nickte düster.
»Und die anderen beiden Halbblute, mit denen Thalia sich angefreundet hatte, die beiden, die unversehrt im Camp angekommen sind …« Ich schaute Annabeth an. »Das waren du und Luke, nicht wahr?«
Sie legte ihre Kekshälfte weg. »Wie du selbst gesagt hast, Percy, ein sieben Jahre altes Halbblut wäre allein nicht sehr weit gekommen. Athene hat mir den Weg zu Leuten gezeigt, die mir helfen konnten. Thalia war zwölf. Luke war vierzehn. Beide waren von zu Hause weggelaufen, so wie ich. Sie wollten mich nur zu gern mitnehmen. Sie waren … umwerfend im Kampf gegen die Ungeheuer, und das ohne Training. Wir sind von Virginia aus ohne genauen Plan nach Norden gereist und haben zwei Wochen lang Ungeheuer abgewehrt. Dann hat Grover uns gefunden.«
»Eigentlich sollte ich Thalia ins Camp bringen«, sagte er schniefend. »Nur Thalia. Das hatte Chiron mir extra eingeschärft: Ich sollte nichts machen, was das Rettungsunternehmen aufhalten könnte. Wir wussten, dass Hades es auf sie abgesehen hatte, aber ich konnte doch Luke und Annabeth nicht alleinlassen. Ich dachte … ich dachte, ich könnte alle drei in Sicherheit bringen. Es war meine Schuld, dass die Wohlgesinnten uns eingeholt haben. Ich fror. Ich hatte Angst, als wir auf dem Rückweg zum Camp waren, und hab mich einige Male im Weg geirrt. Wenn ich nur ein wenig schneller gewesen wäre …«
»Hör auf«, sagte Annabeth. »Niemand macht dir einen Vorwurf. Auch Thalia hat dir keinen Vorwurf gemacht.«
»Sie hat sich geopfert, um uns zu retten«, jammerte Grover. »Ich war schuld an ihrem Tod. Das hat der Rat der behuften Älteren auch gesagt.«
»Weil du die beiden anderen Halbblute nicht zurücklassen wolltest?«, fragte ich. »Das ist nicht fair.«
»Percy hat Recht«, sagte Annabeth. »Wenn du nicht gewesen wärst, dann säße ich heute nicht hier, Grover. Und Luke wäre auch nicht mehr am Leben. Uns ist es egal, was der Rat sagt.«
Grover schniefte noch immer. »Ich hab eben immer Pech. Ich bin der lahmste Satyr aller Zeiten und ich finde die beiden mächtigsten Halbblute des Jahrhunderts, Thalia und Percy.«
»Du bist nicht lahm«, erklärte Annabeth. »Du hast mehr Mut als irgendein anderer Satyr, der mir je begegnet ist. Nenn mir nur zwei, die es wagen würden, in die Unterwelt zu gehen. Ich wette, Percy ist richtig froh darüber, dass du hier bei uns bist.«
Sie versetzte mir einen Tritt gegen das Schienbein.
»Ja«, sagte ich und das hätte ich auch ohne den Tritt getan. »Das war kein Zufall, dass du Thalia und mich gefunden hast, Grover. Du hast das größte Herz, das je ein Satyr besessen hat. Du bist von Natur aus ein Sucher. Und deshalb wirst du auch derjenige sein, der Pan findet.«
Ich hörte ein tiefes, zufriedenes Aufatmen. Ich wartete darauf, dass Grover etwas sagte, aber er atmete nur immer schwerer. Als er dann anfing zu schnarchen, ging mir auf, dass er eingeschlafen war.
»Wie schafft er das nur?«, fragte ich erstaunt.
»Ich weiß nicht«, sagte Annabeth. »Aber da hast du ihm wirklich etwas Nettes gesagt.«
»Das war auch so gemeint.«
Wir fuhren eine Weile schweigend weiter und wurden auf den Futtersäcken hin und her geschleudert. Das Zebra knabberte an einer Rübe. Der Löwe leckte sich die letzten Hackfleischreste von den Lippen und schaute mich hoffnungsvoll an.
Annabeth rieb die Perlen an ihrem Halsband zwischen den Fingern und schien tiefe strategische Gedanken zu hegen.
»Diese Fichtenperle«, sagte ich. »Stammt die aus deinem ersten Jahr?«
Sie schaute auf. Sie hatte nicht einmal gemerkt, was sie da tat.
»Ja«, sagte sie. »Jeden August wählen die Berater das wichtigste Ereignis des Sommers aus und malen es auf die aktuelle Tonperle. Ich habe Thalias Fichte, ein griechisches Ruderboot, das brennt, einen Zentauren im Ballkleid – das war wirklich ein seltsamer Sommer …«
»Und der Collegering stammt von deinem Vater?«
»Das geht dich nichts …« Sie unterbrach sich. »Ja. Ja. Tut er.«
»Das brauchst du mir nicht zu erzählen.«
»Nein … ist schon gut.« Sie holte Luft. »Mein Dad hat ihn mir in einem Brief geschickt, im vorletzten Sommer. Der Ring war sozusagen seine wichtigste Erinnerung an Athene. Ohne sie hätte er niemals in Harvard seinen Doktor machen können … Das ist eine lange Geschichte. Jedenfalls hat er geschrieben, ich sollte ihn jetzt haben. Er bat um Entschuldigung dafür, dass er sich so mies benommen hatte, und er behauptete, mich zu lieben und mich zu vermissen. Und er wollte, dass ich nach Hause komme und bei ihm lebe.«
»Das klingt doch gar nicht schlecht.«
»Nein, aber … das Problem war, dass ich ihm geglaubt habe. Ich habe versucht, während des Schuljahrs zu Hause zu wohnen, aber meine Stiefmutter hatte sich nicht verändert. Sie wollte ihre Kinder nicht durch das Zusammenleben mit einer Missgeburt gefährden. Ungeheuer griffen an. Wir stritten uns. Ungeheuer griffen an. Wir stritten uns. Ich hab es nicht mal bis zu den Weihnachtsferien ausgehalten. Ich habe Chiron Bescheid gesagt und bin nach Camp Half-Blood zurückgekehrt.«
»Meinst du, du wirst je wieder versuchen, bei deinem Dad zu leben?«
Sie mochte mir nicht in die Augen schauen. »Ich bitte dich. Ich steh doch nicht auf Selbstquälerei.«
»Du solltest nicht aufgeben«, riet ich ihr. »Du solltest ihm einen Brief schreiben oder so.«
»Danke für den guten Rat«, sagte sie kühl. »Aber mein Vater hat entschieden, mit wem er zusammenleben will.«
Wir schwiegen abermals.
»Wenn die Götter kämpfen«, sagte ich, »werden die Fronten dann so sein wie im Trojanischen Krieg? Athene gegen Poseidon, meine ich?«
Sie lehnte den Kopf an den Rucksack, den Ares uns gegeben hatte, und schloss die Augen. »Ich weiß nicht, wie meine Mom sich verhalten wird. Ich weiß nur, dass ich neben dir kämpfen werde.«
»Warum?«
»Weil du mein Freund bist, Algenhirn. Weitere blöde Fragen?«
Darauf fiel mir keine Antwort ein. Glücklicherweise brauchte ich ihr auch keine geben. Annabeth war eingeschlafen.
Es fiel mir schwer, ihrem Beispiel zu folgen, da Grover schnarchte und der Albinolöwe mich hungrig anstarrte, aber am Ende machte ich doch die Augen zu.
Mein Albtraum begann mit etwas, das ich schon eine Million Mal geträumt hatte: Ich musste eine Klausur schreiben, während ich eine Zwangsjacke trug. Alle anderen waren schon in die Pause gegangen und der Lehrer sagte immer wieder: Na los, Percy. Du bist doch nicht blöd. Nimm schon deinen Bleistift.
Aber dann änderte der Traum sich.
Ich schaute zum Nachbartisch hinüber und da saß ein Mädchen, ebenfalls in einer Zwangsjacke. Sie war in meinem Alter und hatte eine wilde schwarze Punkfrisur, dunkle Tusche um ihre wütenden grünen Augen und jede Menge Sommersprossen auf der Nase. Aus irgendeinem Grund wusste ich, wer sie war. Sie war Thalia, die Tochter des Zeus.
Sie wehrte sich gegen ihre Zwangsjacke, starrte mich in ihrem Frust wütend an und fauchte: Na, Algenhirn? Einer von uns muss hier raus.
Da hat sie Recht, dachte mein Traum-Ich. Ich gehe zurück in die Höhle. Und da werd ich Hades mal ordentlich die Meinung geigen.
Die Zwangsjacke schmolz. Ich fiel durch den Boden des Klassenzimmers. Die Stimme des Lehrers veränderte sich mehr und mehr und wurde schließlich kalt und gemein und hallte aus den Tiefen eines Abgrunds wider.
Percy Jackson, sagte sie. Ja, der Austausch hat geklappt, wie ich sehe.
Ich stand wieder in der dunklen Höhle und um mich herum waberten die Geister der Toten. Das unsichtbare Monster in der Grube sprach, aber diesmal war ich nicht gemeint. Die betäubende Kraft seiner Stimme schien sich an jemand anderen zu richten.