Wir stolperten hinaus in den Wüstennachmittag. Es waren mindestens vierzig Grad und wir sahen bestimmt aus wie frittierte Vagabunden, nur interessierte sich alle Welt viel zu sehr für die wilden Tiere, um überhaupt auf uns zu achten.
Wir kamen vorbei am Monte Carlo und am MGM. Wir kamen vorbei an Pyramiden, einem Seeräuberschiff und der Freiheitsstatue, die eine ziemlich kleine Kopie war, bei deren Anblick ich aber trotzdem Heimweh bekam.
Ich wusste nicht so recht, was wir eigentlich suchten. Vielleicht einfach eine Möglichkeit, für ein paar Minuten der Hitze zu entkommen, einen Sandwich zu essen und ein Glas Limo zu trinken und uns zu überlegen, wie wir nun weiterreisen sollten.
Wir waren aber offenbar falsch abgebogen, denn wir landeten in einer Sackgasse vor dem Lotos Hotel und Kasino. Der Eingang war eine riesige Neonblume, die Blütenblätter blinkten. Niemand ging ins Haus oder kam heraus, aber die glitzernden Chromtüren standen offen und ließen klimatisierte Luft nach draußen strömen, die nach Blumen roch – vielleicht nach Lotosblüten. Ich hatte noch nie an einer gerochen, deshalb wusste ich das nicht so recht.
Der Türsteher lächelte uns an. »He, Kids. Ihr seht müde aus. Wollt ihr euch nicht einen Moment setzen?«
In der vergangenen Woche hatte ich gelernt, misstrauisch zu sein. Schließlich konnte ja jeder ein Ungeheuer oder ein Gott sein. Man wusste es einfach nicht. Aber dieser Typ war normal. Das sah ich auf den ersten Blick. Außerdem war es so eine Erleichterung, dass jemand mitfühlend klang, also nickte ich und sagte, dass wir schrecklich gern hereinkommen würden. Drinnen sahen wir uns um und Grover sagte: »Boah!«
Das Hotelfoyer war ein einziger riesiger Saal voller Spiele. Und ich rede hier nicht von langweiligen alten Pacman-Spielen oder Spielautomaten. Es gab eine Wasserrutschbahn, die sich um den gläsernen Fahrstuhl wand, der mindestens vierzig Stockwerke hochfuhr. Auf der einen Seite waren eine Kletterwand und eine Bungee-Anlage angebracht. Es gab Virtual-Reality-Anzüge mit funktionierenden Lasergewehren. Und Hunderte von Videospielen, jedes von der Größe eines Großbildfernsehers. Im Grunde gab es einfach alles. Ein paar Kinder spielten hier, aber viele waren es nicht. Nirgendwo sah ich Warteschlangen. Überall gab es Kellnerinnen und Imbissstände, wo alles serviert wurde, was man sich überhaupt nur vorstellen konnte.
»He«, sagte plötzlich ein Hotelpage. Dafür hielt ich ihn zumindest. Er trug ein weites gelbes Hawaiihemd mit Lotosblütenmuster, Shorts und Flipflops. »Willkommen im Lotos Kasino. Hier ist euer Zimmerschlüssel.«
Ich stotterte: »Äh, aber …«
»Nein, nein«, sagte er lachend. »Die Rechnung ist bezahlt. Keine zusätzlichen Gebühren, kein Trinkgeld. Fahrt einfach nach ganz oben, Zimmer 4001. Wenn ihr etwas braucht, Extrablasen für den Whirlpool oder Munition für das Schießgelände oder was auch immer, dann meldet euch einfach an der Rezeption. Hier sind eure Lotos Cash Cards. Die gelten in den Restaurants und bei allen Spielen und Geräten.«
Er reichte uns drei grüne Plastikkarten.
Ich wusste, dass hier ein Missverständnis vorlag. Offenbar hielt er uns für die Kinder irgendwelcher Milliardäre. Aber ich nahm die Karten und fragte: »Und wie viel ist darauf?«
Er runzelte die Stirn. »Wie meinst du das?«
»Ich meine, wann ist sie leer?«
Er lachte. »Ach, das sollte ein Witz sein. Klasse. Amüsiert euch.«
Wir fuhren mit dem Fahrstuhl nach oben und sahen uns unser Zimmer an. Es war eine Suite mit drei Schlafzimmern und einer Bar voller Süßigkeiten, Getränke und Chips. Haustelefon für den Zimmerservice. Weiche Handtücher und Wasserbetten mit Daunenkissen. Ein Großbildfernseher mit Satellitenempfang und High-Speed-Internet. Auf dem Balkon gab es einen Whirlpool und außerdem eine Tontaubenanlage und ein Gewehr, man konnte Tontauben über Vegas fliegen lassen und sie dann abknallen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das erlaubt war, aber ich fand es ziemlich cool. Der Blick über den Sunset Strip und die Wüste war umwerfend, auch wenn ich nicht glaubte, dass wir viel Zeit haben würden, den Blick zu genießen.
»Meine Güte«, sagte Annabeth. »Das ist doch …«
»Super«, sagte Grover. »Einfach super.«
Im Schrank lagen Kleider, und sie passten mir. Ich runzelte die Stirn. Das war dann doch ein wenig seltsam.
Ich warf Ares’ Rucksack in den Mülleimer. Den würde ich nicht mehr brauchen, wenn wir aufbrachen, konnte ich mir ja einfach im Hotelladen einen neuen holen.
Ich duschte, was nach einer Woche Reisedreck ein wunderbares Gefühl war. Ich zog frische Kleidung an, aß eine Tüte Chips, trank drei Cokes und fühlte mich wohler als seit langer Zeit. Aber irgendwo in meinem Hinterkopf setzte mir ein kleines Problem zu. Ich hatte etwas geträumt … Ich musste mit meinen Freunden sprechen. Aber das hatte sicher noch Zeit.
Ich verließ mein Schlafzimmer und stellte fest, dass auch Annabeth und Grover geduscht und sich umgezogen hatten. Grover stopfte sich mit Kartoffelchips voll und Annabeth schaute sich im Fernsehen eine Sendung auf National Geographic an.
»Wir haben Unmengen von Sendern«, sagte ich zu ihr. »Und du suchst dir National Geographic aus. Spinnst du eigentlich?«
»Das ist interessant.«
»Mir geht’s gut«, sagte Grover. »Hier ist es wunderbar.«
Er merkte gar nicht, dass die Flügel aus seinen Schuhen schossen, ihn dreißig Zentimeter hochhoben und wieder absetzten.
»Und was jetzt?«, fragte Annabeth. »Schlafen?«
Grover und ich wechselten einen Blick und grinsten. Wir hielten unsere grünen Plastikkarten hoch.
»Jetzt wird gespielt«, sagte ich.
Ich wusste nicht, wann ich zuletzt so viel Spaß gehabt hatte. Ich kam aus einer ziemlich armen Familie. Wir hatten schon das Gefühl, über die Stränge zu schlagen, wenn wir bei Burger King aßen und uns ein Video liehen. Ein Fünfsternehotel in Las Vegas? Wäre nie drin gewesen.
Ich machte an der Rezeption fünf oder sechs Bungeesprünge, rutschte auf der Wasserrutschbahn, war mit dem Snowboard auf der künstlichen Skipiste unterwegs und spielte Virtual-Reality-Laserschütze und FBI-Scharfschütze. Ab und zu sah ich Grover, er lief von einem Spiel zum anderen. Ihm gefiel diese umgekehrte Jägerei – wo das Wild loszieht und die Jäger abknallt. Ich sah Annabeth bei einem Quiz und anderen Hirnispielen. Es gab so ein riesiges 3-D-Spiel, wo man eine eigene Stadt bauen konnte und auf dem Display auch wirklich sah, wie die Häuser als Hologramme entstanden. Ich fand es doof, aber Annabeth war hin und weg.
Ich weiß nicht so recht, wann mir zum ersten Mal aufging, dass hier etwas nicht stimmte.
Vermutlich als ich den Typen sah, der bei den Virtual-Reality-Scharfschützen neben mir stand. Er war vielleicht dreizehn und komisch angezogen. Ich hielt ihn für den Sohn eines Elvis-Doppelgängers. Er trug eine unten ganz weite Hose und ein rotes T-Shirt mit schwarzen Nähten und hatte mit Pomade vollgeschmierte Dauerwellen wie ein Mädchen aus New Jersey beim Schulball.
Wir spielten zusammen eine Runde Scharfschützen und er sagte: »Dufte, Mann. Bin seit zwei Wochen hier und die Spiele werden besser und besser.«
Dufte?
Als wir uns weiter unterhielten, sagte ich was von »krass« und er schaute mich irgendwie verwirrt an, als ob er diesen Ausdruck noch nie gehört hätte.
Er stellte sich als Darrin vor, aber als ich dann anfing, ihm Fragen zu stellen, fand er das langweilig und wollte zum Computer zurück.
Ich sagte: »Du, Darrin?«
»Was?«
»Welches Jahr haben wir?«
Er runzelte die Stirn. »Im Spiel?«
»Nein. Im echten Leben.«
Darüber musste er nachdenken. »1977.«
»Nein«, sagte ich und bekam ein wenig Angst. »In echt.«
»He, Mann, nerv nicht. Ich hab hier ein Spiel am Laufen.«
Und danach war ich Luft für ihn.
Ich fing an, mit anderen Leuten zu reden, aber das war nicht leicht. Sie klebten an ihren Bildschirmen, an den Videospielen, an ihrem Essen oder woran auch immer. Ich fand einen Typen, der behauptete, es sei 1985. Ein anderer war für 1993. Alle behaupteten, noch nicht lange hier zu sein, nur ein paar Tage oder höchstens ein paar Wochen. Sie wussten es nicht so genau und es war ihnen auch egal.