Da kam mir ein Gedanke: Wie lange war ich wohl schon hier? Es kam mir vor wie ein paar Stunden, aber stimmte das?
Ich versuchte mich daran zu erinnern, warum wir hier waren. Eigentlich waren wir unterwegs nach Los Angeles. Dort sollten wir den Eingang zur Unterwelt finden. Meine Mutter … eine schreckliche Sekunde lang konnte ich mich nicht an ihren Namen erinnern. Sally. Sally Jackson. Ich musste sie finden. Und ich musste Hades daran hindern, den Dritten Weltkrieg loszutreten.
Ich fand Annabeth, die noch immer ihre Stadt baute.
»Komm jetzt«, sagte ich zu ihr. »Wir müssen weg hier.«
Keine Reaktion.
Ich schüttelte sie. »Annabeth!«
Sie schaute genervt hoch. »Was?«
»Wir müssen los.«
»Los? Was redest du denn da? Ich hab gerade die Türme …«
»Das hier ist eine Falle.«
Sie reagierte erst, als ich sie noch einmal schüttelte. »Was?«
»Hör zu. Die Unterwelt! Unsere Aufgabe!«
»Ach, hör doch auf, Percy. Nur noch ein paar Minuten.«
»Annabeth, hier sind Leute von 1977. Kinder, die nicht gealtert sind. Wenn du erst mal hier reingeraten bist, dann bleibst du für immer.«
»Na und?«, fragte sie. »Kannst du dir einen besseren Aufenthaltsort vorstellen?«
Ich packte ihre Handgelenke und zerrte sie von ihrem Spiel fort.
»He!« Sie schrie und schlug nach mir, aber niemand achtete auf uns. Sie waren beschäftigt.
Ich zwang sie, mir in die Augen zu schauen. Ich sagte: »Spinnen. Große, behaarte Spinnen.«
Das rüttelte sie auf. Ihre Augen wurden klarer. »Himmel«, sagte sie. »Wie lange sind wir …«
»Ich weiß nicht, aber wir müssen Grover finden.«
Wir machten uns auf die Suche und fanden ihn in die Jägerjagd vertieft.
»Grover!«, brüllten wir beide.
Er sagte: »Stirb, Mensch! Stirb, du blödes Umweltschwein!«
»Grover!«
Er richtete sein Plastikgewehr auf mich und drückte ab, als sei ich einfach nur eine Figur auf seinem Bildschirm.
Ich sah Annabeth an und dann packten wir Grover an den Armen und zogen ihn mit uns. Seine fliegenden Schuhe erwachten zum Leben und wollten seine Beine in die Gegenrichtung zerren und er schrie: »Nein! Ich hatte gerade eine neue Ebene erreicht! Nein!«
Der Page kam angerannt. »Na, seid ihr reif für Platinkarten?«
»Wir gehen«, sagte ich.
»Wie schade«, sagte er und ich hatte das Gefühl, dass er das wirklich so meinte, dass es ihm das Herz brechen würde, wenn wir jetzt gingen. »Wir haben eben ein neues Stockwerk voller Spiele für die Inhaber von Platinkarten eröffnet.«
Er hielt uns die Karten hin und ich wollte eine haben. Ich wusste, wenn ich eine nähme, würde ich diesen Ort nie verlassen. Ich würde hier bleiben, auf ewig glücklich, auf ewig mit Spielen beschäftigt, und bald würde ich meine Mom und meine Aufgabe und vielleicht sogar meinen Namen vergessen haben. Ich würde bis in alle Ewigkeit mit dem duften Disco-Darrin virtuelles Schießen veranstalten.
Grover streckte die Hand nach der Karte aus, aber Annabeth riss seinen Arm zurück und sagte: »Nein, danke.«
Während wir auf die Tür zugingen, schienen der Duft des Essens und die Geräusche der Spiele immer einladender zu werden. Ich dachte an unser Zimmer oben. Wir könnten einfach über Nacht bleiben, dieses eine Mal in einem echten Bett schlafen …
Dann liefen wir aus dem Lotos Kasino und den Bürgersteig entlang. Ich hatte das Gefühl, dass es der Nachmittag des Tages war, an dem wir das Kasino betreten hatten, aber das konnte nicht sein. Das Wetter war komplett umgeschlagen. Es war stürmisch und draußen über der Wüste zuckten Blitze.
Ich hatte noch immer Ares’ Rucksack über der Schulter hängen – seltsam, dabei war ich sicher, dass ich ihn auf Zimmer 4001 in den Mülleimer geworfen hatte. Aber im Moment hatte ich wirklich andere Probleme.
Ich rannte zum nächsten Zeitungskiosk und suchte zuerst die Jahreszahl. Den Göttern sei Dank, dachte ich, es war noch dasselbe Jahr. Dann sah ich das Datum: 20. Juni.
Wir hatten fünf Tage im Lotos Kasino verbracht.
Uns blieb nur noch ein Tag bis zur Sommersonnenwende. Ein Tag, um unseren Auftrag auszuführen.
Wir sehen uns Wasserbetten an
Es war Annabeths Idee.
Sie zwängte uns auf die Rückbank eines Taxis, als ob wir Geld hätten, und sagte zum Fahrer: »Los Angeles, bitte.«
Der Taxifahrer kaute auf seiner Zigarre herum und musterte uns. »Das sind über dreihundert Kilometer. Da müsst ihr im Voraus blechen.«
»Nehmen Sie Kasinokarten?«, fragte Annabeth.
Er zuckte mit den Schultern. »Einige. Is’ wie mit Kreditkarten. Muss sie erst mal durchziehen.«
Annabeth reichte ihm ihre grüne Lotos Cash Card.
Er musterte sie skeptisch.
»Ziehen Sie sie durch«, bat Annabeth.
Das tat er.
Sofort tickte sein Apparat los. Die Lichter blinkten. Schließlich tauchte neben dem Dollarzeichen das Symbol für unendlich auf.
Ihm fiel die Zigarre aus dem Mund. Er drehte sich zu uns um und machte große Augen. »Wohin in Los Angeles … äh, Eure Hoheit?«
»Zum Pier in Santa Monica.« Annabeth setzte sich ein wenig gerader. Ich merkte, dass ihr das mit der Hoheit gefiel. »Wenn es schnell geht, können Sie den Rest behalten.«
Vielleicht hätte sie das nicht sagen dürfen.
Während der ganzen Fahrt durch die Mojavewüste fiel der Tacho nie unter hundertfünfzig.
Unterwegs hatten wir Zeit genug zum Reden. Ich erzählte Annabeth und Grover von meinem letzten Traum, aber je mehr ich versuchte, mich zu erinnern, umso vager wurden die Details. Das Lotos Kasino schien in meinem Gedächtnis einen Kurzschluss ausgelöst zu haben. Ich wusste nicht mehr, wie die Stimme des unsichtbaren Knechts sich angehört hatte, aber ich war sicher, dass ich ihn kannte. Der Knecht hatte das Ungeheuer in der Grube nicht nur »hoher Herr« genannt, er hatte auch einen besonderen Namen oder Titel verwendet.
»Schweigender«, schlug Annabeth vor. »Reicher? Beides sind Beinamen für Hades.«
»Kann sein«, sagte ich, aber keiner dieser Namen hörte sich richtig an.
»Dieser Thronsaal scheint wie der von Hades zu sein«, sagte Grover. »Jedenfalls wird er normalerweise so beschrieben.«
Ich schüttelte den Kopf. »Irgendwas stimmt nicht. Der Thronsaal war nicht so wichtig in meinem Traum. Und die Stimme aus der Grube … ich weiß nicht. Sie klang einfach nicht wie die Stimme eines Gottes.«
Annabeth riss die Augen auf.
»Was ist los?«, fragte ich.
»Ach … nichts. Nur … nein, es muss einfach Hades sein. Vielleicht hat er diesen Dieb geschickt, den wir nicht kennen, um den Herrscherblitz zu holen, und dann ist irgendwas schiefgegangen …«
»Zum Beispiel?«
»Ich … ich weiß nicht«, sagte sie. »Aber wenn er das Machtsymbol des Zeus vom Olymp gestohlen hat und wenn die Götter Jagd auf ihn machen, dann kann eben sehr viel schiefgehen. Der Dieb musste den Blitz verstecken. Vielleicht hat er ihn auf irgendeine Weise verloren. Jedenfalls hat er ihn nicht zu Hades bringen können. Das hat die Stimme in deinem Traum doch gesagt, oder? Der Typ hat versagt. Und das erklärt, was die Furien bei ihrem Angriff im Bus gesucht haben. Vielleicht dachten sie, wir hätten den Blitz schon zurückgeholt.«
Ich wusste nicht, was mit ihr los war. Sie sah bleich aus.
»Aber wenn ich den Blitz schon geholt hätte«, sagte ich, »warum sollte ich dann die Unterwelt aufsuchen?«
»Um Hades zu bedrohen«, schlug Grover vor. »Um ihn zu bestechen oder zu erpressen, damit du deine Mom zurückbekommst.«
Ich stieß einen Pfiff aus. »Für eine Ziege hast du eine ganz schön fiese Fantasie.«
»Ja, danke.«
»Aber das Ding in der Grube hat gesagt, dass es auf zwei Gegenstände wartet«, sagte ich. »Wenn der Herrscherblitz der eine ist, was ist dann der andere?«