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Sie winkte ihr Seepferd herbei und ritt auf den Abgrund zu.

»Warte!«, rief ich. »Im Fluss hast du gesagt, ich dürfte Geschenken nicht trauen. Was für Geschenken?«

»Leb wohl, junger Held«, rief sie zurück und ihre Stimme verhallte in der Tiefe. »Du musst auf dein Herz hören!« Sie wurde zu einem glühenden grünen Fleck und war verschwunden.

Ich wollte ihr hinab in die Dunkelheit folgen. Ich wollte Poseidons Hof sehen. Aber ich schaute hinauf in den Sonnenuntergang, der die Wasseroberfläche dunkler werden ließ. Meine Freunde warteten. Wir hatten so wenig Zeit …

Ich stieß mich ab und schwamm nach oben.

Als ich den Strand erreichte, war meine Kleidung sofort trocken. Ich erzählte Grover und Annabeth, was passiert war, und zeigte ihnen die Perlen.

Annabeth schnitt eine Grimasse. »Jedes Geschenk hat seinen Preis.«

»Die haben nichts gekostet.«

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »›Ein Essen umsonst gibt es nicht!‹ Das ist ein altgriechisches Sprichwort, das auch heute noch stimmt. Es wird seinen Preis haben. Warte nur.«

Mit diesem glücklichen Gedanken kehrten wir dem Meer den Rücken zu.

Wir fuhren mit dem Bus nach West Hollywood und bezahlten mit Münzen aus Ares’ Rucksack. Ich zeigte dem Fahrer den Adressaufkleber, den ich aus Tante Ems Gartenzwerg-Emporium mitgenommen hatte, aber er hatte noch nie von den DOA-Studios gehört.

»Du erinnerst mich an jemanden, den ich im Fernsehen gesehen habe«, sagte er. »Bist du ein Kinderstar oder so was?«

»Äh … ich bin Double … für allerlei Kinderstars.«

»Ach. Na, dann.«

Wir dankten ihm und stiegen an der nächsten Haltestelle schnell aus.

Dann gingen wir Kilometer um Kilometer zu Fuß und suchten die DOA-Studios. Kein Mensch schien zu wissen, wo sie lagen. Im Telefonbuch waren sie nicht verzeichnet.

Zweimal verschwanden wir in Seitenstraßen, um Streifenwagen auszuweichen.

Vor einem Ladenfenster erstarrte ich, denn dort lief in einem Fernseher ein Interview mit jemandem, der mir sehr bekannt vorkam – mit meinem Stiefvater, Gabe dem Stinker. Er unterhielt sich mit Barbara Walters – wie ein echter Promi. Sie interviewte ihn in unserer Wohnung, mitten in einer Pokerrunde, und neben ihm saß eine junge Blondine und streichelte seine Hand.

Auf seiner Wange glitzerte eine Krokodilsträne. »Ehrlich, Ms Walters, ohne Sugar, meine Trauertherapeutin, wäre ich ein Wrack. Mein Stiefsohn hat mir alles genommen, was mir wichtig war. Meine Frau … meinen Camaro … verzeihen Sie, ich kann einfach nicht darüber reden.«

»Da hast du es, Amerika.« Barbara Walters wandte sich der Kamera zu. »Ein gebrochener Mann. Ein Junge mit ernsthaften Problemen. Wir bringen jetzt noch einmal das letzte bekannte Foto dieses gestörten jungen Flüchtlings, das vor einer Woche in Denver aufgenommen wurde.«

Der Bildschirm zeigte ein unscharfes Foto von mir, Annabeth und Grover vor dem Imbiss in Colorado, wir sprachen gerade mit Ares.

»Wer sind die anderen Kinder auf dem Foto?«, fragte Barbara Walters dramatisch. »Wer ist dieser Mann? Ist Percy Jackson ein Verbrecher, ein Terrorist oder vielleicht das einer Gehirnwäsche unterzogene Opfer eines entsetzlichen neuen Kults? Nach dem Werbespot werden wir uns mit führenden Kinderpsychologen unterhalten. Bleib dran, Amerika!«

»Los«, sagte Grover. Er zog mich weg, ehe ich das Ladenfenster einschlagen konnte.

Es wurde dunkel und ziemlich übel aussehende Typen bevölkerten die Straße. Versteht das jetzt nicht falsch. Ich bin aus New York. Ich fürchte mich nicht so schnell. Aber die Szene hier in L. A. war ganz anders als die in New York. Zu Hause war mir alles vertraut. Egal wie groß die Stadt auch war, man konnte sich einfach nicht verlaufen. Straßenmuster und U-Bahn-Linien ergaben einen Sinn. Alles hatte sein System. Ein Kind war da sicher, solange es sich nicht blöd verhielt.

L. A. war nicht so. Es war unübersichtlich, chaotisch, unwegsam. Es erinnerte mich an Ares. L. A. reichte es nicht, groß zu sein, es musste sich das auch noch beweisen, indem es laut und fremdartig und unwirklich war. Ich hatte keinen Schimmer, wie wir bis zum nächsten Tag, der Sommersonnenwende, den Eingang zur Unterwelt finden wollten.

Wir gingen vorbei an brutalen Schlägertypen, Pennern und Straßendieben, die uns musterten, als fragten sie sich, ob wir die Mühe eines Überfalls lohnten.

Als wir an einer Seitenstraße vorüberliefen, sagte eine Stimme aus der Dunkelheit: »He, du.«

Wie ein Blödmann blieb ich stehen.

Ehe ich mich’s versah, waren wir umzingelt. Eine Bande von Jugendlichen drängte sich um uns zusammen. Sie waren sechs – weiße Jungs mit teuren Kleidern und gemeinen Gesichtern. Wie in der Yancy Academy: reiche Blödmänner, die böse Buben spielen.

Instinktiv drehte ich die Kappe von meinem Schwert.

Als das Schwert aus dem Nichts auftauchte, wichen die Typen zurück, nur ihr Anführer war entweder strohdoof oder ungeheuer tapfer, denn er kam mit einem Springmesser auf mich zu.

Ich war dumm genug, das Schwert zu schwingen.

Der Junge schrie auf. Aber er war offenbar durch und durch sterblich, denn die Schneide lief einfach durch seine Brust. Er schaute an sich hinunter. »Was zum …«

Ich nahm an, dass mir wohl drei Sekunden blieben, ehe sein Schock in Wut umschlug. »Lauft«, schrie ich Annabeth und Grover an.

Wir stießen zwei Jungen beiseite und rannten die Straße entlang, ohne zu wissen, wohin. Wir bogen um eine scharfe Kurve.

»Da!«, rief Annabeth.

Nur ein Laden weit und breit sah geöffnet aus, seine Fenster waren neonerleuchtet. Über der Tür stand so in etwa: CRSTUYS WASSRE BTTE ALPAST.

»Crustys Wasserbettpalast?«, übersetzte Grover.

Das klang wie ein Ort, den ich nur im Notfall aufsuchen würde, aber das war ja wirklich einer.

Wir stürzten durch die Tür und warfen uns hinter ein Wasserbett. Gleich darauf stürmte draußen die Bande vorbei.

»Ich glaube, wir haben sie abgeschüttelt«, keuchte Grover.

Hinter uns rief eine dröhnende Stimme: »Wen denn?«

Wir fuhren zusammen.

Hinter uns stand ein Typ, der aussah wie ein Schwerverbrecher im Freizeitanzug. Er war mindestens zwei Meter zehn und total kahl, hatte graue, lederartige Haut, Augen mit schweren Lidern und ein kaltes Reptilienlächeln. Er kam langsam auf uns zu, aber ich hatte das Gefühl, dass er sich bei Bedarf auch sehr schnell bewegen konnte.

Sein Anzug hätte aus dem Lotos Kasino stammen können. Er gehörte in die siebziger Jahre, hundertpro. Sein Seidenhemd mit Paisleymuster war bis zur Hälfte seiner behaarten Brust aufgeknöpft. Das Revers seiner Samtjacke war breit wie eine Landebahn. Und die Silberketten um seinen Hals – die konnte ich gar nicht zählen.

»Ich bin Crusty«, sagte der Mann mit mayonnaisegelbem Lächeln.

Ich widerstand dem Drang zu sagen: »So sehen Sie auch aus.«

»Tut uns leid, so reinzuplatzen«, sagte ich. »Wir wollten uns nur mal, äh, umsehen.«

»Du meinst, euch vor diesen Tunichtguten verstecken«, knurrte er. »Die lungern jeden Abend hier rum. Ich krieg durch sie ganz schön Kundschaft. Also, wollt ihr euch ein Wasserbett ansehen?«

Ich wollte schon »Nein danke« sagen, aber er legte mir seine Pranke auf die Schulter und schob mich weiter in den Laden hinein.

Dort gab es alle Arten von Wasserbetten, die man sich überhaupt nur vorstellen kann, aus verschiedenem Holz, mit verschiedenen Mustern, Queensize, Kingsize, Kaiser-des-Universums-Size.

»Das ist mein beliebtestes Modell.« Crusty breitete stolz seine Arme aus über einem Bett mit schwarzer Satinwäsche und eingebauten Lavalampen am Kopfende. Die Matratze vibrierte und sah aus wie öliger Wackelpudding.

»Die Massage der Millionen Hände«, erklärte Crusty. »Na, probiert es doch einfach mal aus. Macht ein Nickerchen, ist mir doch egal. Heute kann ich ja doch keine Geschäfte mehr machen.«